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Wirtschaft oder Werte? - Weihnachtsmärkte sollen Städte retten

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Der frühere Weihnachtsmarkt soll Duisburg vor Verödung retten. Die Nürnberger setzen auf altbewährte Tradition. Und die Kirche spielt nur eine Nebenrolle.

Archiv: Der Weihnachtsmarkt in Duisburg am 23.11.2017
Weihnachtsmarkt in der Innenstadt eröffnet am Donnerstag
Quelle: imago

Siebzehn Tage vor dem ersten Advent, am 14. November, hat die Stadt Duisburg ihren Weihnachtsmarkt eröffnet, sogar einen Tag vor den Frühaufstellern Essen und Oberhausen. Besucherzahl, Wetter, Stimmung – für den Geschäftsführer der Duisburg Kontor GmbH, Uwe Kluge, war der Auftakt ein Erfolg und zwar ein dringend notwendiger: "Uns geht es um zwei Dinge: Die Menschen und Umsätze im Handel. Deutsche Innenstädte haben ein Problem mit Umsatzrückgängen, Weihnachtsmärkte sind da ein belebendes Element und ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor.“

Je früher desto erfolgreicher?

Weihnachtsdorf, Weihnachtstreff, Winterland, Winterwelt – die Bezeichnungen sind vielfältig und so sind es auch die Laufzeiten der Glühwein-Buden. Um christliche Feiertage zu berücksichtigen, beginnen die meisten Märkte nach Totensonntag und enden am 23. oder 24. Dezember. Es gibt aber auch Städte, die bereits im Oktober erste Buden aufstellen, zum Beispiel Bayreuth, oder deren Stände bis ins neue Jahr geöffnet haben, so wie in Berlin. Alles, was vor oder nach der Adventszeit stattfindet, heißt meistens anders, ist im Grunde genommen aber dasselbe.

Laut dem Deutschen Schaustellerbund (DSB) gab es 2018 etwa 3.000 Weihnachtsmärkte in Deutschland, die insgesamt rund 159,7 Millionen Besucher verzeichneten und pro Besuch 18 Euro einnahmen. Man könnte also sagen: Je länger der Markt läuft, desto besser läuft auch das Geschäft. So radikal würde es Nina Göllinger, Leiterin Kommunikation und Marketing vom DSB nicht formulieren: "Noch sind die längeren Standzeiten auf Weihnachtsmärkten Einzelfälle und wir gehen momentan davon aus, dass das auch Einzelfälle bleiben.“

In Nürnberg  kommt Tradition vor Kommerz

Der Nürnberger Christkindlesmarkt ist einer der ältesten Deutschlands. Hier ist es Tradition, dass man erst am Freitag vor dem ersten Advent beginnt und an Heiligabend endet. "Wir unterscheiden uns auch von anderen Weihnachts- oder Wintermärkten. Wir haben keine Karussells auf dem Hauptmarkt, keine Lautsprecher mit Musik oder Beschallungen und bei uns sieht man auch keine Nikoläuse, die Wände hochklettern. Wir konzentrieren uns auf traditionelle Inhalte und ursprüngliches Handwerk“, so der Pressesprecher der Stadt, Siegfried Zelnhefer.

Das diesjährige Nürnberger Christkind Benigna Munsi ist schon vor Markteröffnung bekannt geworden – nach der Wahl der 17-Jährigen mit indischen Wurzeln veröffentlichte der AfD-Kreisvorstand München-Land einen rassistischen Post auf Facebook. Die User im Netz stellten sich geschlossen hinter die Schülerin: "Letztendlich haben wir nach diesem AfD-Post nicht nur eine sehr positive Resonanz erlebt, sondern auch Solidarität, in der Menschen klare Stellung bezogen haben. Und es zeigt: Das Netz ist auch in der Lage, der Menschenwürde zu ihrem Recht zu verhelfen."

Benignas Amt hat es in sich - das Christkind hat 160 bis 170 Termine zwischen Anfang und Ende des Christkindlesmarkts auf der Agenda. Man könnte also denken, mehr Zeit würde den Termindruck etwas entschärfen. Das sieht die 17-Jährige nicht so, für sie ist diese Zeit auch deswegen so wertvoll, weil sie begrenzt ist. Die Wertschätzung sei dann umso größer: "Ich finde es gut, wenn die Märkte nur in der Adventszeit stattfinden. Denn je länger sie gehen, desto weniger besonders ist es.“

Benigna Munsi, das neue Nürnberger Christkind steht im Teater in Nürnberg am 12.11.2019
"Wenn man dahin geht, ist man da, um den Leuten Freude und Hoffnung zu bringen und ihnen zu sagen, dass sie nicht vergessen werden“, so Benigna Munsi, das neue Nürnberger Christkind.
Quelle: dpa

Das Christkind ist in seiner Amtszeit als wichtige Figur in Sachen Nächstenliebe unterwegs und besucht verschiedene Einrichtungen, zum Beispiel Alten- und Pflegeheime, Obdachlosenstätten, Krebsstationen in Kinderkrankenhäuser: "Es ist wichtig, dass man weiß, dass wenn man dahin geht, ist man da, um den Leuten Freude und Hoffnung zu bringen und ihnen zu sagen, dass sie nicht vergessen werden“, schildert Benigna im ZDF-Interview. Eine Motivation, die christliche Werte in den Mittelpunkt stellt.

Was haben Kirchen auf Weihnachtsmärkten zu suchen?

Was haben Kirchen auf Weihnachtsmärkten zu suchen? Theoretisch sehr viel. Praktisch sehr wenig. Viele wollen nicht mehr Gott, sondern ihre eigene Mitte finden, anstatt beten lernt man zu meditieren, Gottesdienst heißt für viele Yoga, das Vaterunser muss Shanti-Mantren weichen.

Nürnberger Christkindlesmarkt, aufgenommen am 30.11.20188
Nürnberger Christkindlesmarkt (Archivfoto 2018)
Quelle: picture alliance/Daniel Karmann/dpa

An Weihnachten feiert man die Geburt von Jesus Christus, Sohn Gottes und Retter aller Christen. Biblischer und christlicher könnte ein Feiertag kaum sein. Die Weihnachtszeit wäre also auch eine Chance, wieder an christliche Werte und Figuren zu erinnern.

Die Frage ist nur: Hilft der Kommerz oder treibt er die biblische Bedeutung noch weiter weg? Ulrich Lota, Pressesprecher des Bistums Essen: "Es geht nicht darum, lehrmäßig zu sagen, was die Menschen glauben sollen. Aber in einer immer mehr säkularen und pluralen Gesellschaft ist es unser Job als Kirche, die Begründung zu liefern, warum es in unserer Gesellschaft kirchliche Feiertage gibt.“

Kluge von der Stadt Duisburg sieht das anders, er möchte nicht die Kirche, sondern die Städte retten: "Wir brauchen attraktive Veranstaltungen, um der drohenden Verödung der Innenstädte entgegen zu wirken. Der Anlass dieser Märkte ist Weihnachten, aber deswegen muss es nicht ausschließlich um christliche Werte gehen."

W wie Wirtschaft oder W wie Weihnacht?

Fakt ist: Weihnachtsmärkte sind wirtschaftliche Faktoren, mit denen Städte, Einzelhändler und Gastronomen fest rechnen. Aus unternehmerischer Sicht liegt der Versuch also nahe, diese positiven Einflüsse auszudehnen.

Aber wo ist die Grenze? Und welchen Raum sollte man dem weihnachtlichen Ursprung, also die christliche Feier von Jesu Geburt, einräumen? Keine Fragen mit einfachen Antworten. Aber Fragen, über die es sich zu diskutieren lohnt - vielleicht beim nächsten Glühwein.

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