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Kampf um Platz Drei - Themensalat bei grüner "Cem-Session"

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Gut 250 Leute wollen in Mainz mit Cem Özdemir reden - über Klimawandel, Fanatismus, die EU im Krisenmodus. Aber auch über: die Rechte Transsexueller, zu niedrige Renten und die Integration von Flüchtlingen. Angesichts der Themenfülle ist am Ende mancher Gast verwirrt.

Nach dem TV-Duell liegt Angela Merkel weiterhin vor ihrem Herausforderer Martin Schulz. Das zeigt das aktuelle ZDF-Politbarometer. Für eine schwarz-gelbe Mehrheit würde es indes nicht reichen, wäre schon an diesem Sonntag Wahl.

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Eine "Jam-Session" ist ein zwangloses Zusammenspiel von Jazzmusikern. Während seiner "Cem-Session" an diesem Abend steht Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir umringt von gut 250 Menschen in einem Gewölbesaal in Mainz. Die Leute stellen Fragen, die sie bewegen, Özdemir antwortet. Das Town-Hall-Format ist ein Herzstück des grünen Wahlkampfs, dessen Kernbotschaft lautet: "Zukunft wird aus Mut gemacht".

"Wenn Erdogan vor den Grünen warnt, haben wir was richtiggemacht"

Soweit, so klar. Özdemir - der in weißem Hemd, Jeans und Turnschuhen auftritt - will über grüne Kernthemen sprechen: Umweltschutz und Kampf gegen den Klimawandel. Die Moderatorin an diesem Abend, die Mainzer Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner, kommt aber zunächst auf den türkischen Präsidenten und dessen Warnung vor den Grünen zu sprechen: "Warum hat Erdogan solche Angst vor uns?", fragt sie. Özdemir stutzt kurz: "Mhm, gute Frage."

Dann hebt er an: "Wenn Erdogan vor den Grünen warnt, haben wir was richtiggemacht." Und erntet damit laute Lacher. Özdemir sagt weiter: "Wenn autoritäre Herrscher Angst haben vor demokratischen Parteien, ist das ein gutes Zeichen." Es sei aber auch spannend, vor wem Erdogan nicht gewarnt habe: "Vor der AfD hat er nicht gewarnt."

"Wann reden wir von Jahrtausendstürmen?"

Einer Partei, so Özdemir, in der es eine "Menge Fanatismus" gebe. Einer Partei, deren Spitzenkandidat ein Mitglied der Bundesregierung in der Türkei entsorgen wolle. Cem Özdemir hat hier seinen stärksten Moment, als er die Leute um sich herum anblickt und ihnen zuruft: "Helft uns mit, dass die Rechten nicht im nächsten Bundestag sitzen werden, dass dieses schöne Land nicht in die Hände von Fanatikern fällt."

Es gibt starken Applaus von Studenten, älteren Paaren und jungen Familien, von denen manche ihre Kinder mitgebracht haben, die Kleinsten noch im Strampler. Özdemir sagt, für genau diese Menschen wollten die Grünen Politik machen. Vor allem geht es ihm um den Kampf gegen den Klimawandel. Mit Blick auf die aktuellen verheerenden Wirbelstürme fragt er: "Wie viele Jahrhundertstürme passen in ein Jahrhundert rein, wann reden wir von Jahrtausendstürmen?"

Özdemir: Die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke abstellen

Auch Deutschland sei gefordert, mehr zu tun im Umweltschutz. Die Grünen in der Regierung würden dafür sorgen, dass die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke "aus der Zeit von Sepp Herberger" in der nächsten Legislaturperiode abgestellt werden müssten. Deutschland müsse zudem Frankreichs Präsidenten Macron bei dessen Ideen zur Energiewende unterstützen. Es ist Özdemir anzumerken, dass er das Thema vertiefen möchte.

Das "Cem-Session"-Format ist aber darauf angelegt, dass möglichst viele Leute im Raum möglichst viele Fragen stellen dürfen. Deshalb muss sich Özdemir selbst beschränken, und bald geht es um die Rechte von Transsexuellen, bald um zu niedrige Renten, das Wahlrecht mit 16, ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Diskriminierung psychisch Kranker, um Bildungsgerechtigkeit und Datenschutz, die EU im Krisenmodus und den Kampf gegen die Wurzeln des Terrorismus.

Özdemir will deutsche Waffenlieferungen an Saudis einstellen

Özdemir nimmt an dieser Stelle Saudi-Arabien ins Visier und verurteilt den dort herrschenden Wahhabismus als "besonders pervertierte Interpretation des Islam". Er sagt: "ISIS bekämpfen wir zurecht, aber mit Saudi-Arabien macht Deutschland weiter Geschäfte - ich würde gerne ändern, dass wir Waffen dorthin liefern. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass mit viel saudischen Petrodollars diese gefährliche Ideologie weiter nach Europa getragen wird."

Als besten Schutz vor der Terrorgefahr sieht er eine echte Zusammenarbeit der europäischen Sicherheitsbehörden und einheitliche Datenschutzstandards. Statt ausuferndem Datensammeln komme es darauf an, sich auf die Gefährder zu konzentrieren. "Lasst uns härter gegen die Anis Amris vorgehen", sagt Özdemir, "aber geben wir auch unschuldigen Flüchtlingen eine Chance, sich bei uns zu integrieren." Beifall.

"Grün nächste Woche?" - "Ich weiß nicht!"

Während Özdemir hochkonzentriert Frage für Frage beantwortet, kann ihm das Publikum in einem Nebenraum nach etwa einer Stunde nicht mehr wirklich folgen. Die Gespräche bei Fritz-Cola und Eulchen-Bier werden lauter, es entsteht so etwas wie eine Bar-Atmosphäre. Manche gehen auch einfach vorab nach Hause und grübeln darüber, was ihnen der Abend an Erkenntnissen gebracht hat.

Ein älterer Mann sagt zu seiner Frau: "Also, der Özdemir will für die Asylbewerber alles noch einfacher machen mit der Arbeit und allem." Sie: "Ach so? Ja!" Ein paar Meter weiter laufen zwei junge Frauen durch den Regen und unterhalten sich laut: "Und jetzt Grün nächste Woche?", fragt die eine und bekommt "Ich weiß nicht" zur Antwort. Im Internet haben die Grünen ihre Kernthemen stringent und klar aufgelistet. Die Themenflut der "Cem-Session" scheint manch einen aber eher zu überfordern.

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