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Wahlkampf: Wagenknecht in Bonn - "Wir müssen Merkel in Rente schicken"

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Auf dem Bonner Friedensplatz hat Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht die Bundesregierung und die AfD attackiert. Ihr Publikum begeisterte sie mit der Forderung nach höheren Mindestlöhnen und der Wiedereinführung der Vermögenssteuer - und am Ende vor allem mit Selfie-Souvenirs.

In 6 Tagen ist Bundestagswahl und die heiße Phase im vollen Gange: Parteien nutzen die letzte Chance, Bedingungen für mögliche Koalitionen zu stellen… und um ihre politischen Gegner zu attackieren.

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3 min
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Über den Bonner Friedensplatz ziehen dunkle Regenwolken, als Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht die Bühne betritt. Die 48-Jährige hat noch kein Wort gesagt, aber die mehr als 200 Menschen auf dem Platz zwischen Straßencafés und einer großen Bushaltestelle bejubeln Wagenknecht fast wie einen Popstar. Die Politikerin steht in einen langen dunklen Mantel gehüllt vor ihnen und genießt den Empfang. Dann schaltet sie auf Attacke.

Wagenknecht: AfD als drittstärkste Kraft im Bundestag verhindern

"Lasst uns diese Stimmung mitnehmen, um etwas zu reißen am Sonntag, so darf’s doch nicht weitergehen!" Bevor sich Wagenknecht die Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich vorknöpft, warnt sie eindringlich vor einer AfD, "die in ihren Reihen wirkliche Nazis hat". Diese Partei müsse als drittstärkste politische Kraft unbedingt verhindert werden.

Während sie das sagt, beginnt es zu regnen. Wagenknecht sagt: "Oh, Entschuldigung, das Wetter können wir leider nicht ändern, die Politik im Land aber schon." Falls sie Sorge hatte, die Leute könnten jetzt davonlaufen, so ist dies unbegründet. Sie harren aus, gespannt darauf, was ihnen jene Politikerin zu sagen hat, die auf Plakaten damit wirbt, "glaubwürdig für Gerechtigkeit" einzutreten.

Linken-Spitzenkandidatin bezeichnet CDU-Wahlwerbung als "dreist"

Plakate der politischen Konkurrenz liefern Wagenknecht eigenen Redestoff. Als "dreist" bezeichnet sie jenes CDU-Plakat mit dem Slogan: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Der Spruch verkörpere "exakt das Gegenteil" der Regierungspolitik der vergangenen Jahre, schimpft Wagenknecht.

Sie fragt: "Glaubt die CDU wirklich, dass die große Mehrheit gern in einem Land lebt, in dem es immer mehr unsichere Jobs gibt, immer mehr Altersarmut, marode Schulen, unbezahlbare Mieten?" Wagenknecht zeichnet ein düsteres Bild, trifft damit aber den Nerv vieler Anwesender.

Wagenknecht spricht Merkel Sinn für Realität ab

Sie kommt auf ein weiteres CDU-Plakat zu sprechen: "Für gute Löhne und gute Arbeit". Da verschlage es einem die Sprache, meint Wagenknecht und greift die Kanzlerin direkt an: "Merkel ist jenseits der Realität." Jeder fünfte Arbeitnehmer arbeite inzwischen im Niedriglohnsektor, und die Zahl derer, die trotz Arbeit unterhalb der Armutsschwelle lebten, habe sich binnen zehn Jahren verdoppelt.

Wagenknecht prangert das "Aushöhlen der Arbeitnehmerrechte" an und klagt über die Folgen von flächendeckend befristeten Jobs: "Ich kenne persönlich junge Frauen, die sich ihren Kinderwunsch nicht erfüllen, weil sie in befristeten Jobs sind", sagt sie. Vielfach herrsche Angst um den Arbeitsplatz, deshalb würden Familienpläne hintangestellt. Das sei die Realität im Land. Langer Applaus.

Wir hier unten, die da oben

Wagenknecht zitiert zudem eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das zu Beginn des Jahres festgestellt hatte, dass das real verfügbare Einkommen jener 40 Prozent der Bevölkerung mit den geringsten Einkommen seit 1999 zurückging. Was sie nicht erwähnt: Das DIW kam damals auch zu dem Schluss, "dass die realen Einkommen der restlichen 60 Prozent der Bevölkerung deutlich gestiegen sind".

Fakt ist jedoch, dass auch das DIW ein "Auseinandergehen" der Schere zwischen Arm und Reich beobachtet hat. In diesem Sinn ist es folgerichtig, wie Wagenknecht in Bonn nachsetzt: "Fast die Hälfte der Bevölkerung hat in den letzten Jahren offensichtlich real Einkommen verloren. Das ist ein Armutszeugnis! Da stellen sich mir Nackenhaare auf, wenn Frau Merkel quer durchs Land zieht und sagt: Deutschland geht es so gut wie nie zuvor!"

Wagenknechts Fazit: "Merkel hat keine Verlängerung verdient, wir müssen sie in Rente schicken nächsten Sonntag!" Sie erhält dafür viele Jubelrufe. "Schade, dass es nicht noch mehr von ihrer Sorte gibt", sagt eine ältere Dame in der zweiten Reihe.

Es ist ein bunt gemischtes Publikum auf dem Friedensplatz, junge Menschen aus der alternativen Szene, Studenten, aber auch Familien mit Kindern. Dazu ältere Menschen, die offenbar mit kleinen Renten über die Runden kommen müssen. Aber auch Menschen mit feinen Anzügen, die Wagenknecht aufmerksam zuhören. Keine Störer.

Wagenknecht fordert zwölf Euro Mindestlohn und gerechte Renten

Unter großem Applaus fordert Wagenknecht ein Ende der "Geschenke für Unternehmer, die Lohndumping betreiben", und fordert zwölf Euro Mindestlohn pro Stunde. Die Bundesregierung habe selbst errechnet, dass ein Arbeitnehmer 45 Jahre in Vollzeit für 11,68 Euro Stundenlohn arbeiten müsse, um im Alter mehr Rente zu bekommen als die Grundsicherung. Es sei nicht akzeptabel, dass Deutschland als wirtschaftlich stärkstes Land Europas einen Mindestlohn habe, der unter dem in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern liege.

Ihr könne auch niemand erzählen, dass faire Löhne und Renten nicht finanzierbar seien, so Wagenknecht. Man müsse das Geld holen, "wo der große Schotter liegt": bei den Einkommensmillionären und den Konzernen. Wagenknecht fordert höhere Spitzensteuersätzen und eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer.

Am Ende für viele ein Selfie mit Sahra

Viel Beifall erhält sie auch für diese Aussage: "Eine Regierung, die kein Geld hat für Kitas, aber für mehr Panzer, gehört abgewählt. Niemand braucht mehr Panzer, mehr Kriegswaffen - aber gute Schulen und gute Krankenhäuser, die brauchen wir wirklich." Am Ende ihrer 45-minütigen Rede blinzelt Wagenknecht in die Sonne.

Mit Blick auf aktuelle Umfragen könnte die Linke erneut als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen. In Bonn, so scheint es, ist Wagenknecht dem Ziel ein Stück nähergekommen. Am Ende, als sie in einer Traube von Selfie-Souvenir-Jägern verschwindet, erhält sie viel Zuspruch. "Super", "genial", "meine Stimme haben Sie" - sowas hört die Politikerin während dem Schauspiel, bevor sie wieder in eine dunkle Limousine steigt und zum nächsten Wahlkampfauftritt aufbricht.

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