Sie sind hier:

Philosoph Stefaan Blancke - "Unsere Angst vor Gentechnik ist unbegründet"

Datum:

Gentechnik könnte viele Probleme lösen. Zum Einsatz kommt sie in Europa aber kaum. Ihr Ruf ist zu mies, allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz. Wie konnte es dazu kommen?

Archiv: Die Sonne geht hinter einem Getreidefeld am 07.07.2018 in Schönefeld auf
Gentechnik im Getreide? Die meisten Deutschen lehnen das ab. Quelle: dpa

heute.de: Herr Blancke, Sie sagen: "Beim Thema Gentechnik lassen wir uns von irrationalen Ängsten leiten". Das müssen Sie erklären.

Stefaan Blancke: Gerne. Schauen wir uns die Argumente gegen genetisch veränderte Organismen einfach mal an. Da gibt es in erster Linie drei Sorgen: Wir fürchten um unsere Gesundheit, um die Umwelt und um Landwirte, gerade in Entwicklungsländern.

heute.de: Erst einmal berechtigte Sorgen.

Blancke: Das mag sein. Aber wenn wir uns dem Thema rational nähern, also wissenschaftlich, dann müssen wir klar sagen: Die Technologien, die benutzt werden, um Pflanzen genetisch zu verändern, sind sicher. Und nicht nur das: Die Pflanzen, die bereits genetisch modifiziert sind, bieten Vorteile. Sie sind nicht gesundheitsschädlich und haben im Durchschnitt sogar einen positiven Effekt auf die Umwelt. Die wissenschaftliche Literatur ist da eindeutig.

heute.de: Dennoch genießt Gentechnik in der Öffentlichkeit einen mehr als zweifelhaften Ruf. In einem Artikel der Bundesregierung heißt es, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen Gentechnik ablehnen.

Blancke: Das ist das Faszinierende. Wie kann es sein, dass diese Ängste so stark verbreitet sind - obwohl es eigentlich nichts gibt, worüber man sich sorgen müsste? In Gent habe ich das gemeinsam mit anderen Philosophen und Biotechnologen untersucht. Wir glauben: Unsere Wahrnehmung lässt sich da unterbewusst von intuitiven, kognitiven Veranlagungen treiben, die uns sehr verwundbar für eine Ablehnung von gentechnisch modifizierten Organismen machen.

heute.de: Was für kognitive Veranlagungen sind das?

Blancke: Zum einen wohnt uns ein gewisser Essenzialismus inne. Wir glauben, dass alle Organismen eine Art universellen "Kern" besitzen. Einen "Kern", der diesen Organismus ausmacht, quasi definiert. Das beeinflusst, wie wir über DNA denken. Wenn wir die DNA eines Organismus in die DNA eines anderen Organismus einbauen, glauben viele, dass diese Organismen sich vermischen. Ein simples Beispiel: Was passiert, wenn wir Fisch-DNA in eine Tomate einbauen? Schmeckt die Tomate dann nach Fisch? Natürlich nicht. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer wusste das aber nicht, als US-Forscher sie danach gefragt haben.

heute.de: Welche Denkmuster gibt es noch?

Blancke: Wir neigen zur Annahme, dass alles einer gewissen Absicht folgt. Das heißt: Wir erklären gewisse Phänomene intuitiv mit ihrer Funktion oder dem Ziel, das sie haben. Regen, zum Beispiel, existiert nach dieser Logik, um Pflanzen zu bewässern. Dieses Denkmuster übertragen wir auch auf andere Bereiche - etwa die Gentechnik. Es gibt die Idee einer "Mutter Natur", die Pflanzen aus einem bestimmten Grund so erschaffen hat, mit einer bestimmten Absicht und zu unserem Besten. Gentechnik ist da plötzlich das Böse, dass die Pläne von "Mutter Natur" durchkreuzt. Nicht umsonst gibt es den Begriff "Frankenfood". Die Botschaft ist klar: Legen wir uns mit "Mutter Natur" an, rufen wir gewaltige Katastrophen hervor.

Ein weiteres Argument, das es Gentechnik-Gegnern leicht macht, ist übrigens Ekel.

heute.de: Ekel?

Blancke: Das Gefühl von Ekel hält uns am Leben. Wir können Bakterien und Parasiten nicht sehen, aber die natürliche Selektion hat uns ein Gefühl geschenkt, das uns die Gegenwart dieser Krankmacher erahnen lässt. Wir ekeln uns zum Beispiel vor Tieren wie Maden oder Kakerlaken, weil sie oft in der Umgebung von kontaminierten Lebensmitteln auftauchen. Durch unseren Ekel bleiben wir diesen Lebensmitteln fern.

Viele Argumente gegen gentechnisch veränderte Organismen sprechen unseren Ekel direkt an. All die Gesundheitsrisiken und möglichen Umweltschäden, die ins Feld geführt werden: Da muss man nicht einmal glauben, dass Genfood wirklich gefährlich ist. Der Ekel wird unterbewusst schon dadurch ausgelöst, dass gentechnisch verändertes Essen eine Gefahr sein könnte. Wenn wir uns dann noch in die Situation eines Elternteils versetzen: Würde ich meine Kinder einem Risiko aussetzen, selbst wenn es noch so gering ist? Natürlich nicht - du willst auf der sicheren Seite sein.

heute.de: Und diese Denkmuster sollen dafür verantwortlich sein, dass so viele Menschen gegen Gentechnik sind?

Blancke: Es ist kaum vorstellbar, aber die ersten genetisch modifizierten Lebensmittel in den USA wurden tatsächlich als Genfood beworben - als ob das allein ein Kaufgrund wäre. Heute würde das keiner mehr machen: Die Anti-Gentechnik-Kampagnen von Organisationen wie Greenpeace Ende der Neunziger waren extrem erfolgreich - viel erfolgreicher, als Greenpeace und Co. das selbst erwartet hatten. Sie haben die richtigen Knöpfe in unseren Köpfen gedrückt - und die Verwundbarkeit unserer Wahrnehmung gnadenlos ausgenutzt.

heute.de: Lassen sich diese Denkmuster noch durchbrechen?

Blancke: Das ist schwierig. Die öffentliche Wahrnehmung der Gentechnik hat sich längst institutionalisiert und spiegelt sich in politischen Entscheidungen und Gesetzen wider. Das zeigt auch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, Gen-Scheren wie CRISPR/Cas9 unter strenge Auflagen zu stellen. Das macht es noch viel schwieriger, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern.

Ich würde aber nicht sagen, dass es unmöglich ist. Denn die neuen Technologien bieten ja viele Chancen und Möglichkeiten. Wir müssen sie nur klar herausarbeiten. Jeder kennt zum Beispiel Menschen, die sterben, wenn sie Erdnüsse essen. Durch Gentechnik können wir nun Erdnüsse züchten, die selbst Allergiker vertragen. Diese Vorteile müssen klar kommuniziert werden.

Und das "müssen" meine ich ernst: Denn es ist doch so, dass wissenschaftlich erwiesen ist, dass gentechnisch veränderte Pflanzen und Lebensmittel nicht mehr Risiken bergen als klassische Züchtungen. Im Gegenteil: Die Vorteile überwiegen! Diese Technologien können Leben verbessern und eine nachhaltigere Landwirtschaft ermöglichen. Dass Europa sich dem verweigert, ist doch verrückt. Und wirklich, wirklich schade.

Das Interview führte Kevin Schubert. Folgen Sie dem Autor auf Twitter.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.