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Digitale Arbeitswelt - Politik will passgenaue Weiterbildung für alle

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Weiterbildung soll Menschen für die digitale Arbeitswelt rüsten. Das hoffen Arbeitsminister Heil und Bildungsministerin Karliczek. Arbeitsmarktexperte Schneider ist skeptisch.

Teilnehmer eines Seminars
Mit einem neuen Weiterbildungsprogramm wollen Politik und Wirtschaft Arbeitnehmer und Arbeitslose für die digitale Arbeitswelt rüsten.
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Die Bundesminister für Arbeit und Bildung, Hubertus Heil (SPD) und Anja Karliczek (CDU), haben ein Papier zur Weiterbildung gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie der Bundesagentur für Arbeit vorgestellt. "Wir wollen in Deutschland eine echte Weiterbildungskultur entwickeln", erklärte Karliczek in Berlin. Mit der "Nationalen Weiterbildungsstrategie" sollen berufliche Weiterbildung und lebensbegleitendes Lernen stärker als bisher gefördert werden.

Hilmar Schneider ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) - das Institut sieht sich als Brückenbauer zwischen Forschung und Arbeitsmarkt. Schneider sieht die Pläne der Minister skeptisch: Insbesondere für Langzeitarbeitslose seien psychologische Betreuung und Motivation wichtiger, als reine Weiterbildung, sagte der Geschäftsführer des Instituts zur Zukunft der Arbeit der heute.de.

Archiv: Hilmar Schneider
IZA-Geschäftsführer Hilmar Schneider sieht die Pläne der Ministerien skeptisch.
Quelle: dpa

Stärkung für die digitale Arbeitswelt

Die Minister Heil und Karliczek wollen mit der "Nationalen Weiterbildungsstrategie" künftig "Antworten auf den digitalen Wandel finden und für Chancengleichheit für alle Menschen in der Arbeitswelt sorgen", so heißt es in ihrem Papier: "Wer sich für die Zukunft weiterbildet, sichert sich soziale und beruflichen Teilhabe." Die Digitalisierung soll auch für den Weiterbildungsprozess selbst genutzt werden. So sollen etwa Weiterbildungsangebote durch Algorithmen passgenau digital zu finden sein, oder künstliche Systeme die Motivation stärken, indem sie den Lernfortschritt überwachen.

Um die Pläne umzusetzen, sieht die Politik die Firmen in der Pflicht. "Die Verantwortung für die betriebliche Weiterbildung liegt vorrangig bei den Unternehmen. Ein ganzheitlicher Wandel, der alle Akteure einschließt, kann aber nur gelingen, wenn Staat, Unternehmen, Beschäftigte und Sozialpartner mit eingebunden werden", so das Bundesbildungsministerium. Als "ganz konkrete Maßnahmen" nannte Arbeitsminister Hubertus Heil "einen grundsätzlichen Anspruch auf Nachholen eines Berufsabschlusses" und die deutliche Stärkung der Weiterbildungsberatung der Bundesagentur für Arbeit.

IZA-Geschäftsführer Schneider kritisiert die Stoßrichtung des Konzepts: "Von einer nationalen Bildungsstrategie erwartet man ein Konzept, das sich an alle richtet, de facto handelt es sich um ein Konzept, das sich in erster Linie an diejenigen richtet, die nicht dem konventionellen Bildungsraster entsprechen, vor allem gering Qualifizierte ohne formalen Abschluss." Das Ganze lese sich in erster Linie wie ein Programm zur Förderung der Weiterbildungsbranche.

Einheitliche Vorgaben schaffen

Um allen Menschen Weiterbildung - unabhängig vom sozialen Hintergrund - zu ermöglichen, will das Bundessozialministerium auch diejenigen stärken, die keinen formalen Berufsabschluss haben. "Dafür wird ein bundesweit verbindlicher Anspruch auf Validierung und Zertifizierung informeller Kompetenzen geschaffen", heißt es aus dem Ministerium. Die konkreten neuen Fördermaßnahmen sollen vom modularen, individuellen Lernen im digitalen Raum mit digitaler Zertifizierung bis hin zur Förderung der Vermittlung von Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen reichen. Dabei sollten niedrigschwellige Angebote zur Vermittlung digitaler Grundkompetenzen aufgebaut werden.

Mit Blick auf häufig geäußerte Kritik an bestehenden Weiterbildungsangeboten, die nicht effizient genutzt werden, verweist IZA-Chef Schneider auf die Finanzierung. "Bildung ist immer mit Kosten verbunden. Gerade denjenigen, denen ein formaler Abschluss am meisten helfen würde, fehlt oft das Geld dafür." Es gehe dabei auch um die indirekten Kosten. Etwa weil während der Weiterbildung die Zeit zur Erzielung von Erwerbseinkommen fehle. Wichtig sei daher die Frage nach der Kostenträgerschaft. "Unternehmen sind allenfalls dann bereit, die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu finanzieren, wenn das dabei erworbene Wissen in erster Linie dem Unternehmen zufließt." Je allgemeiner der Bildungsinhalt, desto weniger wollten Unternehmen die Kosten tragen.

Letztlich müsse der Staat einspringen. Dessen ausführende Organe seien häufig überfordert, wenn es darum gehe, individualspezifische Bildungsdefizite und Erfolgsaussichten einzuschätzen. Dennoch solle man sich vor einer Pauschalverurteilung hüten. "Die jetzige Strategie setzt auf künstliche Intelligenz zur Verbesserung der Passfähigkeit. Letztlich kommt das einem Offenbarungseid der aktuellen Weiterbildungspolitik gleich", kritisiert Schneider.

Psychologische Betreuung für Langzeitarbeitslose wichtig

Insgesamt sieht Schneider vor allem für Langzeitarbeitslose andere Notwendigkeiten, um sie wieder in Lohn und Brot zu bringen, als nur Weiterbildung. In den letzten 15 Jahren floriere der Arbeitsmarkt fast von selbst, die Zahl der Langzeitarbeitslosen sei trotzdem weitgehend unverändert geblieben. "Diese Gruppe profitiert offenbar nicht von einer noch so guten Arbeitsmarktsituation, sondern benötigt besondere Unterstützung", sagt Schneider. "Da ist es nicht mit einer ABM hier und einer Weiterbildungsmaßnahme dort getan. Die Betroffenen benötigen stattdessen intensive psychologische Betreuung, die ihnen dabei hilft, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen."

Unter reinen Kostengesichtspunkten wäre der Aufwand für solche Maßnahmen aber weit höher als der Ertrag. "Daher weigert sich die Arbeitsmarktpolitik beharrlich, dieses Problem offen anzugehen. Die Betroffenen geraten daher häufig in einen ausweglosen Teufelskreis aus Maßnahmen und Arbeitslosigkeit, aus dem sie aus eigener Kraft nicht mehr herausfinden", erläutert Schneider. Daran werde auch die neue Weiterbildungsstrategie nichts ändern.

Mit Material von dpa und AFP.

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