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Menstruation aus Tabuecke - "Blutung annehmen, nicht verstecken"

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Tante Rosa, sagen Kinder. Oft wird auf der Suche nach dem Tampon geflüstert. Menstruation ist ein Tabuthema. Junge Frauen gehen offener damit um. Gut, sagt Feministin Laura Méritt.

Ein Tampon
#happytobleed oder der Tabu? Quelle: picture alliance / BSIP

heute.de: Warum ist Menstruation immer noch so ein Tabu?

Laura Méritt: Zum einen, weil nicht offen darüber geredet wird. Aber auch, weil es nach wie vor eine große Pharmaindustrie gibt, die die Menstruation hygienisiert und mit ganz viel Mittelchen eigentlich "wegmachen" will, damit es ja nichts Sichtbares wie Flecken gibt. Aber es gibt jetzt nochmal verstärkt eine neue Bewegung, die das Thema an die Oberfläche holt.

heute.de: Inwiefern?

Méritt: Da wäre zum Beispiel die Frau, die ihren Marathon gelaufen ist und ihr Blut hat laufen lassen, oder Bilder in sozialen Medien, bei denen Blut in der Hose sichtbar ist. Junge Frauen haben offenbar dieses Bedürfnis, das Thema mehr an die Oberfläche zu holen und nicht wegzuschweigen oder wegzudeodorieren.

heute.de: Es gibt ja aber durchaus Unterschiede im Schamgefühl der Frauen. Vielleicht möchten manche auch einfach nicht offen damit umgehen?

Méritt: Das sind kulturelle und sozialisierte Ängste und Schamgefühle. Die kann man nicht einfach auflösen, indem man sagt, die Scham ist jetzt vorbei. Es geht mehr darum, Blutung als natürliches Phänomen anzunehmen, was nicht versteckt werden muss – aber wenn eine das möchte, soll sie das natürlich auch können. Es geht nicht darum, eine neue Norm zu etablieren, sondern dass Menstruation wahrgenommen, akzeptiert und besser eingeordnet werden kann.

heute.de: Grundlegende Hygieneartikel, wie Tampons und Binden, sind in Deutschland noch immer mit 19 Prozent Mehrwertsteuer als Luxusartikel deklariert, im Vergleich zum Beispiel zu Trüffel, der mit 7 Prozent besteuert wird. Warum?

Méritt: Es gibt alle möglichen Produkte, mit denen wahnsinnig viel Geld gemacht wird und die dazu dienen, dass die Periode möglichst unsichtbar bleibt. Hygieneprodukte sollten eigentlich nicht besteuert werden. Viele Frauen greifen inzwischen zunehmend auf Menstruationstassen zurück, die sie wiederbenutzen können und durch die die Frauen sich selbst besser kennenlernen.

heute.de: Warum ist das wichtig?

Méritt: Besser kennenlernen heißt ja auch, besser zu wissen, was mit dir selbst los ist. Wenn ich mehr über mich weiß, kann ich auch besser einschätzen, ob ich wirklich mal irgendwas Anormales habe oder alles im Zyklusbereich ist. Die Pathologisierungen der weiblichen Sexualität sind einfach sehr weit verbreitet – dadurch lässt sich eben auch viel Geld machen.

heute.de: Die Schriftstellerin Gloria Steinem schrieb 1978, wenn Männer menstruieren würden, wäre die Menstruation "ein beneidenswertes, maskulines Ereignis: Die Männer würden damit prahlen, wie lang und wie viel sie könnten ..." Stimmen Sie dem zu, dass die Tabusierung vor allem deshalb stattfindet, weil es Frauen sind, die bluten?

Méritt: Auf jeden Fall. Dahinter steckt ein Machtgefälle: Wenn Männer etwas produzieren, wird es höher bewertet, als wenn Frauen das tun. Da gibt es eine große Ungleichheit. Wenn Männer bluten könnten, würde das sicherlich anders bewertet werden und hätte einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Das Thema würde sicher nicht pathologisiert, sondern eher als Zeichen der männlichen Potenz gewertet.

heute.de: In anderen Regionen gilt Menstruation zum Teil als etwas Heiliges, Magisches. Woher kommt es, dass Menstruation hierzulande so sehr mit Schwäche und Unreinheit assoziiert wird?

Méritt: Das war hier vor ein paar tausend Jahren sicherlich auch so. Doch durch den Prozess der Patriarchalisierung und Kapitalisierung wird mit weiblichen Körpern zum einen Geld gemacht und zum anderen weibliche Sexualität und Fortpflanzung kontrolliert, wodurch diese Ungleichheit entsteht. Das Wissen um Gesundheit, Fortpflanzung, Verhütung, Blutungen, Abtreibung, letztlich um Selbstbestimmung, lag lange in der Hand von Frauen. Doch es wurde ihnen konsequent aus der Hand genommen, in dem man die Frauen und damit das Wissen umgebracht hat. Doch es gehört zur Gleichberechtigung aller Menschen dazu, dass wir Zugang zu sexuellem und gesundheitlichem Wissen haben.

heute.de: Seien es die Red Tents auf Festivals, die Marathonläuferin, oder der Hashtag #happytobleed – die Menstruation wird immer mehr zum öffentlichen Thema. Was müsste weiterhin passieren, um die Tabuisierung der Menstruation abzubauen?

Méritt: Ein guter Anfang ist, dass immer mehr junge Frauen den Mooncup nutzen. Aber auch, dass sie auf die Straße gehen und Öffentlichkeit generieren. Ich würde mir zudem wünschen, dass in der Schule vermittelt wird, wie Menstruation in der Werbung und damit in unserer Gesellschaft unsichtbar gemacht und vermarktet wird.

Das Interview führte Sarah Ulrich.

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