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Sicherheit von Patientendaten - Der Preis der digitalen Medizin

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Roboter auf Visite, vernetzte Praxen und Kliniken - unser Gesundheitswesen wird digital. Doch der Politik scheint es mehr um Schnelligkeit als um Datensicherheit zu gehen.

Bei zunehmender Digitalisierung der Arztpraxen sollen künftig auch Befunde, Diagnosen und Therapien erfasst und an die Kassen übertragen werden. Wie steht es um die Datensicherheit?

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Es ist neun Uhr morgens im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. Ein Roboter rollt über die Krankenhausflure. Er ist unterwegs zur Visite, zur so genannten Televisite. Chefärztin Mandy Mangler schaltet sich zu einer frisch gebackenen Mutter und ihrem Baby direkt ans Krankenbett, ohne physisch anwesend zu sein. "Wie geht’s Ihnen heute, was machen die Schmerzen nach dem Kaiserschnitt?" Mit Hilfe des Roboters kann sich Mangler von jedem Ort der Welt zu ihren Patientinnen verbinden. Das spare Zeit und sorge für Aufsehen, erzählt die Gynäkologin. Für Mangler ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen enorm wichtig.

Apps statt Arzt?

Wie auch für Anna aus München. Die 23-Jährige hat im Sommer erfahren, dass sie an Diabetes Typ 1 leidet. "Die Diagnose war ein großer Schock für mich", sagt sie. Mit Hilfe einer App hat sie aber schnell gelernt, mit der Krankheit besser umzugehen. Die App speichert ihre Insulinwerte und warnt sie, wenn diese nicht stimmen. Das erleichtere ihr den Alltag mit der Erkrankung enorm. Aber wie sicher sind die Daten, die Nutzer wie Anna in ihr Smartphone eingeben?

An der Ruhr-Universität in Bochum gehen Wissenschaftler vom Lehrstuhl für IT-Sicherheit schon lange der Frage nach Datensicherheit von Gesundheits-Apps nach. Sie kommen zu erschreckenden Ergebnissen: Von den Apps, die sie untersucht haben, war keine dabei, die nicht "zumindest ein mittleres Sicherheitsrisiko hatte", erklärt Matteo Große-Kampmann.

Die Wissenschaftler Thorsten Holz (links) und Matteo Große-Kampmann untersuchen Gesundheits-Apps auf Sicherheitslücken.
Thorsten Holz (links) und Matteo Große-Kampmann untersuchen Gesundheits-Apps auf Sicherheitslücken

Jüngst hat er "mentale Gesundheits-Apps" untersucht, bei denen Nutzer beispielsweise mit Hilfe von privaten Fotos ihren Gemütszustand darlegen können. Innerhalb kürzester Zeit konnten er und sein Kollege Thorsten Holz auf sämtliche Datenbanken zugreifen und die Fotos der User aufspüren. "Die Betreiber sind sehr nachlässig, sie scheren sich nicht unbedingt um die Daten", so Holz. Die User bezahlten die meist kostenlosen Apps quasi mit Informationen, also mit ihren Daten.

Ärzte protestieren gegen Digitalisierung

Die Politik, allen voran, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, drückt unterdessen weiterhin aufs Gas, um die Medizin ins digitale Zeitalter zu überführen. 18 Gesetze hat Spahn seit seiner Amtszeit auf den Weg gebracht. Ein Rad, welches derzeit eher im Hintergrund dreht, ist die so genannte Telematik-Infrastruktur. Eine Art digitale Datenautobahn, die Akteure im Gesundheitswesen vernetzen soll. Derzeit müssen sich alle niedergelassenen Ärzte an das Datennetz anschließen. Doch der Widerstand ist groß, vor allem bei den Ärzten, die die Daten ihrer Patienten in Gefahr sehen.

Es gibt mehrere Initiativen, die sich gegen die Pläne des Gesundheitsministers stellen und sich nicht an die Telematik-Infrastruktur anschließen lassen. "Wir haben viele Patienten, die nicht wollen, dass diese Daten irgendwo ersichtlich sind, vor allem, wenn sie noch berufstätig sind, und das ist ja gar nicht mal so selten, erzählt der Psychiater Andreas Meißner aus München. Darunter seien viele junge Leute, die später noch Versicherungen abschließen wollen. Meißner weigert sich bisher, sich an die Telematik-Infrastruktur anzuschließen, und muss deswegen ein Prozent seines Honorars Strafe zahlen, ab März 2020 werden es sogar 2,5 Prozent sein.

Patientendaten oft nicht ausreichend geschützt

Auch Datenschützer und IT-Experten schlagen Alarm. Jens Ernst, Systemadministrator aus Schwerte, warnt vor einem bundesweiten Datenskandal. Der Grund: Er hat seit Frühjahr dieses Jahres zahlreiche Arztpraxen besucht, die bereits ans Datennetz angeschlossen wurden. Und das ziemlich unsicher.

Laut Ernst können Patientendaten durch schlampige Installation dieser Infrastruktur nicht mehr ausreichend geschützt werden. Dies bewies er auch gleich in einem Experiment für ZDFzoom: Es gelang ihm ohne größere Probleme, an die sensiblen Daten auf unserer elektronischen Gesundheitskarte zu kommen - und diese im Klartext zu öffnen: Name, Adresse, Alter, Geburtsdatum.

Was das für die elektronische Patientenakte, die ab 2021 kommen soll, bedeutet, mag man sich kaum ausmalen. Dann nämlich werden auch Befunde, Diagnosen oder Therapiepläne online gespeichert und verwaltet. Jens Ernst wünscht sich, wie so viele andere IT-Experten, Datenschützer oder Patienten auch, dass der Staat rechtliche Rahmenbedingungen schafft, die für unsere Datensicherheit sorgen. Denn derzeit scheint es der Politik vor allem um Turbo statt um Sicherheit zu gehen.

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