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Wanderarbeiter in China - "Nicht mal eine Tasse heißes Wasser"

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Wanderarbeiter haben einst zum Aufstieg Chinas beigetragen. Jetzt werden sie nicht mehr gebraucht, werden vertrieben. Oft haben sie nur wenige Tage, ihre Unterkünfte zu verlassen.

Sie flohen aus der Armut auf dem Land: Chinesische Wanderarbeiter. Jetzt geht Pekings Stadtregierung mit systematischen Räumungsaktionen gegen die unerwünschten Arbeiter vor.

Beitragslänge:
2 min
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In einem Vorort von Peking treffen wir Huang, einen Wanderarbeiter, der seine Koffer packt. Wir filmen ihn mit einem Handy und einer kleinen Digitalkamera. Journalisten sind hier unerwünscht. Die Polizei steht vor dem Haus. Sie will sichergehen, dass die Leute auch bis 18 Uhr das Haus verlassen haben.

Huang steht inmitten seiner kleinen Einzimmerwohnung. Es ist eine von vielen, in denen er in den letzten 20 Jahren gewohnt hat. Huang packt seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Er ist wütend. Wütend, weil die Behörden ihm keine Zeit gelassen haben, weil er jetzt gehen muss, weil seine Frau krank ist und weil er nicht weiß, wie er die Medikamente zahlen soll ohne Job.

Zigtausende müssen gehen

Er hat immer gut verdient, gut für einen Wanderarbeiter. Das waren auch mal 200 Yuan (knapp 25€) am Tag, selten zwar, aber immerhin. Er hat auf Baustellen gearbeitet und hatte immer einen Job, weil er fleißig, pünktlich und gut war. Er hat immer seine Steuern bezahlt, ist ein braver Bürger. Er weiß nicht, warum sie so sind. "Wenn das ein illegales Gebäude ist, dann hätten sie das doch schon vor Jahren sagen können. Wenn sie uns raus haben wollen, warum geben sie uns nicht wenigstens ein paar Tage?"

Dann sagt er uns noch, sie hätten ihnen einfach den Strom abgestellt. Und das bei Minusgraden im Winter. "Die sitzen in ihren beheizten Wohnzimmern, und wir haben nicht mal eine Tasse heißes Wasser." Huang ist einer von Zigtausenden, die jetzt gehen müssen. Und das macht sich bemerkbar in Peking. An Kleinigkeiten kann man es erkennen, dass viele weg sind.

Zwei Wochen, um eine neue Bleibe zu finden

Der Lieferservice kommt nicht mehr nach. Die Pakete haben ein bis zwei Tage Verspätung, weil die kleinen Paketboten fehlen. Es waren meistens Wanderarbeiter. Die Müll- und Altpapiersammler sind weniger geworden, kommen mit der Arbeit kaum noch hinterher. Es waren meist Wanderarbeiter. Die Kindermädchen und Haushaltshilfen, die Ayis, die es den Vollzeit arbeitenden Eltern ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten. Es waren meistens Wanderarbeiterinnen.

Viele kleine Essens-, Obst- und Gemüsestände haben geschlossen. Es waren meistens Wanderarbeiter. Sie haben die Hauptstadt verlassen. Nicht freiwillig, sondern weil die Regierung ihre günstigen Unterkünfte, in denen sie schon seit Jahren und Jahrzehnten leben, abgerissen hat. Von heute auf morgen. Oder eben von heute auf in zwei Wochen. Das war eine der längsten Fristen, um die Wohnung zu verlassen, oder Fabrikgebäude zu räumen, oder Geschäfte zu schließen. Danach wurden die Gebäude abgerissen.

Keine Zeit nachzudenken

Es ist egal, in welche Himmelsrichtung man Peking verlässt, auf dem Weg zum äußeren Ring der Stadt, dort wo die Armen leben, die Wanderarbeiter, gibt es mittlerweile viele Trümmerplätze. Es sind weite Flächen, wo einst Menschen wohnten, Familien gründeten, weiterzogen oder blieben. Sie alle haben in den goldenen Wirtschaftsjahren ihren Beitrag zum Aufstieg Pekings und Chinas beigetragen. Jetzt haben sie ausgedient.

Nach einem Häuserbrand, bei dem mehrere Menschen starben, die meisten Wanderarbeiter, hatte die chinesische Regierung eine 40 Tage Frist erlassen. Bis dahin sollten alle sogenannten illegalen Gebäude abgerissen werden. In China macht man das so, erklärt mir einer, der sich auskennt, aber unerkannt bleiben will: "Sie geben den Menschen nicht viel Zeit, damit keiner nachdenken kann, was da eigentlich passiert. Und bis es an die Öffentlichkeit gelangt ist, ist das Ganze schon vorbei." Erzählt er lakonisch. "Kurz und schmerzvoll", fügt er noch hinzu. Schmerzvoll, das war es wohl. Aber die Vertreibung der Wanderarbeiter ist an die Öffentlichkeit gelangt und hat empört.

Das Konzept der glänzenden Weltstadt

Selbst die alteingesessenen Pekinger regen sich auf, das Vorgehen sei zu brutal, zu schnell, zu unbarmherzig. Die Leute hätten nicht einmal die Zeit, ihre Sachen zu packen. Es seien zu viele Wanderarbeiter da, das stimme wohl und, dass Peking zu voll sei, ist auch richtig. Aber so brutal die Leute rauswerfen, nein. Immer wieder tauchen Videos auf, die das rücksichtslose Vorgehen der Sicherheitskräfte zeigen. So schnell wie sie da sind, so schnell verschwinden die Videos auch wieder, aber die Empörung bleibt. Vielleicht auch, weil die Vertreibung der Wanderarbeiter in die Komfortzone der wohlhabenden und mittelständischen Chinesen in Peking vordringt. Vielleicht auch, weil es einfach nur skandalös ist, wie die Regierung mit den Menschen umgeht.

Der Staat geht systematisch vor. Acht Millionen sogenannte "Low Level People", wie die Ärmsten hier abschätzig genannt werden, leben in Peking. Sie passen nicht in das Konzept der glänzenden, strahlenden Weltstadt Peking, die die Regierung schaffen will. Also werden sie verjagt. Eine Katastrophe für die Menschen sei das, so die Überzeugung vieler Experten.

Petition gegen die Vertreibung

Zhang Lifan ist Historiker und er hat mit vielen anderen Intellektuellen eine Petition unterschrieben, um gegen die Willkür der Regierung gegenüber den Wanderarbeitern zu protestieren. Sein Blick und seine Sorge gehen über die vertriebenen Wanderarbeiter hinaus: "Wenn wir nicht aufstehen und für die Menschen sprechen, dann gibt es niemanden, der für sie spricht. Wenn wir diese grausame Vertreibung jetzt nicht versuchen aufzuhalten, dann wird uns das in Zukunft genauso passieren können." Auch das sagen uns viele. Wenn die Partei entschieden hat, dann hat sie entschieden und setzt es um, wie sie es für richtig hält. Komme was wolle.

Huan steht am Busbahnhof mit seiner Tasche. Nach Peking wird er wohl nicht zurückkommen können. Und er weiß auch, dass er keine Zukunft in seinem Heimatdorf im Süden Chinas hat, wo es Armut, aber keine Arbeit gibt. Die da oben wissen das, sagt er uns noch. Aber es ist ihnen wohl egal.

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