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Nigeria bestimmt Präsidenten - Wahlen im Schatten der Terrormilizen

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Nigeria nimmt heute einen neuen Anlauf zur Präsidenten- und Parlamentswahl. Gewalt bestimmt das Leben vieler Nigerianer. Das Trauma des Terrors überschattet den Urnengang.

Anhänger von Muhammadu Buhari am 13.02.2019 in Abuja (Nigria)
Anhänger von Muhammadu Buhari - die Begeisterung für den Präsidenten hat nachgelassen.
Quelle: ap

Fast täglich kommt es in Nigeria zu Angriffen. Die anhaltende Gewalt durch die islamistische Terrormiliz Boko Haram im Norden und Nordosten des Landes wirft auch seine Schatten auf die Parlaments- und Präsidentenwahl. Viele Menschen im Land fragen sich, ob Präsident Muhammadu Buhari, der für eine weitere Amtszeit kandidiert, noch einmal ihre Stimme verdient.

Einer von ihnen ist Baba Inuwa. Er hatte sich gefreut, nach Hause zurückkehren zu können, auf seine Gemüsefarm im Nordosten Nigerias. Das Militär hatte in seinem jahrelangen Krieg gegen Boko Haram Fortschritte erzielt, und Präsident Buhari versicherte, dass der Aufstand niedergeschlagen sei. Da fühlte sich Inuwa ermutigt genug, das Vertriebenenlager zu verlassen, in dem er zuvor Zuflucht vor der Terrormiliz gesucht hatte, und sich - wie Tausende andere auch - auf den Weg nach Hause zu machen.

"Wir dachten, dass alles vorbei ist und Boko Haram niemals zurückkommen kann", schildert der Nigerianer. Aber im vergangenen Monat rollten die Extremisten fahnenschwingend mit ihren Fahrzeugen in Inuwas Heimatstadt Baga nahe dem Tschadsee und erklärten sie zu ihrem Territorium.

Karte Nigeria
Quelle: zdf

Und so wurden der Farmer und viele andere Einwohner wieder zu Flüchtlingen, ließen ihr Hab und Gut ein weiteres Mal zurück. Ihr Fußmarsch führte durch die ausgedörrte Sahelzone südlich der Sahara - so beschwerlich, dass einige schwangere Frauen eine Fehlgeburt erlitten und mehrere Ältere starben. Inuwa ist nun wieder in einem Lager in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, die bereits mehr als eine Million Vertriebene beherbergt.

IS-Ableger terrorisiert das Land

Nigerias Regierung räumt mittlerweile ein Wiedererstarken von Extremisten im Land ein, mit 190 Millionen der bevölkerungsreichste Staat in Afrika. Diesmal handelt es sich um einen Ableger von Boko Haram, der sich "Islamischer Staat in der Provinz Westafrika" nennt. Es ist die stärkste Präsenz der Terrormiliz IS außerhalb der Nahostregion: Schätzungen gehen von mehr als 3.000 Kämpfern aus.

Anschlag des Islamischer Staats am 07.02.2019 in Monguno (Nigria)
Anschlag islamistischer Terroristen am 07.02.2019 in Monguno
Quelle: ap

Zwar hat die Nationalversammlung eine Rekordsumme von umgerechnet 130 Millionen Euro für die Sicherheit bei der Präsidentschafts- und Parlamentswahl bereitgestellt, aber manche Wahlhelfer in entlegenen Gebieten wollten aus Angst vor Angriffen nicht eingesetzt werden. Die Opposition wandte sich dagegen, dass Wahlurnen in von der Regierung kontrollierten Lagern aufgestellt werden, die in "befreiten" Gemeinden als die sichersten Orte gelten.

Sinkende Zustimmung für Buhari

Security-Wahlplakat am 12.02.2019 in Abuja (Nigria)
Wahlplakat in Abuja
Quelle: ap

Der einstige Diktator Buhari kehrte 2015 per Wahl an die Macht zurück, mit dem Versprechen, die extremistische Bedrohung und Korruption im Land auszurotten und die Wirtschaft voranzubringen. Er genießt zwar in den meisten nördlichen Bundesstaaten - seiner angestammten Heimat - noch Unterstützung. Aber die Begeisterung hat angesichts der Erkenntnis, dass der islamistische Aufstand auch nach einer Dekade bei weitem nicht vorbei ist, spürbar nachgelassen.

Mehr als 27.000 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren ums Leben gekommen, Hunderte Schulmädchen wurden entführt und Millionen Menschen vertrieben. Und kein Ende ist in Sicht, entgegen allen Hoffnungen: Da könnte Buhari das gleiche Schicksal ereilen wie den früheren Präsidenten Goodluck Jonathan - dieser konnte den Aufstand ebenfalls nicht stoppen und verlor dann die Wahl im Jahr 2015. Buharis Herausforderer ist der einstige Vizepräsident Atiku Akhbar, wie er ein Muslim aus dem Norden. Es wird ein enges Rennen erwartet.

Extremisten gewinnen an Kraft

Anfangs, nach Buharis Amtsantritt, hatte es noch so ausgesehen, als könnte das Militär Boko Haram tatsächlich den Garaus machen. Aus vielen Gemeinden wurden Kämpfer vertrieben, Einwohner zur Rückkehr aufgerufen. Aber gegen Ende 2018 gewannen die mit dem Islamischen Staat verbundenen Extremisten wieder an Kraft und griffen Militärstützpunkte an.

Die Regierung musste den Verlust Dutzender Soldaten zugeben, und schockiert erkannte sie, dass die Extremisten mit dem Einsatz von Drohnen begonnen hatten - was auf Verbindungen zu IS-Kämpfern aus den einstigen Hochburgen Syrien und Irak hindeutet.

"Der IS hat jetzt in Westafrika fest Fuß gefasst, und Nigeria befindet sich an der vordersten Front des Kampfes", erklärte Informationsminister Lai Mohammed kürzlich. Dem US-Afrikakommando zufolge sind die Kämpfer besorgniserregender als Boko Haram und personell ungefähr drei Mal so stark.

Zehntausende auf der Flucht

Nach UN-Angaben sind seit November 59.000 Einwohner vor den Angriffen der Gruppe geflohen. Bis zu 35 Attacken wurden allein im Januar in den Bundesstaaten Borno und Yobe gezählt. Die mittlerweile menschenleere Grenzstadt Rann traf es im vergangenen Monat gleich zwei Mal, humanitäre Hilfszentren wurden verwüstet oder niedergebrannt.

Die Extremisten halten auch weiterhin Baga besetzt, wie der Gemüsebauer Inuwa sagte. Er berief sich dabei auf geflüchtete Einwohner, die in die Stadt zurückkehrten, um ihre Wertgegenstände zu holen. Inuwa ist nach eigenen Angaben wenig von Buharis Vorgehen in Sachen Sicherheit beeindruckt, aber wird ihn bei der Wahl wohl trotzdem unterstützen, "damit er auf dem Fundament aufbauen kann, das er bereits geschaffen hat".

Falmata Modu ist ebenfalls aus Baga geflüchtet. Sie sei froh, dass sie ihren Wählerausweis mitgenommen habe, erzählt sie. 2015 hat Modu für Buhari gestimmt, aber dieses Jahr will sie es nicht. "Ich kann immer noch nicht über den Schmerz hinwegkommen, dass ich mit einigen meiner Enkelkinder flüchten musste, die flehentlich nach Wasser gerufen und gefragt haben, warum wir in der Wildnis sind", sagt die Nigerianerin. "Es ist traurig, dass ich nicht antworten konnte."

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