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Gleichberechtigung - (K)eine Frage der Männlichkeit

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"Wann ist ein Mann ein Mann" fragte schon Grönemeyer. John Aigner ist Männercoach. Zu ihm kommen Männer, die sich männlicher fühlen wollen. Ein Gespräch über das starke Geschlecht.

Mehr Männlichkeit wagen!
Quelle: ZDF

heute.de: Was macht ein Männercoach?

John Aigner: Männercoaching ermöglicht etwas, das es schon immer gegeben hat: Mentorenschaft aus der eigenen Geschlechtergruppe. Ich unterstütze die Männer, die zu mir kommen mit ihren Fragen und Problemen.

heute.de: Welche Probleme haben Männer?

Aigner: Häufig sind das Befindlichkeiten wie "Ich habe kein Selbstvertrauen", "Ich komme nicht in Kontakt mit dem anderen Geschlecht", "Ich habe mich noch nie männlich gefühlt" oder "Ich habe immer das Gefühl unter der Fuchtel meiner Frau zu stehen".

heute.de: Wie geht es weiter?

Aigner: Fast immer stehen hinter diesen Thematiken menschliche Grundbedürfnisse: respektiert, geborgen, verstanden und geliebt sein wollen. Von einem anderen Mann. Ähnlich wie das in einem funktionierenden Vater-Sohn-Verhältnis der Fall ist. Vielleicht sogar ein urinstinktliches Gefühl von: Dieser Mensch ist mir ähnlich, weil er auch ein Mann ist - und mich daher besser versteht. Damit arbeite ich und gebe den Männern Hilfestellungen für alle Lebensbereiche.

heute.de: Haben es Männer heutzutage schwerer?

Aigner: Ich denke, dass sie es zunehmend schwerer haben. Wir kommen aus einer gesellschaftlichen Phase, in der das weibliche Geschlecht benachteiligt wurde. Es wurde sich daher folgerichtig mehr auf Frauenthemen konzentriert. Während dieser Prozess andauert, haben Männer allerdings ebenfalls viele neue Probleme hinzu bekommen - was hingegen selten diskutiert wird. Gerade so als rechne keiner damit, dass es auch Jungen und Männern schlecht gehen könnte. Männerthemen haben keine Lobby.

heute.de: Haben Sie ein Beispiel?

Aigner: Statistisch betrachtet wird es besonders deutlich: Männer bringen sich achtmal häufiger um als Frauen, erleiden fast 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle, werden unverhältnismäßig häufiger obdachlos und suchtkrank, sterben früher, ziehen bei Sorgerechtsstreitigkeiten meist den Kürzeren und vieles mehr. Da gibt es erschreckende Ungleichgewichte. Auch im Privaten findet man immer noch häufig Glaubenssätze wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Männer weinen nicht". Das führt meines Erachtens dazu, dass etwa Depression bei Männer immer noch ein Tabuthema ist oder dass viele meiner Klienten sich in ihrem Leben niemals bedingungslos respektiert und geliebt fühlten, bevor sie zu mir kamen.

heute.de: Wer war für Sie das Vorbild zum Mann werden?

Aigner: Ich hatte das Glück, Familienangehörige wie Onkel, Cousins und einen großen Bruder zu haben. Auch meinen Vater. Es gab in meiner Biografie zum Glück immer starke männliche Mentoren.

heute.de: Ist es ein Automatismus sich Vorbilder zu suchen?

Aigner: Es ist ein menschliches Ur-Bedürfnis.

heute.de: Was ist der Grund, dass Männer heutzutage zu Ihnen kommen?

Aigner: Sie suchen eine männliche Bezugsperson, die ihnen weder Familie noch Gesellschaft zur Verfügung gestellt hat. Geschichtlich betrachtet findet man, dass es immer Mentoren und initiatorische Prozesse in Gesellschaften gegeben hat, die man in unserem Kulturkreis schon länger nicht mehr findet.

heute.de: Die da wären?

Aigner: Ein Junge wird explizit und zuverlässig von Familie und Gesellschaft auf das Erwachsensein vorbereitet. Bei Naturvölkern, etwa im Amazonas existiert das bis heute, inklusive einer Initiation, wo der Junge zu einem bestimmten  Zeitpunkt rituell vom Jungen zum Mann geweiht wird. Dazu gehören dann auch Mutproben, Bräuche, wie mit der Hand in einen Handschuh voller Feuerameisen greifen oder für ein paar Monate in die Wüste geschickt werden bis hin zu Beschneidungs-Ritualen.

heute.de: Das passt aber nicht in unser Land.

Aigner: Richtig, doch die Psychologie einer klaren Markierung "Jetzt bist du ein erwachsener Mann" fehlt heutzutage vielen Männern. Wir sind das erste Zeitalter, das sich erlaubt diese initiatorischen Markierungen wegzulassen, ohne sie durch etwas Zeitgenössisches zu ersetzen. Dadurch fehlen Bezugspunkte fürs Erwachsenenleben ebenso wie gleichgeschlechtliche Mentoren - weil man glaubt, sie werden nicht mehr gebraucht.

heute.de: Das sehen Sie anders?

Aigner: Ja, durch meine ganz persönliche Erfahrung. Es war für mich als Junge wichtig, dass meine Mentoren Männer waren. Einschließlich der prägenden Kindheitserlebnisse, von Holzhacken über Schlachten bis Motorrad fahren, die mir nur durch sie ermöglicht wurden. Heutzutage findet Mentorenschaft im Männercoaching eine notwendige Ausprägung. Man bekommt bestimmte Dinge, die männerspezifisch sind, eben idealerweise von anderen Männern beigebracht.

heute.de: Was sind männerspezifische Dinge?

Aigner: Am offensichtlichsten sind das alle Dinge, die mit dem männlichen Körper inklusive dem Penis zu tun haben, bis hin zu geschlechterspezifischen Erwartungshaltungen, die seitens der Gesellschaft an Jungen und Männer herangetragen werden.

heute.de: Es gibt auch die alleinerziehende Mutter eines Jungen, die das erklären kann.

Aigner: Erklären zum Teil ja. Aber nicht fühlen.

heute.de: Fühlen alle Männer gleich?

Aigner: Nein, aber tendenziell erlebe ich viele hilfreiche Gemeinsamkeiten.

heute.de: In der Tendenz gleich, aber generell ungleich?

Aigner: Es ist weitaus weniger kompliziert. Gehen Sie einfach von sich als Frau aus. Vielleicht gibt es Dinge, die Sie lieber mit einer Frau besprechen, als mit einem Mann. Ob dies nun auf einer biologischen Tendenz, ihrer Sozialisation oder einfach ihrem momentanen Gefühl beruht, ist doch letztlich egal. Wichtig finde ich, dass Sie Zugang zu gleichgeschlechtlichen Bezugspersonen haben, falls Sie das brauchen oder sich wünschen. Nichts anderes tun Männer, wenn sie mich als ihren Männercoach wählen.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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