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Vom Aussterben bedroht - Die Helikoptereltern der Waldrappe

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Einer der seltensten Vögel der Welt soll auch in Deutschland wieder heimisch werden. Damit Zuchtvögel aber den Weg in die Winterquartiere finden, müssen Menschen ihnen helfen.

Ein Waldrapp, eine Unterart der Ibisse, aufgenommen am 14.04.2013 im Opel-Zoo in Kronberg (Hessen)
Wo geht's lang? Ziehende Waldrappe gab es für Jahrhunderte nicht mehr, jetzt wird es ihnen neu beigebracht.
Quelle: dpa

Heute kann die Reise beginnen. Anne-Gabriela Schmalstieg und Corinna Esterer verlassen ihr Nistgebiet und fliegen in ihr Winterquartier nach Italien. Ihr charakteristischer Ruf "Komm, komm, Waldi, komm, komm" wird dabei häufig zu hören sein. In ihrer Reisegruppe schlagen die beiden jungen Frauen dabei aber etwas aus der Art, denn die besteht eigentlich aus 31 Waldrappen. Doch die Vögel sind angewiesen auf ihre Ziehmütter in den Ultraleichtflugzeugen, die ihnen den Weg von Überlingen am Bodensee nach Orbetello in der Toskana zeigen.

Natürliches Verhalten unnatürlich erlernen

Ihre leiblichen Eltern könnten ihnen dabei nicht helfen. Sie haben das Ziehen in die Überwinterungsgebiete nie gelernt. "Die Tiere haben einen Zugdrang, wissen aber nicht wohin", erklärt Umweltentwicklerin Schmalstieg. Die Waldrappe, die ausgewildert werden sollen, müssen sich deshalb vom Schlüpfen an an ihren neuen Eltern orientieren. Verspüren sie das erste mal den Zugdrang, müssen sie bereit sein, den Ziehmüttern zu folgen. Eine zweite Chance gibt es nicht.

Damit nichts schief geht, haben Schmalstieg und Esterer die letzten vier Monate seit der Geburt der Tiere mit ihnen verbracht. Von Hand haben sie sie gefüttert und ihnen in einer Art Trainingslager beigebracht, den Fluggeräten zu folgen. Dafür rufen sie während des Fluges denselben Ruf, den sie auch beim Füttern gesungen haben: "Komm, komm, Waldi, komm, komm". In der Luft benutzen sie dafür ein Megaphon.

Archiv: Ausgewachsene Waldrappe fliegen über die Alpen in ihr Winterquartier in der Toskana, aufgenommen am 01.01.2005
Im Flug integrieren die Waldrappe das Ultraleichtflugzeug in ihre Formation.
Quelle: dpa

Während die Piloten die Steuerung übernehmen, müssen sich die Ziehmütter auf ihre Zöglinge konzentrieren. Die Ähnlichkeit der Fluggeräte mit einem Waldrapp sind eher überschaubar. Wie eine Mischung aus überdimensionalem Dreirad und einem Paraglider sehen die beiden Ultraleichtflugzeuge aus, die für die Migration benutzt werden. Damit trotzdem niemand verloren geht, imitieren die Piloten das natürliche Flugverhalten der Tiere. Sie fliegen die mehr als 900 Kilometer lange Strecke nicht in einer geraden Linie, sondern orientieren sich an der Thermik. Doch das Kreiseln in warmen Aufwinden braucht seine Zeit: "Wir fliegen in sieben Etappen ungefähr 150 Meter über Grund", erklärt Schmalstieg, "zwischen den Etappen brauchen die Vögel dann auch immer wieder Regenerationsphasen".

"Die Vögel fliegen nur dir hinterher"

Schmalstieg kennt ihre Schützlinge: "Man kann sie an ihren unterschiedlichen Stimmen erkennen und natürlich am Aussehen", sagt die 29-Jährige. Außerdem sind alle Vögel mit Farbringen markiert und jeder Waldrapp hat einen eigenen Namen. "Es ist schon ein tolles Gefühl zu fliegen und zu wissen: Die Vögel fliegen nur dir hinterher." Die emotionale Beziehung zwischen den Tieren und ihren Ziehmüttern ist tief. Für beide Seiten. "Wir haben seit ihrer Geburt ja jeden Tag mit ihnen verbracht", sagt Schmalstieg.

Im Winterquartier angekommen muss das, was extra für die Wanderung mühsam antrainiert wurde, wieder abgewöhnt werden. Die Tiere müssen dann lernen, sich selbst zu versorgen. Dabei können sie sich auf ihre Artgenossen verlassen, die schon in den letzten Jahren den Flug in das Quartier gelernt haben und auch dieses Jahr ungefähr zeitgleich dort eintreffen werden. "Aber es ist schön zu wissen, dass sie sich ein Leben lang an uns erinnern werden." Und damit das "Waldrapp-Team" auch in Zukunft weiß, was ihre Zöglinge so machen, werden sie mit leichten GPS-Sendern ausgerüstet, die dabei helfen sollen, das weitere Flugverhalten zu erforschen. Außerdem können so Gefahren wie ungesicherte Strommasten auf den Routen der Vögeln ausgemacht werden. Im wahrsten Sinne des Wortes: Helikopter-Eltern.

Grafik: Waldrapp-Flugroute
Grafik: Waldrapp-Flugroute
Quelle: ZDF

Der Erfolg kann sich sehen lassen

Schon die 14. Generation an Vögeln nimmt an so einem künstlichen Umzug teil. Für Schmalstieg und Esterer ist es der fünfte Jahrgang, den sie als "Foster Parents" begleiten. Die 31 Vögel, die mit ihnen dieses Jahr fliegen, sind erst im April im Tierpark geschlüpft. Woanders ist der Waldrapp auch kaum noch zu finden. Einst war er in ganz Europa beheimatet, doch ab Mitte des 17. Jahrhunderts starb er hier vollständig aus. Zum Verhängnis wurde ihm sein Ruf als Delikatesse, weshalb er massiv überjagt wurde. Natürliche Populationen gibt es nur noch in Nordafrika, dort ziehen sie allerdings nicht, sondern bleiben ganzjährig in ihrem Gebiet. Die Gesamtzahl der Tiere liegt bei wenigen tausend weltweit. Damit sich das in Deutschland wieder ändert, kümmern sich Schmalstieg und Esterer im "Waldrapp-Team“ um die komplizierte Auswilderung von gezüchteten Tieren.

Zwei bis drei Jahre nach ihrem ersten Zug nach Orbetello in der Toskana werden die Tiere hoffentlich ohne Hilfe nach Überlingen an den Bodensee zurückkehren. Dann, wenn sie geschlechtsreif sind, werden die Waldrappe des diesjährigen Zuges dort ihr eigenes Nistgebiet gründen. Im bayerischen Burghausen und in Kuchl bei Salzburg konnten so erfolgreich zwei Brutgebiete frei ziehender Waldrappe etabliert werden. Bis es soweit ist, werden Schmalstieg und Esterer schon weiteren Generationen an Waldrappen den Weg über die Alpen gezeigt haben.

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