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Soziale Netzwerke - Faszination für das Fremde

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Mit Diensten wie ICQ fing alles an. Heute sind soziale Netzwerke allgegenwärtig. Das ändern auch Skandale nicht. Die Faszination ist einfach zu groß, erklärt Soziologe Alfred Fuhr.

Illustration: Facebook-Timeline - Chronik-Ansicht von Facebook
Facebook-Timeline - Chronik-Ansicht von Facebook Quelle: dpa

heute.de: Was fasziniert Menschen an sozialen Netzwerken?

Alfred Fuhr: Im Moment wird viel über Facebook gesprochen. Aber die Faszination für Netzwerke ist viel älter. Die Menschen haben früh erkannt, dass man in Verbünden mehr erreichen kann als alleine. Die Attraktivität, die diese modernen Netzwerke haben, ist genauso komplex. Es kann nicht darauf reduziert werden, dass sie durch die neue Technik besonders interessant geworden sind. Sie bedienen Dinge, die in den Menschen drin sind. Wie die Entdecker-Lust.

heute.de: Konnten sich die sozialen Netzwerke deshalb etablieren?

Fuhr: Ja. Man glaubt, sich auf einem neuen Kontinent zu bewegen. Es entwickelt sich die Vorstellung, dass man durch ein paar Kontakte Menschen kennenlernt, mit denen man sonst nichts zu tun hätte. Die soziologische Forschung hat hierzu einiges herausgefunden. Angefangen von der Tatsache, dass wir auch im Internet, über sieben Ecken mit jedem Menschen weltweit verwandt sind.

heute.de: Ist es nicht verwunderlich, dass Jugendliche über Ländergrenzen hinweg beste Freunde werden, ohne sich jemals persönlich begegnet zu sein?

Fuhr: Vielleicht hätten sie den besten Freund analog in derselben Straße gefunden. Da wir immer mehr im Digitalen leben, kann man über die sozialen Netzwerke permanent miteinander verbunden sein. Das führt dazu, dass der Radius unserer Erwartungen auf "weltweit" gestiegen ist. Und es entstehen solche Freundschaften.

Zur Person:

heute.de: Wie funktioniert das?

Fuhr: Die Entwicklung der Netzwerke im Internet kann man sich wie eine soziale Bewegung vorstellen. Nach dem soziologischen Gesetz des Wiedersehens entwickelt sich zwischen den untereinander agierenden Personen ein Vertrauen. Irgendwann wird eben aus einer sozialen Bewegung eine Institution - und genau das ist jetzt im Internet passiert. Aus der Idee, man könne weltweit mit Menschen herrschaftsfrei kommunizieren, sind Strukturen entstanden, die mit dem eigentlichen Zweck gar nichts mehr zu tun haben.

heute.de: Was macht diese virtuelle Welt so besonders?

Fuhr: Die Fernseh-Forschung der 1950er-Jahre hat das sehr gut herausgearbeitet. Nur weil man regelmäßig mit jemandem, wie beispielsweise Marietta Slomka, über den Bildschirm verbunden ist, denkt das Gehirn: "Die kenne ich." Man beginnt, sich, wie bei einer Bekannten, zu fragen, was sie wohl am nächsten Tag tragen wird. Das medial gesteuerte parasoziale Vertrauen ist in diesem Moment so stark, dass den Menschen online oder im Fernsehen mehr vertraut wird, als dem neuen Nachbarn, der gerade einzieht. Obwohl es da viel einfacher wäre, einen neuen Kontakt zu knüpfen.

heute.de: Warum ist das so?

Fuhr: Meiner Meinung nach ist das archaisch in uns drin, dass wir auf der einen Seite fasziniert sind von dem Fremden. Aber dass wir gleichzeitig auch Angst davor haben. Aus dieser Ambivalenz heraus entsteht die Lust, sich in andere Welten hineinzuversetzen. Die Erweiterung unserer sozialen Kontakte wird durch die Medien technisch bedient. In der gesamten Debatte, was in den sozialen Netzwerken passiert, kommen wir nicht um soziologische Tatsachen herum.

heute.de: Geht das nicht zu Lasten unseres Entdeckerdrangs?

Fuhr: Aktuell schon, denn wir sind enttäuscht worden. Die großen Erwartungen, dass durch die digitalisierte Welt ein herrschaftsfreier Diskurs möglich ist, sich die ganze Welt friedlich zusammenschließt und Revolutionen gestartet werden können, haben sich nicht erfüllt. Es geht eher um Machtbeziehungen. Das lernen wir durch Facebook und den Wert der eigenen Daten.

heute.de: Sind die sozialen Netzwerke mehr ein Schauplatz geworden?

Fuhr: Die Fantasie, die die Leute erleben, wenn sie zum ersten Mal auf eine Plattform gehen, ist erstmal enttäuschend. Sie sind eben keine Rockstars, sondern ganz normale Menschen, die für andere überhaupt nicht so attraktiv sind. Auf den Plattformen wird permanent der Wunsch geweckt, von irgendwelchen Leuten gut gefunden zu werden. In der analogen Welt bekommt man Komplimente für gutes Aussehen oder die Kleiderwahl. In den sozialen Netzwerken wird die Bilanz anhand der Likes gezogen.

heute.de: Warum?

Fuhr: Das Belohnungszentrum wird angesprochen. Unser Marktwert richtet sich anhand des Erfolgs in der digitalisierten Welt aus.

heute.de: Instagram dient somit der Befriedigung der eigenen Eitelkeit?

Fuhr: Ja. Früher gab es Poesie-Alben und nur ganz bestimmte Leute durften da etwas hineinschreiben. Jetzt ist jeder im Internet sowohl Star, als auch Bewunderer. Durch diese Feedback-Funktionen kann man sich vorstellen, ein Fernsehstar zu sein. Aber außerhalb dieses Mediums kennt sie kein Mensch.

heute.de: Warum hält die Faszination dennoch an?

Fuhr: Ich glaube nicht, dass sie anhält. Zu allen Bewegungen gibt es auch Gegenbewegungen. Es wird immer interessant sein, in Restaurants zu gehen, wo die Smartphone-Nutzung nicht gestattet ist. Das kann die neue Form von Elite werden.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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