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"Empathie hat auch immer ihre dunklen Seiten"

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Betroffenheit - "Empathie hat auch immer ihre dunklen Seiten"

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Warum zeigen wir bei manchen Situationen Betroffenheit - und bei anderen nicht? Empathie hat auch mit Angst und Mitleid zu tun, erklärt Empathieforscher Breithaupt.

Flüchtlinge erreichen Lesbos in Booten
Flüchtlinge erreichen Lesbos in Booten
Quelle: ap

heute.de: Was ist überhaupt Empathie?

Fritz Breithaupt: Ich würde begrifflich unterschieden zwischen einer intellektuellen Empathie - dass wir verstehen, was andere Menschen fühlen. Und dann gibt es das Miterleben mit der Situation eines anderen. Und schließlich gibt es natürlich auch noch die Hilfe für die anderen Menschen. Das Mitleid, was auf andere Menschen zugeht und etwas tut. Empathie macht uns zum Menschen, wir sind so mit der Welt verbunden. Aber Empathie hat auch immer ihre dunklen Seiten und sie funktioniert nicht immer.

Empathie will auch unterhalten werden. Das heißt konkret: Empathie soll einen Anfang und ein Ende haben. Wir wollen mitfühlen, wir wollen etwas miterleben mit anderen Menschen - aber es soll dann auch zu einem Ende kommen. Wir wollen dann sehen, dass wir wieder woanders hin können, denn sonst verlieren wir uns in anderen Menschen. Wir empfinden in dem Moment Empathie, in dem wir wissen, dass wir aus der Empathie auch wieder entlassen werden.

Wir empfinden in dem Moment Empathie, in dem wir wissen, dass wir aus der Empathie auch wieder entlassen werden.
Fritz Breithaupt, Empathieforscher

heute.de: Was bedeutet das beispielsweise im Fall der Flüchtlingskrise?

Breithaupt: Die Flüchtlingssituation war erst einmal ganz großartig, um uns aufzuwecken aus unserer Trägheit. Plötzlich sieht man, dass es Millionen von Menschen in sehr schrecklichen Situationen gibt, die dann auch noch diese dramatische Überfahrt über das Mittelmeer auf sich nehmen unter schrecklichen Umständen. Wir empfinden das mit, wir wollen, dass sie es schaffen, dass sie über das Meer rüberkommen und dass man dann erst einmal die Grenzen öffnet. Das Problem ist nun, wie es weitergeht. Eigentlich war die Erwartung, dass mit diesem Willkommen, dieser begeisterten Aufnahme auf den Bahnsteigen in Deutschland, alles vorbei ist. Wir können uns auf die Schulter klopfen, das haben wir gut gemacht. Damit ist die Empathie auch vorbei.

Aber dass die Menschen nun im Lande waren und auch wirklich menschliche Aufmerksamkeit brauchen - dass es da um Langzeit-Verpflichtungen geht - das war schon sehr viel schwieriger. Viele Menschen erwarteten jetzt, dass die Flüchtlinge sich so schnell wie möglich in unser Land integrieren. Aber so ist es natürlich nicht gekommen. Diese Menschen bringen ihre eigenen Traumata mit und können nicht so schnell schalten. Das heißt, die Erwartung der Leute, dass es jetzt zu einem Ende kommt, war nicht erfüllt. Und dann schlug das anhaltende Empathiebedürfnis in Ressentiments um.

heute.de: Wie könnte man dieser Dynamik entkommen? Lässt sich Empathie auch steuern?

Breithaupt: Ja, wir können sie steuern. Empathie ist aber zeitlich begrenzt - beziehungsweise ist es schwierig, sie für lange Zeit aufrechtzuerhalten. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir eine Verpflichtung eingehen. Wir können nicht die naive Hoffnung haben, dass einmal kurz etwas passiert und dass es dann vorbei ist. Wer mit diesen Gefühlen in Empathie einsteigt, hat die falsche Erwartung. Das wird dann schnell zu Wut oder Enttäuschung.

Man kann sich aber auch als Mensch dazu entscheiden, zu sagen: Hier habe ich jetzt einmal Empathie und ich weiß, dass das auch eine Langzeitbeziehung ist. Das geht - aber es ist die Ausnahme. Wir müssen das kontrolliert einüben.

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3 min
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heute.de: Aber es gibt ja noch etwas, das uns beim Schicksal anderer hinschauen lässt: Angst. Ist Mitgefühl erst dann möglich, wenn da ein Antagonist oder ein Gegner im Spiel ist, vor dem wir uns selbst fürchten würden?

Breithaupt: Empathie hat immer viel mit bösen anderen zu tun, den Tätern. Sie produziert auch ein Feindbild. Wenn es Angst gibt, ist das für uns besonders verständlich, sobald wir sagen können: Da ist ein Bösewicht, eine andere Seite, jemand, dem wir die Schuld zuweisen können. Dann haben wir mit den Opfern viel Empathie. Dann haben wir Empathie mit der einen Seite, aber eben nicht mit der anderen.

heute.de: Angesichts der Wahrnehmung vieler Krisen und komplexer Probleme auf der Welt, denen wir pausenlos ausgeliefert sind: Kann man sagen, dass wir empathieloser werden?

Breithaupt: Es gibt Studien, die andeuten, dass unsere Empathiebereitschaft nachlässt und dass die Menschen heutzutage weniger Empathie empfinden als vor 20 Jahren. Ich würde es etwas anders beschreiben: Die Menschen lernen heutzutage viel besser, Empathie zu blockieren. Und das ist nicht unbedingt schlecht. Wir können nicht in jeder Situation immer mit Empathie reagieren. Wir müssen das ein wenig regulieren, denn wir werden von sehr viel in Anspruch genommen. Aber natürlich darf das nicht zur vollständigen Verhärtung werden. Jeder muss versuchen, irgendwo auch offen zu bleiben - gerade für Menschen, die anders sind. Und Empathie kann das leisten. Denn Empathie gilt eben gerade nicht nur für die Menschen der eigenen Gruppe.

Das Interview führte Peter Kunz.

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