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Warum ein Armenier das Euro-League-Finale verpasst

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Konflikt mit Aserbaidschan - Warum ein Armenier das Euro-League-Finale verpasst

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Die Absage des Armeniers Mkhitaryan für das Europa-League-Finale in Baku zeigt, wie schwierig das Verhältnis zu Aserbaidschan noch ist. Dort findet auch die Fußball-EM 2020 statt.

Henrikh Mkhitaryan, aufgenommen am 05.05.2019 in London (Großbritannien)
Henrikh Mkhitaryan
Quelle: imago images / Paul Marriott

Wenn am Mittwochabend der FC Arsenal und der FC Chelsea das Europa League Finale ausspielen, wird Henrikh Mkhitaryan nicht einmal bei seinen Gunners im Stadion sein. Nach Baku wollte der Mittelfeldspieler nämlich nicht anreisen. Als Armenier fürchtete er in Aserbaidschan um seine Sicherheit.

Fans in Baku
Fans in Baku

Ob diese tatsächlich in Gefahr wäre, ist sich Uwe Halbach, Kaukasus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) nicht sicher: "Wenn da etwas passiert wäre, hätte sich Aserbaidschan schon ziemlich in die Nesseln gesetzt." Dort versucht man eigentlich gerade das schlechte Image des Staates aufzupolieren. Für gute PR werden immense Mittel aufgebracht: 2012 Eurovision Song Contest, 2015 European Games und jetzt 2019 Finale der Euro-League. Hinzu kommen noch viele kleinere internationale Sport- und Kulturveranstaltungen. Fast könnte man vergessen, dass es in der selben Stadt noch 1990 ein Pogrom an der armenischen Bevölkerung mit 90 Toten gegeben hatte.

Armenien und Aserbaidschan: Eine lange gewaltsame Geschichte

Das Trauma Aserbaidschans ist es, den Bergkarabach-Krieg verloren zu haben. Es ist weder Krieg noch Frieden, es ist eine brenzlige Situation.
Uwe Halbach, SWP

Mkhitaryans Entscheidung kommt nicht von ungefähr. Armenien und Aserbaidschan verbindet eine lange gewaltsame Geschichte. Im Fokus des Konfliktes zwischen den beiden Staaten im Südkaukasus steht dabei besonders die Region Bergkarabach. International zu Aserbaidschan gezählt, befindet sie sich seit Anfang der 90er-Jahre unter der Kontrolle Armeniens. Die aserbaidschanische Minderheit wurde vertrieben und mit der Republik Arzach ein international nicht anerkanntes de-facto-Regime errichtet. "Das Trauma Aserbaidschans ist es, den Bergkarabach-Krieg verloren zu haben", sagt Uwe Halbach. 1994 trat ein Waffenstillstandsabkommen in Kraft. Zuvor starben durch den Konflikt zwischen 25.000 und 50.000 Menschen und über 1 Million wurde vertrieben. Seitdem befindet man sich in einer Art Schwebezustand. "Es ist weder Krieg noch Frieden", sagt Halbach, "es ist eine brenzlige Situation."

Karte: Armenien - Aserbaidschan - Bergkarabach
Karte: Armenien - Aserbaidschan - Bergkarabach
Quelle: ZDF

Die Waffenstillstandslinie besteht nach wie vor - aus Schützengräben, aus denen regelmäßig aufeinander geschossen wird. Die meisten der 20.000 Soldaten der Republik Arzach kommen aus Armenien. Etwa ein Drittel von ihnen sind Angehörige der regulären armenischen Streitkräfte. Doch auch wenn Bergkarabach fast nur noch von Armeniern bewohnt wird, verlangt die Regierung in Baku weiterhin den Rückzug Armeniens. Eine tatsächliche Rückgabe Bergkarabachs ist aber mit der Zeit eher unwahrscheinlicher geworden, denn die Fronten verlaufen nicht nur territorial, sondern vor allem innerhalb der Bevölkerung. Einen "Ethnoterritorialen Konflikt" nennt Halbach das.

Schwierige Bedingungen für eine Versöhnung

Zur Zeit des Ostblocks wurden beide Länder noch von einer heterogeneren Bevölkerung unterschiedlicher Ethnien bewohnt. Gegen Ende der 80er-Jahre gab es dann mehrmals Massaker an Zivilisten der jeweiligen ethnischen Minderheiten in den Städten und Dörfern. In Folge dessen kam es zu einer "ethnischen Entflechtung", wie Uwe Halbach sagt. "Inzwischen gibt es in Armenien quasi keine Minderheiten mehr." In Aserbaidschan ist es nicht anders. In Baku, mit über zwei Millionen Einwohnern der größten Stadt des Kaukasus, leben inzwischen nur noch knapp 100 Armenier. Ende der 70er waren es noch knapp 170.000 gewesen. Die Entflechtung geht so weit, dass kaum noch Armenier Kontakte zu Aserbaidschanern pflegen. Schwierige Bedingungen also für eine Versöhnung.

Auch innenpolitisch erzeugt der Konflikt Spannungen. In Armenien musste die politische Führungsriege, der "Karabach-Clan", nach fast zwei Jahrzehnten 2018 abtreten. In Aserbaidschan hält sich die Herrscherfamilie Alijew und bemüht sich, auf europäischer Ebene Fuß zu fassen. Nicht immer klappt das gut, doch zumindest bei der Vergabe von Sportveranstaltungen hat man Erfolg.

Vier EM-Spiele in Baku

Dass Aserbaidschan eine, wie Halbach es nennt, "verheerende Bilanz, was Korruption angeht" hat und "es Defizite gibt bei der Pressefreiheit und der Freiheit der Zivilorganisationen", stört die UEFA eher weniger: 2020 sollen bei der ersten paneuropäischen Fußball-Europameisterschaft gleich vier Spiele in Baku ausgetragen werden. Gegen das Sportereignis hat Kaukasus-Experte Uwe Halbach eigentlich nichts, "es sollte aber nicht auf Kosten einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Land gehen". Für Henrikh Mkhitaryan könnte ein schwacher Trost sein, dass er bei der EM wohl nicht in die selbe Lage kommen wird, wie jetzt beim Euro-League Finale. Dass sich das Nationalteam um den achtfachen armenischen Fussballer des Jahres gerade 2020 für die erste EM qualifiziert, ist nach zwei Niederlagen in der Qualifikation eher unwahrscheinlich.

Die Länder im Kurzporträt

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