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Heilen ohne Antibiotika - Wie Viren die Medizin revolutionieren können

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Ausgerechnet Viren sollen helfen, wenn Antibiotika keine Hilfe mehr bieten. Denn die beliebte Allzweckwaffe versagt immer öfter.

Kugelförmige Antibiotika-resistente Bakterien.
Antibiotika-restistente Bakterien wie hier sind gefährlich. Jetzt könnten Phagen, sogenannte Bakterienfresser, helfen.
Quelle: -/National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID)/dpa

Immer mehr Menschen infizieren sich in Deutschland mit resistenten Krankenhauskeimen. Selbst kerngesunde Menschen können sich bei Routineoperationen mit diesen gefährlichen Bakterien anstecken. Die Folgen sind gravierend: jahrelange offene, klaffende Wunden oder Amputationen. Die europäische Arzneimittelbehörde schätzt, dass jährlich 25.000 Menschen in Europa an multiresistenten Keimen sterben, bei denen Antibiotika versagen.

Eine mögliche Lösung klingt unvorstellbar. Ausgerechnet Viren sollen diese Art der Keime bekämpfen. Phagen, sogenannte Bakterienfresser, greifen gezielt eine Bakterienart an, nutzen sie, um in ihr zu wachsen und zerstören sie anschließend. Das wiederholen sie, bis alle Bakterien abgestorben sind. Dabei wirken Phagen sehr spezifisch auf die Bakterien. Leidet ein Patient an Durchfall, so töten Phagen nur die "schlechten" Darmbakterien ab. Anders als bei Antibiotika, die sämtliche Bakterien - also auch die förderlichen - bekämpfen.

Bisher keine Phagentherapie in Deutschland

Was nach einer ernsthaften Alternative für die Zukunft klingt, ist in Deutschland bisher kaum bekannt. Vorreiter der Phagentherapie sind Georgien und weitere Teile der ehemaligen Sowjetunion. Bereits seit den 1930er Jahren werden dort bakterielle Infektionen in Instituten mit Viren therapiert. Der georgische Bakteriologe Georgi Eliava gründete das erste Institut in Tiflis und entwickelte die Therapie gemeinsam mit dem kanadischen Entdecker der Phagen, Felix Hubert d'Herelle. Weil die Sowjetunion zunächst keinen Zugriff auf Antibiotika hatten, bauten sie die Phagenforschung aus. Heute gibt es in Tiflis die weltweit größte Phagenbank. In den letzten Jahren sind die Patientenzahlen enorm angestiegen. Menschen aus der ganzen Welt suchen Hilfe in den Therapiezentren in Georgien.

Durch langwierige Zulassungsverfahren der Europäischen Union haben es Phagen bisher nicht nach Deutschland geschafft. Große Studien, mit Kontrollgruppen und genauer statistischer Analyse, fehlen. Nebenwirkungen müssen noch analysiert werden. Bislang ist nicht einmal klar, unter welche Arzneimittel-Kategorie Phagen in den entsprechenden Richtlinien fallen würden.

Die Doku von plan b in voller Länge gibt es hier oder am 3.11. um 17:35 Uhr im ZDF:

Immer häufiger kommt es vor, dass Antibiotika nicht mehr wirken. Die Zahl der Todesfälle steigt. Dabei gibt es eine Medizin, die helfen könnte: spezielle Viren, die Keime zerstören.

Beitragslänge:
29 min
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Experten: Phagentherapie längst überfällig

Experten sind sich aber einig, dass die bisherigen Erfahrungen optimistisch stimmen. "Zehn Jahre früher hätten wir beginnen müssen, an Phagen zu denken und aktiv zu werden. Die Zeit drängt und viele Patienten warten", sagt Mikrobiologin Christine Rohde. Sie pocht deshalb auf eine einheitliche Regelung in der EU. Zumindest für schlimme Bakterien sollen schnelle Lösungen gefunden werden. Das wären Erreger von Lungenentzündungen, Durchfällen und Keime, die große Wunden besiedeln und oft zu Amputationen führen können.

Polen ist da schon ein Schritt weiter. Dort sind Phagen zwar auch noch nicht allgemein zugänglich, die Behandlung wird aber als sogenannte "experimentelle Therapie" erlaubt, wenn die überweisenden Ärzte die Phagenbehandlung ausdrücklich empfehlen und keine andere Therapie mehr anschlägt. Auch Ärzte in Belgien setzen inzwischen auf Phagen. Sie kommen bei Schwerstverletzten mit Verbrennungen zum Einsatz. In den USA soll nächstes Jahr eine großangelegte Studie mit Phagen beginnen.

Große Herausforderung

Die Phagentherapie als ganz normalen Bestandteil der Gesundheitsversorgung zu etablieren, ist bisher nur eine Vision. Angesichts der dramatischen Entwicklung mit multiresistenten Keimen und der Gefahr, dass bereits Reserve-Antibiotika nicht mehr anschlagen, wird die Suche nach Alternativen zu einer der größten Herausforderungen der Medizin.

Kleines Glossar

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