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Drittstärkste Kraft - Wir gegen die: Die Gratwanderung der AfD

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Sie jubeln, umarmen sich, stimmen die Nationalhymne an: Die AfD ist drittstärkste politische Kraft. Schon bei der Wahlparty wird deutlich, welche Gratwanderung nun beginnt: zwischen alter Pöbel-Rhetorik des Wahlkampfes, neuer staatstragender Verantwortung - und dem Protest ihrer Gegner.

In Berlin verläuft die Demonstration gegen die AfD bislang friedlich und ohne Gewalt. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort.

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Dass das daneben gehen könnte, hat nicht wirklich jemand geglaubt. Weit vor 18 Uhr, weit vor der ersten Hochrechnung, die der AfD ein zweistelliges Ergebnis bei der Bundestagswahl bescheren wird, zieht Spitzenkandidat Alexander Gauland durch den Pulk der Journalisten. Er geht mit Beatrix von Storch, Berliner Spitzenkandidatin, und anderen Landesvorsitzenden schon einmal auf die Bühne zu den Mikrofonen, dann wieder runter, dann wieder rauf. "Meine Stimmung ist ganz normal", sagt Gauland zwar zu Journalisten. Die der Parteimitglieder, die an diesem Abend in den Club nahe des Alexanderplatzes gekommen sind, ist es aber ganz und gar nicht. Man hat sich gut angezogen, man will dabei sein. "Heute haben wir richtig was zu feiern“, sagt einer. "Spannend, wie viele Direktmandate es werden", eine Frau. 18 Uhr, endlich ist es offiziell: 13 Prozent, "Blühe, deutsches Vaterland", singen sie.

"Wir werden dieses Land verändern"

Nun, endlich, kann Alexander Gauland zu allen sprechen. "Das ist ein großer Tag", sagt er. "Wir werden dieses Land verändern." Die Bundesregierung, wer auch immer sie bilden werde, könne sich "warm anziehen". Man werde Kanzlerin Angela Merkel "jagen". "Wir werden unser Land zurückholen." Das kommt gut an bei der Partei, das war der Haupt-Wahlkampfslogan, mit dem man die Zustimmung der Wähler bekommen hat.

Und Gauland zementiert die Wagenburg-Mentalität der Partei, die seit der Gründung vor gut vier Jahren zur ihrer DNA gehört: Wir gegen die. Wir gegen die sogenannten Altparteien, die Journalisten, die Etablierten, die Alt-68er. "Der Kampf ist nicht vorbei", sagt Gauland. "Sie werden alles daran setzen, uns in irgendwelche rechte Ecken zu drängen." Also bittet er die Parteimitglieder: "Wenn ihr eurer Freude draußen Ausdruck gebt, gebt ihr vernünftig Ausdruck. Bitte keine Sprüche, die uns später auf die Füße fallen können."

"Nazis raus" gegen "Geht doch arbeiten"

Bei allen ist das noch nicht angekommen. Draußen auf dem Balkon des Klubs liefern sich AfD-Anhänger und die linken Demonstranten Wortgefechte. Erst sind es mehr AfDler, dann immer mehr Gegendemonstranten. "Nazis raus" und "AfD-Schweine" schallt es von unten. "Geht doch arbeiten" und ein Hitler-Gruß von oben.

Drinnen kommt nach einer Stunde die zweite Spitzenkandidatin, Alice Weidel, auf die Bühne. Das Lied "Crying at the discotheque" von 1990 hatte sie sich als Siegerlied gewünscht. Tränen der Freude? Öffentlich gezeigt hat Weidel die jedenfalls nicht. Sie spricht stattdessen dreimal von Demut. Und von Verantwortung. "Wir haben einen Wählerauftrag bekommen. Wir werden ihn mit Demut annehmen", sagt Weidel. Und an alle neuen Bundestagsabgeordneten der AfD: "Nehmen Sie dieses Amt an, mit Demut und Sorgfalt", fordert sie. "Seien sie sich der Verantwortung stets bewusst!"

Untersuchung gegen Merkel - vielleicht

Keine rechte Sprüche (Gauland), Demut und Verantwortung (Weidel), neben Verhaltensregeln gibt es aber auch erste inhaltliche und personelle Weichenstellungen. Gauland und Weidel wollen den Fraktionsvorsitz im Bundestag. "Wir sind bereit, dieses Amt anzunehmen", sagt Weidel. Dass auch Beatrix von Storch eine wichtige Funktion bekommen soll, gilt ebenfalls als ausgemacht. Sie darf an diesem Abend einen ersten inhaltlichen Aufschlag machen: Keinem Cent für die weitere Eurorettung werde die AfD-Fraktion zustimmen, man wolle das Thema Migration diskutieren. "Und wir sind für Glaubensfreiheit, aber sagen Nein zur Islamisierung", so von Storch.

Weidel kündigt zudem an, eines ihrer Wahlversprechen sofort umzusetzen, wenn der neue Bundestag zusammentritt: einen Untersuchungsausschuss gegen Kanzlerin Merkel. Ihr wirft die AfD vor, bei der Einwanderung der ungarischen Flüchtlinge vor zwei Jahren Rechtsbrüche begangen zu haben. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist indes ungewiss: Ein Fünftel der Abgeordneten können einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzen. Auch wenn durch die ganzen Ausgleichs- und Überhangsmandaten die Größe des Bundestages am Abend noch nicht feststeht, wird das schwer werden. Dass andere Parteien mitmachen, scheint ebenfalls eher unwahrscheinlich.

Jubelbild ohne Petry

Nur von einer sind an diesem Abend eher leise Töne zu hören: von Frauke Petry. Die Parteivorsitzende steht nicht mit auf der Bühne, als sich Gauland, Weidel und ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen mit Applaus und Blumen von der Partei feiern lassen. Petry kommt zur Wahlparty, aber sie kommt erst später. Die Frage nach ihrer Zukunft stelle sich "heute Abend nicht", sagt sie in die Mikrofone. "Wie die Fraktion arbeiten wird, darüber reden wir morgen." Das Gerücht, dass sie sich mit ihren Anhängern abspalten könnte, hält sich seit Tagen hartnäckig. Schon kurz vor der Wahl hatte Petry das Duo Gauland-Weidel öffentlich kritisiert. Und sie tut es jetzt wieder: "Momentan verschrecken wir das  bürgerliche Klientel." Soll heißen: Eigentlich seien noch mehr als diese 13 Prozent drin gewesen.

Keine Partei hat sich in den vergangenen Wochen so öffentlich gestritten wie die AfD. Ein historisches Wahlergebnis überdeckt das nicht.

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