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Wahlen in Kanada - Der umstrittene Traum-Schwiegersohn

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Kanadas Premier Justin Trudeau gilt als Anti-Trump: jungdynamisch und liberal. Doch das reicht nicht, um die Wahlen zu gewinnen. Eine Affäre und eine Jugendsünde holen ihn ein.

Die Beliebtheitswerte des kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau sind deutlich nach unten gegangen. Bei der Wahl muss er nun um seine Regierungsmehrheit fürchten.

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Am Montag wählen die Kanadier ein neues Parlament – und bestimmen damit auch, wer das Land in die Zukunft führen soll: der amtierende liberale Premier Justin Trudeau oder sein konservativer Herausforderer Andrew Scheer.

Warum ist Premier Justin Trudeau umstritten?

Das Image vom Traum-Schwiegersohn hat in letzter Zeit gelitten. Trudeau inszenierte sich immer wieder als Mann, der sich für Frauen, Ureinwohner und Migranten einsetzte. Doch mehrere Affären ramponierten sein Image. Im Wahlkampf-Endspurt gingen sogar Drohungen ein, weswegen Trudeau auf einer Veranstaltung in Toronto eine kugelsichere Weste trug. Zu den Affären zählen auch Jugendsünden: ein Foto, das ihn auf einer Party als dunkel geschminkten Aladdin zeigt. Dies gilt mittlerweile als politisch inopportun, da Aladdin mit orientalistischen, herabsetzenden Denkmustern in Verbindung gebracht werden kann.

Die zweite Jugendsünde fällt in die Kategorie #MeToo: Trudeau soll als 28-Jähriger auf einem Musikfestival sexuell übergriffig gewesen sein – und sich am nächsten Tag bei der betroffenen Frau mit den Worten entschuldigt haben: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie Reporterin sind …" Trudeau degradierte in einer Korruptionsaffäre just eine Ministerin, die zu den Ureinwohnern zählt. Dies war für sein Image als Förderer von Frauen und "First Nations", wie die Ureinwohner in Kanada genannt werden, nicht gerade hilfreich.

Worum ging es in der Korruptionsaffäre?

Die kanadische Baufirma SNC Lavalin soll Schmiergelder an den früheren libyschen Diktator Gaddafi gezahlt haben. Trudeau forderte seine Justizministerin Jody Wilson-Raybould auf, ein Verfahren gegen die Baufirma einzustellen – um Arbeitsplätze in seiner Heimatprovinz Quebec nicht zu gefährden, wie Trudeau beteuerte. Doch Wilson-Raybould weigerte sich, zu kuschen. Daraufhin nahm ihr Trudeau das Justizressort weg und degradierte sie zur Veteranen-Ministerin. 29 Tage später warf sie das Handtuch.

Auch Kanadas Premier Trudeau war bei den NAFTA-Verhandlungen.
Trudeau ist in letzter Zeit immer wieder in die Kritik geraten.
Quelle: Justin Tang/The Canadian Press/AP/dpa

Auch die Präsidentin des Schatzamt-Ausschusses, Jane Philpott, trat wegen Trudeaus Vorgehen zurück. Kritiker werfen Trudeau Diskriminierung vor, weil Wilson-Raybould aus einer "First Nations"-Familie stammt. In ihrem Rücktrittsbrief schrieb sie, sie schätze ein Justizsystem, das "frei von jeglicher politischen Einmischung" sei – und unterschrieb den Brief mit ihrem indigenen Namen Puglaas.

Welche Erfolge hat Trudeau vorzuweisen?

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sprechen für den Premier. Kanada geht es weitgehend gut: Die Wirtschaft brummt, in den letzten Jahren wurden neue Jobs geschaffen und die Arbeitslosenquote ging zurück. Trudeaus Kritiker werten dies aber nicht als Trudeaus Verdienst, sondern als Glück: weil sich die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise in den letzten Jahren erholt hatte.

Welches Thema dominiert den Wahlkampf?

Klima, Klima, Klima: In Kanada ist die Klima-Debatte das Wahlkampf-Thema Nummer Eins. Trudeau kann damit punkten, dass er die Politik seines konservativen Vorgängers Stephen Harper korrigiert hat. Der war aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen. Trudeau versucht, über die grüne Welle seine Umfragewerte zu verbessern. Seine Regierung hat beschlossen, bis 2050 Kanada emissionsneutral zu machen. Hausbesitzer, die ihr Eigenheim energieeffizient renovieren wollen, sollen dies mit zinslosen Darlehen tun. Auch will die Regierung zwei Millionen Bäume pflanzen.

Was beschäftigt Kanada sonst noch?

Trudeau verstand sich blendend mit dem früheren US-Präsidenten Barack Obama. Sein Verhältnis zu Donald Trump gilt als schwierig, was allerdings für Trudeau spricht: Die Kanadier sehen sich als die besseren Amerikaner – weniger Umweltverschmutzung, strenge Waffengesetze und eine Willkommenskultur gegenüber Migranten. "Kanadier sind höflich und vernünftig, aber wir werden uns nicht herumschubsen lassen", sagte Trudeau nach dem G7-Gipfel in Ottawa, als Trump auf einen Handelskrieg setzte.

Justin Trudeau und Donald Trump
Trudeau gilt als "Anti-Trump", sein Verhältnis mit dem US-Präsidenten als schwierig.
Quelle: dpa

Innerhalb Kanadas gibt es den Wunsch, die heimische Wirtschaft anzukurbeln und sich von den USA energiepolitisch zu emanzipieren. Deswegen soll ein Energiekorridor vom Westen in den Osten gebaut werden, damit Kanadas Osten Öl und Gas nicht mehr aus den USA importieren muss.

Was sagen die Meinungsumfragen?

Trudeau und sein Herausforderer, der Konservative Andrew Scheer, liegen in den Umfragen ungefähr gleichauf: Demnach könnten sowohl Liberale als auch Konservative rund 30 Prozent der Stimmen erhalten. Experten vermuten, dass es für eine zweite Amtszeit für Trudeau in einer Minderheitsregierung reichen könnte.

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