Sie sind hier:

Vor Nationalratswahl in Österreich - "Wir haben es mit Entsachlichung der Politik zu tun"

Datum:

Österreich hat den wohl schmutzigsten Wahlkampf hinter sich, den das Land je erlebt hat. Im heute.de-Interview spricht der Wiener Kommunikationsforscher Jörg Matthes über die Hintergründe der Schlammschlachten. Zudem fordert er: "Die Medien sollten nicht jeden Vorwurf hochkochen."

Dreikampf ums Kanzleramt in Österreich: Kurz, Kern oder Strache? Die Wahl könnte eine Zeitenwende einläuten. Denn dass die Rechtspopulisten mit Heinz-Christian Strache im Bund mitregieren könnten, gilt als wahrscheinlich.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

heute.de: Nicht wenige Beobachter sehen im aktuellen Wahlkampf in Österreich den schmutzigsten, den das Land je gesehen habe. Teilen Sie diese Ansicht?

Jörg Matthes: Das kann man durchaus so sehen. Der Wahlkampf ist tatsächlich zu einer richtigen Schlammschlacht geworden und das gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen herrschte - abgesehen von der "Elefanten-Runde" am Donnerstag - in allen TV-Konfrontationen ein rauer Ton voll von Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Das Ganze geht bis hin zur Klage. Zum anderen findet die wahre Schlammschlacht im Internet statt -  zwar nicht durch die Parteien direkt, aber indirekt durch parteinahe Blogger und Facebook-Seiten, deren Quelle nicht immer leicht auszumachen ist. Beides zusammen gibt einen schmutzigen Wahlkampf.

heute.de: Und durch die medienwirksame Schlammschlacht wurden sachpolitische Themen völlig an den Rand gedrängt?

Matthes: Ja, das ist leider so. Zunächst muss man sich aber fragen, warum sich die Parteien darauf einlassen. Das Internet bietet ganz neue Möglichkeiten zum "dirty campaigning". Informationen können gestreut, politische Gegner verunglimpft und verhöhnt werden, um die eigenen Anhänger zu motivieren und mobilisieren sowie Unentschlossene zu gewinnen. Die beteiligten Akteure erhoffen sich, dass der Schmutz nur am Angegriffenen, nicht aber am Angreifer hängen bleibt.

heute.de: Diese Strategie ist nur bedingt aufgegangen, oder?

Matthes: Ja, dass das schief gehen kann, haben wir nun in Österreich gesehen. Wichtig ist aber auch, dass die beiden vorherigen Regierungsparteien, ÖVP und SPÖ, sich nun weitest möglich voneinander abgrenzen wollen und somit ganz bewusst den Graben aufreißen. Damit werden natürlich die sachpolitischen Themen zur Nebensache, der Austausch von Argumenten im Sinne einer offen geführten Debatte leidet.

heute.de: Was ist das grundlegende Ziel solchen Vorgehens?

Matthes: Viele Menschen sind gar nicht in der Lage, den komplexen Argumenten zu folgen, die Parteiprogramme sind nicht immer griffig und bei den Mitte-Parteien für den Laien nicht immer voneinander trennbar. Skandale, Anschuldigungen und Verfehlungen von Kandidaten sind jedoch für jedermann zu verstehen, auch für die, die sich nicht für politische Inhalte interessieren. Wir haben es mit einer Entsachlichung der Politik zu tun, das Argument tritt in modernen Wahlkämpfen immer stärker in den Hintergrund, weiche Faktoren wie Sympathie, Emotion und Informationen, die nicht mehr viel mit der tatsächlich geplanten Politik zu tun haben, werden wichtiger. Folge davon ist übrigens auch ein bröckelndes Vertrauen in die Politik.

heute.de: Im Zentrum des Zanks stehen Negativkampagnen, Fake News und Bestechungsvorwürfe. Welche Rolle kommt dabei den Medien zu?

Matthes: Die Medien tragen eine Mitschuld an dieser Entwicklung, da sie die politische Schlammschlacht mit ihrer Aufmerksamkeitslogik auch noch weiter anfeuern. Die Formel ist ganz einfach: Negative Informationen werden von den Medien bevorzugt berichtet und breit ausgeschlachtet, dies geht auf Kosten der sachlichen Auseinandersetzung, die zwar noch stattfindet, aber weniger Aufmerksamkeitswert hat. Das Publikum reagiert seinerseits mit gesteigertem Interesse auf die Schlammschlacht, was die Spirale weiter ankurbelt.

heute.de: Inwiefern können die Medien angesichts der Fülle und Komplexität der Vorwürfe ihrem Auftrag gerecht werden, für Aufklärung zu sorgen?

Matthes: Die Medien sollten stärker ihrer Informations- und Kritikfunktion gerecht werden, nicht jeden Vorwurf und jeden Skandal hochkochen, sondern die sachliche Debatte stärker einfordern und kritisch reflektieren. Die große Herausforderung für die Medien im aufgeheizten Wahlkampf ist aber, alle Seiten zu bedienen und zufriedenzustellen. Ein entscheidender Faktor ist in Österreich zudem die Boulevardpresse, die ganz klar ihre Lieb-linge und Sündenböcke unter den Kandidaten hat. Sie hat eine enorme Schlagkraft.

heute.de: Vom heftigen Streit zwischen ÖVP und SPÖ dürfte vor allem die FPÖ profitieren. Deren Chef Heinz-Christian Strache könnte durch die Wahl zum Vizekanzler aufsteigen. Die "Süddeutsche Zeitung“ mutmaßt dazu, dass Strache der erste Politiker mit Vergangenheit im Neonazi-Milieu wäre, der in Europa mitregiert. Inwiefern ist das Thema in Österreich?

Matthes: Das ist kein unbekanntes Thema in Österreich, spielt aber eigentlich im Moment keine Rolle. Es gibt ja auch schon Bücher über diese Verstrickungen ins Deutschnationale- oder ins Neonazi-Milieu. Diskussionen gab es immer wieder einmal, aber Strache und die FPÖ versuchen ganz bewusst, sich von solchen Anstrichen zu distanzieren. In der FPÖ würden solche Verbindungen heute auch nicht mehr geduldet. Die Partei positioniert sich als große Volkspartei, ähnlich wie die SVP in der Schweiz. Sie will regieren und den Kanzler stellen. Wenn man es mit der AfD in Deutschland vergleicht, dann ist die FPÖ heute in etwa auf der konservativen Linie jener AfD, für die Frauke Petry stand. Ein Björn Höcke dagegen wäre heute in der FPÖ nur schwer denkbar.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.