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Vorteile und Schwachstellen in der Analyse - Was bringt uns der EU-Binnenmarkt?

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Er ist der Kern der europäischen Integration und Lieblingsfeind vieler Euroskeptiker: Der EU-Binnenmarkt. Was bringt er uns wirklich und wo liegen Schwachstellen? Eine Analyse.

Er ist ein Kern der europäischen Integration: Der EU-Binnenmarkt bringt den meisten Mitgliedsstaaten wirtschaftliche Vorteile. Doch er hat auch Gegner.

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Aus dem All betrachtet sitzt die Firma Sortimo International mitten im Herzen der Europäischen Union. Der Mittelständler mit Hauptwerk im schwäbischen Zusmarshausen baut Regalsysteme für Nutzfahrzeuge - und profitiert von den offenen Grenzen: "Für uns ist der europäische Binnenmarkt der Anker unserer kompletten Firma, weil wir über 80 Prozent unserer Geschäfte im Binnenmarkt machen", sagt Geschäftsführer Reinhold Braun.

Schließlich behindern hier keine Zollbarrieren und keine unterschiedlichen Produktstandards den Handel. "Ohne Binnenmarkt würden wir vermutlich 30 Prozent weniger Umsatz machen, weil wir zum Beispiel die osteuropäischen Märkte nicht bedienen könnten - die Eintrittshürden wären da viel zu hoch", sagt Braun.

Wer den Brexit vor Augen hat, lernt den Binnenmarkt zu schätzen

Die Firma erlebt ganz aktuell, was passiert, wenn die im Binnenmarkt garantierte Freiheit von Waren und Personen bedroht ist: Sortimos größter Auslandsmarkt ist Großbritannien. Doch seit dem Brexit-Votum wurde das britische Pfund massiv abgewertet, Sortimos deutsche Produkte sind dadurch auf dem britischen Markt teurer geworden.

Freier Warenaustausch, freie Wahl des Arbeitsortes - alles europaweit: Der EU-Binnenmarkt hat viele Vor- und Nachteile. Ein Überblick im Kurzvideo.

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Und: "Es ist immer noch unklar, welches Szenario letztlich kommt. Damit wir auch für einen harten Brexit ohne Abkommen gewappnet sind, haben wir in UK Lager angemietet, Warenvorräte aufgebaut und Zollkalkulationen programmiert", sagt Reinhold Braun. Das alles kostet etwa eine Million Euro jährlich. Doch jetzt kommt und kommt der Brexit nicht - und Firmen wie Sortimo hängen in der Luft.

Was passiert, wenn man den Binnenmarkt komplett abschafft?

Nicht nur in UK, auch in Deutschland und anderen EU-Ländern gibt es nationalistische Tendenzen, die den Binnenmarkt infrage stellen. Was würde passieren, wenn man ihre Fantasien weiterspinnt und den Binnenmarkt rückabwickelt? Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hat das berechnet: "Allein für Deutschland hängen jedes Jahr rund 130 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung am Binnenmarkt, die dann wegfiele", sagt Felbermayr. EU-weit ginge es um fast eine Billion Euro.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt würde um etwa vier Prozent schrumpfen. Solche Verluste gab es zuletzt während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. "Der Unterschied zur Krise damals: Bei einer Rückabwicklung des Binnenmarktes wäre die Schrumpfung dauerhaft", sagt Felbermayr. Jobs und das heutige Einkommensniveau wären strukturell gefährdet.

Der Binnenmarkt hat auch Schattenseiten

Wahr ist allerdings auch: Nicht alles läuft optimal im Binnenmarkt und er kennt auch Verlierer. So werden etwa kleine Firmen bei EU-weiten Vergaben teils von großen Firmen ausgestochen, die dann den Auftrag an günstige Subdienstleister in Niedriglohnländern auslagern.

Teils nutzen auch kriminelle Banden die unterschiedlichen Sozialstandards der EU-Staaten aus. Sie melden etwa EU-Bürger aus Osteuropa in Deutschland zum Schein auf einen Minijob an. Zu einem solchen Job können aufstockende Sozialleistungen beantragt werden, welche die Banden dann abkassieren. Die Bundesagentur für Arbeit bezifferte die verbundenen Schäden im Jahr 2017 auf mindestens 50 Millionen Euro. Auch gibt es etwa in Deutschland und Österreich hitzige Diskussionen um Kindergeldzahlungen für EU-Ausländer, die ihre Kinder im Heimatland zurückgelassen haben. All das bringt den Binnenmarkt in Verruf - und befeuerte unter anderem auch das Brexit-Votum in UK.

Binnenmarkt
Damit der Binnenmarkt gut funktioniert und sozial flankiert ist, muss die Politik noch viel tun.
Quelle: dpa

"Soziale Sicherungssysteme besser aufeinander abstimmen"

"Man sollte die sozialen Sicherungssysteme besser aufeinander abstimmen", meint Ökonom Gabriel Felbermayr. "Man könnte etwa bestimmte Sozialleistungen in einem anderen Mitgliedsland erst ab fünf oder sieben Jahren Aufenthaltsdauer gewähren." Doch solche Vorschläge haben auf europäischer Ebene keine Mehrheiten. Ebenso wenig eine wirkliche gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik, die eigentlich angedacht war, um den Binnenmarkt zu flankieren. "Hier ist auf Seiten der EU-Politik noch sehr viel zu tun, um den Staatenbund zusammenzuhalten", sagt Felbermayr.

Reinhold Braun und seine Kollegen bei Sortimo International hoffen, dass sich die Politik dieser Aufgaben annimmt - statt rückwärtsgewandten Gedanken nachzuhängen: "Wir hoffen, dass sich die gesunde Mitte durchsetzt, damit der Binnenmarkt eher gestärkt und weiterentwickelt statt geschwächt wird", so Braun.

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