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WHO warnt - Antibiotika-Resistenz: Weckruf für China

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Die Weltgesundheitsorganisation prophezeit ein düsteres Bild für das China der Zukunft: Die Volksrepublik konsumiert die Hälfte aller Antibiotika weltweit - oft falsch, was zur Folge hat, dass sie nicht mehr wirken. Die WHO warnt vor einer Million Toten jährlich ab 2050. Das Land beginnt, umzudenken.

Killer-Keime aus dem Stall: Was passiert, wenn Antibiotika nicht mehr helfen?

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"Das worst-case Szenario, das wollen wir uns gar nicht vorstellen", sagt Bernhard Schwartländer von der Weltgesundheitsorganisation WHO. "Aber die realistischen Szenarien, die wir zur Zeit haben sind, dass wir 2050 in China etwa mit einer Millionen Toten rechnen müssen, die einfach deshalb sterben, weil sie Infektionen haben, die wir nicht mehr mit herkömmlichen Antibiotika behandeln können." Weltweit sei diese Zahl sogar zehnmal höher. Mit 10 Millionen Todesfällen sei jährlich zu rechnen, so Schwartländer weiter, auch die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft seien dramatisch. "100 Billionen Dollar jedes Jahr werden wir verschwenden, weil wir einfach mit den Konsequenzen der Antibiotikaresistenzen umgehen müssen." Diese Aussage ist so beängstigend wie die multiresistenten Keime tödlich sein können.

Viel Aufklärung nötig

Der Weckruf ist so alarmierend, dass selbst in China ein Umdenken stattfindet. Die Regierung hat letztes Jahr eine Strategie im Kampf gegen den falschen Einsatz von Antibiotika und gegen multiresistente Keime entwickelt. Das hat China auch nötig, denn die Hälfte aller Antibiotika weltweit werden in China nicht nur produziert, sondern auch konsumiert. 50 Prozent davon wird bei der Tierhaltung eingesetzt, die anderen 50 Prozent in Krankenhäusern bei der medizinischen Behandlung von Menschen.

Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist immer noch nicht hoch genug. Viele Patienten erwarten, wenn sie ins Krankenhaus kommen, dass sie Antibiotika bekommen. Genauso, wie es vor zehn Jahren noch gemacht wurde. Da war es ganz normal. 70 Prozent aller Patienten, die ins Krankenhaus kamen, wurde erstmal ein Antibiotikum gegeben, ob sie es brauchten oder nicht - egal. Noch heute hat sich in den Köpfen der Chinesen festgesetzt, dass Antibiotika eine Allzweckwaffe ist. Da ist noch viel Aufklärung nötig.

Falscher Einsatz als Nährboden für Keime

Hinzu kommt der Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht. 80 Prozent der Landwirte in China arbeiten massiv mit Antibiotika. Das Fleisch dieser Tiere landet dann im Magen der Bevölkerung und durch die Fäkalien der Tiere landet es auch im Grundwasser. Im internationalen Vergleich haben die Flüsse in China dem Guangzhou-Institut für Geochemie zufolge eine sehr hohe Konzentration an Antibiotikum. Im Durchschnitt 303 Nanogramm pro Liter. Zum Vergleich: in den USA wurden 120 Nanogramm, in Deutschland 20 Nanogramm pro Liter gemessen.

Vor allem aber ist der falsche Einsatz der Antibiotika der Nährboden für multiresistente Keime, was für den Menschen tödlich sein kann. Einige wenige Landwirte wollen dem übertriebenen Einsatz von Antibiotika den Rücken kehren. Doch nur wenige steigen komplett um.

Antibiotika als Wachstumsbooster

Liu Peiwa ist einer der wenigen Biobauern in China. Die meisten seiner Tiere züchtet er im Westen Chinas, ein paar auch in der Nähe von Peking. Er hat Schweine, Kühe, Schafe und Hühner. Bei ihm bekommen sie Gemüse, Gras und Heu. Er kennt sich aus mit der Massentierhaltung, denn wer in China als Bauer arbeitet, fängt dort eben an. Die meisten setzen Antibiotika ein, weil das die Tiere schneller wachsen lässt. Wenn sie vier Monate alt sind können die Schweine beispielsweise schon geschlachtet werden.

In Deutschland hat ein Schwein die nötige Größe zum Schlachten nach acht Monaten erreicht. Bei Liu Peiwa dauert das Leben seiner Tiere ein ganzes Jahr. Obwohl sein Bio-Fleisch doppelt so teuer ist, macht er nicht so viel Gewinn wie die anderen, die Antibiotika einsetzen. Dafür schmecke sein Fleisch besser, sagt er. Die meisten Chinesen wüssten doch gar nicht mehr wie Fleisch ohne Zusätze schmecke. Liu Peiwa ist überzeugt, dass es bald immer mehr Züchter wie ihn geben werde. Irgendwann würden alle Chinesen begreifen, dass gesundes Fleisch einfach besser ist als billiges.

Konsequentes Umdenken angebracht

Das Umdenken wird ausschlaggebend für die Zukunft Chinas sein, wenn man den Experten der WHO Glauben schenken darf. Denn in dem Umfang wie die Antibiotikaresistenz verursacht wird, kann sie auch gelöst werden. Der erste Schritt wäre, dass auf Antibiotika in der Tierhaltung weitestgehend verzichtet werden müsste. Zum zweiten müsste drastisch über den Einsatz von Antibiotika im medizinischen Bereich nachgedacht werden. Das heißt, es müsste ganz klar sein, dass Antibiotika nur dann gebraucht werden, wenn sie wirklich Sinn machen. Das heißt, nur wenn Infektionen vorliegen, bakterielle Infektionen zum Beispiel, bei denen die Antibiotika auch wirklich Wirkung zeigen können. Die meisten Infektionen, werden allerdings durch Viren verursacht. Das heißt, Antibiotika können da gar nicht helfen. Das heißt, sie würden dann nur schaden.

So lautet der Aufruf der WHO in Ländern wie China: konsequent umdenken und handeln, bevor es zu Millionen von Todesfällen durch multiresistente Keime kommt.

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