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Amazonas-Feuer - Waldbrände bestimmen Wahlkampf in Bolivien

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Wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen muss sich Präsident Morales in Bolivien schwere Vorwürfe gefallen lassen. Der Linkspolitiker steht wegen der Waldbrände unter Druck.

Evo Morales hilft bei der Brandbekämpfung in Charagua, Bolivien
Evo Morales hilft bei der Brandbekämpfung in Charagua, Bolivien (Archivbild vom 29.08.2019).
Quelle: dpa

Die Ausmaße der Katastrophe sind gewaltig: Rund 700.000 Hektar Wald sind verbrannt, dazu kommen noch einmal rund eine Million Hektar zerstörte Weidefläche, berichtete am Wochenende die Zeitung "El Deber". Gut zwei Monate vor den mit Spannung erwarteten Präsidentschaftswahlen in Bolivien steht der linksgerichtete Präsident Evo Morales mächtig unter Druck. Ihm werfen die Opposition und Umweltschützer vor, erst zu langsam reagiert und zudem mit seiner agrar-industrie freundlichen Politik die Brände maßgeblich befördert zu haben.

"Physischer, ökologischer und kultureller Genozid"

Im internationalen Fokus steht bislang vor allem Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro und dessen umweltfeindlicher Kurs. Doch auch sein Amtskollege vom anderen Ende des politischen Spektrums gerät zunehmend in die Kritik. Jüngst erklärte der Zusammenschluss der indigenen Organisationen des Amazonas-Beckens (COICA) die Regierungen Brasiliens und Boliviens zu unerwünschten "Personen". Die COICA ist Koordinierungsstelle, die die Interessen der indigenen Amazonasvölker vertritt. Die COICA wurde 1984 gegründet, um die Selbstbestimmungsrechte und territoriale Rechte der indigenen Völker in nationalen und internationalen Instanzen zu verteidigen.

"Die indigenen Völker machen die Regierungen von Jair Bolsonaro und Evo Morales verantwortlich für den physischen, ökologischen und kulturellen Genozid, der aktuell im Amazonas passiert", hieß es in einer Erklärung, die auf dem Höhepunkt der Krise von der COICA veröffentlicht wurde. Bolsonaro und Morales hätten durch Fehlverhalten und Unterlassung die Situation noch verschlimmert. Die Konsequenzen seien irreparable Verluste für die Menschheit.

Umstrittener Fleisch-Deal mit China

Dazu kommt fehlendes Fingerspitzengefühl. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Brände in ökologisch wertvollen Trockenwaldgebieten Boliviens besonders heftig tobten, feierte die Agrar-Industrie die Kooperation mit China. Das Reich der Mitte soll künftig Ziel der neuen Fleischlieferungen aus Bolivien werden. Um Platz für die dazu notwendigen Weideflächen zu schaffen, unterzeichnete Morales vor Wochen ein umstrittenes Dekret, dass Brandrodungen ausdrücklich in zwei Amazonas-Provinzen legitimierte. Danach begannen die Feuer. Ob Morales Anordnung die Brände auslösten oder beschleunigten, ist nun Gegenstand der Debatte.

Genau wie der umstrittene Fleischdeal. Aktivisten stürmten vor wenigen Tagen eine Veranstaltung, bei der die bolivianisch-chinesische Zusammenarbeiten gefeiert wurde. "Nein zu Soja, Nein zum Koka", riefen die Demonstranten. Der Wald dürfe nicht angetastet werden. Das alles trifft Morales hart. Zu seinem "Markenkern" gehörte stets,  dass sich der erste indigene Präsident Boliviens öffentlich gerne als Beschützer der "Mutter Erde" inszenierte.

Die Realität widerspricht aber dieser Inszenierung: Boliviens Umweltschützer werfen Morales vor, das seit Beginn seiner Amtszeit bereits mehrere Millionen Hektar Wald verschwunden sind. Der Linkspolitiker will Autobahnen durch indigene Reservate bauen lassen, träumt von einer Eisenbahnfrachtlinie von der Atlantik- zur Pazifikküste quer durch die ökologisch sensiblen Waldgebiete. Erst vor wenigen Wochen hat Morales zusammen mit Russlands Präsident Vladimir Putin einen Vertrag für den Bau eines Atomkraftwerks unterzeichnet, trotz ständiger Erdbebengefahr und ungelöster Endlagerfrage.

Morales in der Defensive

All das beeinflusst nun den Wahlkampf. Ende Oktober stehen Präsidentschaftswahlen an. Der Sozialist, der seit 2006 in Bolivien regiert, tritt erneut an. Bereits diese Kandidatur ist umstritten, denn die Verfassung lässt dies eigentlich nicht zu. Morales hatte 2016 sogar ein von ihm selbst initiiertes Referendum über eine dazu notwendige Verfassungsänderung verloren. Die Bolivianer erteilten der Morales-Initiative eine knappe Absage. Morales brach sein Wort, das Ergebnis zu akzeptieren und setzte seine erneute Kandidatur auf juristischem Wege durch. Seitdem ist die politische Lage im Land vergiftet.

Zuletzt versuchte sich Morales als oberster Feuerwehrmann des Landes zu präsentieren, half bei den Löscharbeiten sogar selbst mit. Doch die Fragen an in weiten Teilen des Landes populären ehemaligen Koka-Bauers werden immer lauter und unbequem. Warum erst so spät. Die Kirche fordert ein Umdenken und eine Rücknahme des umweltfeindlichen Dekrets, Morales kündigte eine ökologische Pause an. In den nächsten Wochen ist Morales erstmals seit Jahren in der Defensive. Die Brände haben nicht nur viele tausend Hektar zerstört, auch das Vertrauen in den Präsidenten ist in Flammen aufgegangen.

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