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Rentenversicherungsbericht - Warum immer mehr alte Menschen weiterarbeiten

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Immer mehr Menschen über 60 arbeiten noch. Entweder weil sie müssen, um ihre Rente aufzubessern - viele aber auch, weil sie es wollen.

Älterer Mann mit Kollegen im Büro
Älterer Mann mit Kollegen im Büro Quelle: imago

Immer mehr ältere Menschen in Deutschland haben einen Job. Der Anteil der Erwerbstätigen in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen hat sich seit dem Jahr 2000 fast verdreifacht auf 56 Prozent. Im Jahr 2000 hatte der Anteil noch bei 20 Prozent gelegen. Und auch in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen arbeiten mehr Menschen als in den vergangenen Jahren. Das geht aus dem aktuellen Rentenversicherungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hervor, der heute vom Bundeskabinett beschlossen wurde. 2016 gingen Arbeitnehmer den Angaben zufolge im Schnitt mit 64,1 Jahren in Rente. Im Jahr 2000 hatte das tatsächliche Renteneintrittsalter noch bei 62,3 Jahre gelegen.

Doch warum arbeiten wir immer länger?

Ein Grund, warum immer mehr ältere Menschen arbeiten, ist relativ einfach zu erklären: Es ist schlicht ein demographischer Effekt. In den sogenannten Jahren der Babyboomer zwischen 1955 und 1969 wurden überdurchschnittlich viele Menschen geboren. Diese Menschen erreichen nun ein Lebensalter, mit dem sie in den Statistiken des Arbeitsministeriums als "alte" Arbeitnehmer gelten. Und damit steigt deren Anzahl im Vergleich zu jüngeren Arbeitnehmern. Außerdem hat sich der Anteil der arbeiten Frauen fast auf das Niveau der Männer angehoben. Hinzu kommen die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und ein Rückgang bei Frühverrentungen.

Es gibt neben dem demographischen Effekt jedoch auch eine Vielzahl persönlicher Gründe, warum Menschen im höheren Alter weiter arbeiten. Zum einen natürlich, um weiter Geld zu verdienen und damit ihre Rente aufzubessern. Für Professor Christian Stamov Roßnagel von der Jacobs University Bremen gibt es allerdings auch eine ganze Reihe von Gründen, die nicht direkt ein wirtschaftliches Interesse beinhalten. Er beschäftigt sich in seiner Forschungsarbeit mit Altersdifferenzen beim Lernen am Arbeitsplatz und der Arbeitsmotivation in verschiedenen Lebensabschnitten.

Das "Best-Ager-Phänomen"

Roßnagel nennt diese Entwicklung das "Best-Ager-Phänomen". Die Menschen fühlen sich auch mit Mitte 60 noch fit und wollen weiter in ihrem Beruf aktiv sein. Die Motivation, weiter zu arbeiten, sei jedoch sehr unterschiedlich. Zum einen möchten die Menschen, dass von ihrem Arbeitsleben etwas erhalten bleibt, sie ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben können, und viele wollen nur ungern ihre bisherige Verantwortung abgeben. In der Wissenschaft nennt sich das "Legacy Building" oder zu Deutsch "Generativitätsmotiv".

Firmen machen sich dieses Bestreben auch teilweise zunutze: Sie beziehen gezielt ältere Mitarbeiter in neue Projekte ein, um sie dabei zu unterstützen, ihr Wissen weiterzugeben. Wenn dies nämlich nicht passiert, wird es für die Firmen oft teuer, berichtet Roßnagel: Dann werden Rentner für viel Geld als externe Berater zurückgeholt, um junge Mitarbeiter zu unterstützen und so den Wissenstransfer anzukurbeln.

Mangel an Selbstverwirklichung und sozialen Kontakten

Es gebe aber auch negative Aspekte im Berufsleben, die Menschen im höheren Alter zum Arbeiten bringt. Durch Managementfehler bei der Personalentwicklung fühlen sich Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz nicht wohl. Weil sie sich entweder nicht selbst verwirklichen, sich allgemein zu wenig einbringen können oder  ihre Stärken und Schwächen nicht berücksichtigt werden. Gerade die Stärken und Schwächen eines Mitarbeiters könnten sich vergleichsweise stark verändern während des Arbeitslebens, dies werde aber von Arbeitgebern oft zu wenig berücksichtigt. Diese negativen Faktoren seien ein Grund dafür, dass ältere Menschen häufiger freiwillige Dienste machen oder sich ehrenamtlich engagieren, um sich dort die Selbstbestätigung zu holen, die sie in ihrem regulären Job nicht bekommen.

Ein weiterer Faktor sind mangelnde soziale Kontakte außerhalb der Arbeit. Oft würden die Menschen erst kurz nach dem Rentenbeginn merken, wie sehr sich auch ihr soziales Leben um ihre Arbeitsstelle gedreht hat und dieses nun ohne den Job einfach wegfällt. Das führe dazu, dass Rentner nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf noch regelmäßig mit den alten Kollegen Mittagessen gehen oder einen Job als Pförtner in ihrem alten Betrieb annehmen.

Die Zahl der älteren Arbeitnehmer wird mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter steigen, denn der geburtenstärkste Jahrgang der Babyboomer war 1964 - und die heute 53-Jährigen werden in wenigen Jahren zu den alten Arbeitnehmern gehören.

Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen (2000 - 2014)
Männer Frauen Gesamt
2000 27% 12% 20%
2001 28% 13% 21%
2002 30% 15% 22%
2003 31% 16% 24%
2004 33% 18% 25%
2005 36% 21% 28%
2006 38% 22% 30%
2007 41% 25% 33%
2008 43% 27% 35%
2009 47% 30% 39%
2010 49% 33% 41%
2011 52% 37% 44%
2012 55% 39% 47%
2013 58% 43% 50%
2014 59% 46% 53%
2015 59% 48% 53%
2016 62% 51% 56%

Quelle: BAMS / Eurostat

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