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Nach UN-Resolution - Trotz Waffenstillstand weiter Luftangriffe

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Nach der UN-Entscheidung über einen Waffenstillstand in Syrien gehen die Angriffe auf Ost-Ghuta weiter. Dort kämpfen vor allem Islamisten, die wiederum Damaskus unter Feuer nehmen.

Neue Luftangriffe und Artilleriebeschuss: Die Kämpfe in Syrien gehen weiter - trotz der UN-Forderung nach einer Feuerpause. Doch das Ausmaß der Gefechte nimmt etwas ab, berichtet ZDF-Korrespondent Uli Gack.

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Iran kündigte zudem weitere Offensiven in Vororten der syrischen Hauptstadt Damaskus an. Dies betreffe Angriffe auf "Terroristen", sagte Militärstabschef Mohammed Bakeri am Sonntag nach einem Bericht der halbamtlichen Nachrichtenagentur Tasnim. Ansonsten würden sich sein Land und Syrien an die UN-Resolution halten, in der eine 30-tägige Waffenruhe in dem Bürgerkriegsland gefordert wird. So sollen Hilfslieferungen und die medizinische Versorgung sichergestellt werden.

Der General erklärte, die Vororte von Damaskus stünden zum Teil unter Kontrolle von "Terroristen". "Dort wird die Säuberung fortgesetzt." Die Extremisten etwa von der Nusra-Front seien nicht Gegenstand der Feuerpause. Iran ist neben Russland ein enger Verbündeter des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Rebellen: Ja zur Waffenruhe - aber...

Die wichtigsten Rebellengruppen im syrischen Ost-Ghuta kündigten an, sich an die Waffenruhe halten zu wollen, behielten sich dabei aber das Recht auf Selbstverteidigung gegen Angriffe vor. Dies kündigten die Islamistenmilizen Dschaisch-al-Islam und Failak al-Rahman am Sonntag an.

Die Regierungstruppen bombardieren in der Nähe von Damaskus seit Tagen die Region Ost-Ghuta. Dort haben vor allem islamistische Extremisten die Macht, die auch immer wieder Damaskus beschießen. Die syrische Luftwaffe habe am Morgen zwei Angriffe auf das Gebiet am Rande der Hauptstadt Damaskus geflogen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Demnach habe es aber keine weiteren Todesfälle gegeben.

Resolution nach tagelangen Verhandlungen

Dschaisch-al-Islam sagte zu, "humanitäre Konvois in Ghuta zu schützen". Die Gruppe drohte zugleich damit, "umgehend" auf weitere Angriffe der syrischen Armee zu reagieren. Auch die Gruppe Failak al-Rahman sicherte zu, die Resolution des UN-Sicherheitsrats zu befolgen und die Lieferung von Hilfsgütern durch die Vereinten Nationen nach Ost-Ghuta zu ermöglichen. "Dennoch behalten wir uns das Recht vor, die Zivilisten in Ost-Ghuta gegen neue Angriffe zu verteidigen", erklärten die Islamisten.

Die Resolution für eine einmonatige Waffenruhe in Syrien war am Samstag nach tagelangen zähen Verhandlungen vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet wordn. Das Gremium stimmte nach mehrfachen Verschiebungen wegen russischer Einwände einstimmig für eine baldige Feuerpause.

Knapp 400.000 Menschen im Gebiet eingeschlossen

UN-Generalsekretär Antonio Guterres mahnte eine "unverzügliche" und "dauerhafte" Umsetzung der Waffenruhe an. Er erinnerte alle Konfliktparteien an ihre "absolute Verpflichtung", Zivilisten zu schützen. Ost-Ghuta steht seit einer Woche unter massivem Beschuss der Regierungstruppen. Seither wurden nach Angaben der oppositionsnahen Beobachtungsstelle bereits mehr als 500 Zivilisten getötet, darunter mehr als hundert Kinder. Knapp 400.000 Menschen sind in dem Gebiet eingeschlossen. Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Angaben von einem Netzwerk aus Informanten in Syrien, ihre Angaben können von unabhängiger Seite kaum überprüft werden.

Auch in Damaskus müssen die Bewohner um ihr Leben fürchten. Monatelang herrschte in der syrischen Hauptstadt fast so etwas wie Frieden. Dank eines Abkommens schien die Gewalt im Land weit entfernt und die Straßen waren voller Leben. Wegen der Offensive der Regierung in Ost-Ghuta schlagen nun aber wieder täglich Raketen ein.

Auch Raketenangriffe auf Damaskus

Viele Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule. Manche gehen vor lauter Angst auch nicht mehr zur Arbeit. Einige denken sogar darüber nach, die Stadt zu verlassen, bis sich die Lage beruhigt hat. Seit zwei Wochen wird die Millionenmetropole Damaskus wieder regelmäßig angegriffen. Die Geschosse aus den von Rebellen gehaltenen Vororten treffen zum Teil Wohngebiete und belebte Plätze. Mindestens 25 Zivilisten wurden bereits getötet.

Für die Bevölkerung der Hauptstadt ist es wie ein böses Erwachen. Nach einer Zeit der relativen Ruhe hatten viele gehofft, dass der Bürgerkrieg - oder zumindest dessen schlimmste Phase - vorbei ist. Nun sind sie auf einmal wieder mittendrin im grausigen Geschehen.

"Das Auto meines Sohnes wurde gestern von Granatsplitter getroffen", sagt Issam Dhahi. "Heute wurde wegen der allgemeinen Angst eine Trauerfeier in einer Kirche in Kassaa abgesagt. Alle bleiben lieber zu Hause." Gerade in dem überwiegend christlichen Stadtteil Kassaa sind in den vergangenen Tagen mehrfach Mörsergranaten und Raketen eingeschlagen. Das öffentliche Leben steht praktisch still. Ab fünf Uhr nachmittags sind alle Geschäfte geschlossen, damit niemand im Dunkeln auf die Straße muss.

Assad drehte mit Russland und Iran den Krieg

Seine beiden Kinder seien seit 15 Tagen nicht mehr in der Schule oder in der Universität gewesen, sagt der 45-jährige Dhahi. Die Familie verlasse das Haus nur noch, um die allernötigsten Einkäufe zu erledigen. Am Mittwoch seien fünf Nachbarn verletzt worden. Seit Beginn der Angriffe Anfang Februar seien fünf Bewohner seines Viertels getötet worden. Zu Beginn des Bürgerkriegs war Assad massiv in die Defensive geraten. Doch mit Unterstützung von Russland und des Irans konnte er das Geschehen schließlich zu seinen Gunsten wenden. Große Teile Syriens sind inzwischen wieder unter Kontrolle der Regierung.

Ost-Ghuta ist eine der wenigen verbliebenen Rebellenhochburgen. Unter Vermittlung Moskaus wurde das Gebiet im vergangenen Sommer zu einer sogenannten Deeskalationszone erklärt. Die vereinzelten Angriffe auf Damaskus hörten daraufhin fast komplett auf. Bis Dezember war das Leben in der Hauptstadt förmlich aufgeblüht. Die Cafés und Restaurants waren voller Menschen, auf den Straßen herrschte wieder dichter Verkehr. Seit der Rückeroberung von wichtigen Städten wie Homs, Aleppo und Deir al-Sur überwog das Gefühl, dass der seit sieben Jahren andauernde Konflikt nun allmählich zu einem Ende komme.

114 Geschosse auf Damaskus und Umgebung an einem Tag

Dieses Gefühl erwies sich als Illusion, als die Regierung vor wenigen Wochen die Offensive auf Ost-Ghuta startete. Seit dem 18. Februar schießen die oppositionellen Kämpfer von dort zurück. Jeden Tag feuern sie Dutzende Geschosse ab - auf die Altstadt, auf die Viertel Kassaa und Bab Tuma oder auf die Vorstadt Dscharamana.

Innerhalb von drei Tagen wurden in dieser Woche 17 Menschen getötet, darunter auch mehrere Kinder. Allein am Dienstag, als 114 Geschosse auf Damaskus und Umgebung gezählt wurden, waren 13 Opfer zu beklagen. Oft scheinen die Rebellen ihre Raketen ohne konkretes Ziel einfach mitten in die Stadt hinein abzufeuern.

Schulen in Damaskus weiterhin geöffnet

Für die Bewohner bedeutet dies, dass sie nirgendwo sicher sind. Ob zu Hause oder bei der Arbeit- wenn die Geräusche von herannahenden Geschossen zu hören sind, suchen die Menschen notdürftig Schutz in Fluren oder Badezimmern. "Es fühlt sich so an, als seien wir wieder mitten im Krieg", sagt eine dreifache Mutter, die aus Angst um die Sicherheit ihrer Familie nicht ihren Namen nennen will. "Jedes Mal, wenn meine Kinder oder mein Mann das Haus verlassen, habe ich furchtbare Angst. Ich zähle die Sekunden, bis sie wieder zurück sind."

Die syrische Regierung hat bisher davon abgesehen, alle Schulen offiziell zu schließen. Einige Bewohner wollen sich zudem schon aus Prinzip nicht einschüchtern lassen, bei manchen wächst die Wut auf die Rebellen. Der Fabrikbesitzer Ghabi Nakasi bezeichnet die in den Vororten ausharrenden Widerstandskämpfer als Terroristen und hofft nach eigenen Angaben auf einen baldigen Sieg der Regierungstruppen. Derweil gehe er ungeachtet der Sicherheitslage weiter zur Arbeit, sagt der 60-Jährige. "Nichts wird mich stoppen."

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