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Vor der Landtagswahl - Was Sie über Thüringen wissen sollten

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Am Sonntag wird in Thüringen gewählt. Aber wissen Sie, wer der "kleine König von Thüringen" ist und für was die Thüringer wirklich brennen? heute.de mit Fakten und Kuriositäten.

Thüringer Wald mit Blick auf die Wartburg

1. Thüringen, Spielwiese für westdeutsche Umkrempler

Seit Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 30 Jahren ist Thüringen eine Spielwiese für westdeutsche Umkrempler: ein beurlaubter Geschichtslehrer aus Nordhessen etwa, der sich in der ostdeutschen Nachbarschaft als Berufspolitiker versucht und von neuen tausendjährigen Reichen schwadroniert. Oder – am anderen Ende des politischen Spektrums und bislang deutlich erfolgreicher – ein niedersächsischer Ex-Gewerkschaftler, der für die Linke dem lange "schwarz" geprägten Thüringen seit Jahren einen "roten" Anstrich gibt. Als erster westdeutscher "Revoluzzer" gilt indes Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident Lothar Späth (CDU), der in den 1990er-Jahren hart, aber herzlich den großen Jenoptik-Betrieb sanierte.

Das kostete zunächst mehr als 20.000 Menschen den Arbeitsplatz, sicherte aber dem ehemaligen DDR-Vorzeige-Technologie-Unternehmen das Überleben "in der neuen Zeit" und brachte im Sog des Erfolgs den ganzen Wirtschaftsstandort Jena zur versprochenen Blüte. Späth, der als Spitzenpolitiker durch die so genannte "Traumschiff-Affäre" gestrauchelt war, erlebte in Thüringen einen zweiten Frühling als Unternehmenslenker. Wer sich in Jena heute nach Späths Leistung erkundigt, hört meist anerkennende Worte über "den kleinen König von Thüringen", wie er einst genannt wurde.

Jena Stadtansicht
Plattenbausiedlung in Jena
Quelle: imago

2. "Thüringen … eines von den schwierigen Bundesländern"

Eine neue Hymne für Deutschland: Mit diesem Wunsch hat Thüringens amtierender Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) im Mai dieses Jahres für einigen Wirbel gesorgt. Weit ist er damit aber nicht gekommen. Hätte er sich besser mal auf ein Thüringen-Lied konzentriert. In offiziellen Werbebroschüren taucht sie leider (noch) nicht auf, Reinald Grebes "THÜÜÜÜÜHÜÜÜÜÜÜÜRINGEN"-Hymne. Dabei hat dieses Lied so viel Positives für Thüringens Image getan. Gut, manche besonders stolze Thüringer vor allem älteren Jahrgangs mögen dies vielleicht bestreiten. Aber diese Hymne des in Köln geborenen, später in Jena tätigen und heute in Berlin und in der Uckermark lebenden Thüringen-Experten Grebe ist KULT und für das mitteldeutsche Bundesland von unschätzbarem Wert.

Als "lieblich-verdorben" hatte einst Philosoph Nietzsche die Thüringer bezeichnet und "lieblich-verdorben" ist auch Grebes Lyrik: "Thüringen … eines von den schwierigen Bundesländern, denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen ... Grün vor Neid, aufgrund Bedeutungslosigkeit, Grün vor Hoffnung, dass es lange Zeit so bleibt." Hörer Kokuma Lamoi fragt da völlig verzückt: "Bin ich der einzige Mensch mit einer verdammten lyrischen Gänsehaut …?" Forenbeiträge bei einschlägigen Online-Abspielstationen zeigen: "Nee, isser nich'!"

3. Thüringer Heiligtümer: Bratwurst und Kloß

Wohl kein anderes deutsches Bundesland definiert sich so sehr über seine kulinarischen Köstlichkeiten wie Thüringen: Zuvörderst geht es da natürlich um die Bratwurst, die der Eisenacher, Erfurter, Suhler oder Geraer nicht grillt, sondern auf einem "Rost" brät. Die "mittelfeine Rostbratwurst im engen Naturdarm, roh oder gebrüht, mit herzhaft würziger Geschmacksnote", isst man dann gefälligst im Brötchen und mit Senf, nicht Ketchup! Da ist der Thüringer recht streng. Die Wurst ist als Markenzeichen geschützt und darf laut EU-Verordnung nur so heißen, wenn sie auch wirklich aus Thüringen kommt. Überhaupt: Ihre Bratwürste, Rostbrätchen und den Thüringer Kloß zur Sonntagsroulade verstehen Thüringer als quasi heiliges Kulturerbe. Wer's nicht glaubt, soll mal bei Weimar von der A4 runterfahren und die "Thüringer Kloß-Welt" mit angeschlossenem Museum in Heichelheim besuchen – oder das "1. Deutsche Bratwurstmuseum" in Holzhausen unweit von Gotha.

Die Bratwurst ist eine Nationalspeise der Thüringer. Archivbild
Die Bratwurst ist eine Nationalspeise der Thüringer. Archivbild
Quelle: Martin Schutt/ZB/dpa

4. Thüringisch-sächsische Rivalität

Die beiden Freistaaten Thüringen und Sachsen pflegen seit jeher ein enges Verhältnis, nicht ganz frei von Eifersüchteleien. Ein Gerangel wie unter Brüdern. Heute richtet sich der Blick vor allem auf Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft: Wer darf sich erfolgreichstes ostdeutsches Bundesland nennen? Wer hat mehr handfesten Aufschwung, mehr Menschen in Arbeit? Wessen Schüler schneiden besser bei den Pisa-Tests ab? Immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen … Und auch eng damit verbunden die Frage: Wer hat den größeren Erfindergeist? Während sich Sachsen damit brüstet, dass kluge Köpfe dort einst den Büstenhalter, den Bierdeckel und das erste Mundwasser der Welt entwickelt haben und heute jedes Jahr so und so viele Patente angemeldet werden, so kontern die Thüringer neben Welthits wie der MP3-Technik zur Komprimierung von Audiodateien auch mit Skurrilem wie Schnaps aus der Spraydose und Nützlichem wie neuartigen sturmsicheren Dachziegeln.

Kulturhistorisch haben Sachsen und Thüringer einiges vorzuweisen. Für nachhaltigen Eindruck hat in Sachsen vor allem ein starker August gesorgt, die Thüringer hatten ihre starke Anna. Genauer: Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel, später verheiratet mit dem Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach. Ihres Zeichens große Mäzenin und Regentin. Sie machte das kleine Weimar zum großen Flecken auf der deutschen Kulturlandkarte. Und manch einer meint: "Für die ist der Goethe extra ausm Westen hergezogen."

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