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Städte mit Imageschaden - "Der schale Beigeschmack wird immer bleiben"

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Hoyerswerda, Mölln, Dresden, Kandel. Und jetzt Chemnitz. Der Imageschaden, den Rechte und ihre Sympathisanten Städten zufügen, kann gewaltig sein. Die Wirtschaft weiß darum.

Demonstranten in Chemnitz, aufgenommen am 27.08.2018
Demonstranten in Chemnitz (Archivbild vom 27.08.2018)
Quelle: ap

September 1991. Bis zu 500 Menschen haben sich in Hoyerswerda vor einem Wohnheim für Vertragsarbeiter und einem anderen für Flüchtlinge versammelt. Es kommt zu rassistisch motivierten Ausschreitungen, der Polizei gelingt es nicht, die Angriffe zu stoppen. Selbst heute, fast 30 Jahre später hat sich die kleine Stadt in der Lausitz nicht von dem Imageschaden erholt, den ihr diese Szenen zugefügt haben.

Auch Mölln, wo Neonazis nur ein Jahr später Brandanschläge auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser ausübten und damit zwei Mädchen und ihre Großmutter töteten, wird noch immer mit diesem Verbrechen assoziiert. Und durch Kandel marschieren seit Jahresbeginn jeden Samstag Mitglieder der rechten Szene, die an den Tod einer 15-Jährigen erinnern wollen, die von einem afghanischen Flüchtling erstochen wurde. Schon jetzt hinterlassen sie mit ihren Aufmärschen Spuren in der südpfälzischen Kleinstadt.

Selbst Dresden, das mit Frauenkirche, Zwinger und Semperoper punkten kann, hat durch die Pegida-Demonstrationen mehr als nur einen Kratzer im Lack abbekommen. Und das sind nur einige Orte in Deutschland, die mit dem Schaden leben müssen, den rechte Sympathisanten mit Demonstrationen, Krawallen und Übergriffen angerichtet haben.

Kundgebung von Pegida in Dresden
Kundgebung von Pegida in Dresden
Quelle: dpa

Schaden für die Unternehmen nicht zu leugnen

Katrin Hoffmann vom in Chemnitz ansässigen Industrieverein Sachsen 1828 weiß, was solche Vorfälle für den Ruf einer Stadt bedeuten. "Der Imageschaden ist natürlich da", sagt sie mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in ihrer Stadt. Der Wirtschaftsstandort Chemnitz habe sich bislang - vor allem im Bereich Maschinenbau - sehr erfolgreich entwickelt, es gebe zwei Fraunhofer Institute vor Ort, die Technische Universität. Die ansässigen Unternehmen agierten international und hätten Kunden in der ganzen Welt. "Wenn diese Bilder aus Chemnitz um die Welt gehen, betrifft das die Firmen und Unternehmen vor Ort direkt", sagt Hoffmann. Fähige Fach- und Führungskräfte ließen sich eben nicht ausschließlich aus der Region gewinnen und "wenn man neue Unternehmen ansiedeln will, spielt das Image einer Stadt eine große Rolle." Doch schon jetzt berichten die Unternehmen, die der Industrieverein vertritt, von ersten Nachfragen der Partner, ein größerer Auftrag wurde bereits storniert.

Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig hat diese Unsicherheit bei Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Universitäten wahrgenommen. "Das ist ein Schaden, der entstanden ist", sagte der SPD-Politiker in Dresden. Man müsse nun dafür sorgen, dass daraus kein irreparabler Schaden werde. Tatsächlich ist dieser Schaden aber nicht erst mit Chemnitz entstanden. "Die wirtschaftlichen Folgen von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit" heißt eine wissenschaftliche Studie, in der der Haller Jurist Prof. Kai Bussmann schon 2008 klar aufgeführt hat, dass "Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus große Unzufriedenheit bei Unternehmen in den neuen Bundesländern" verursachen.

Siemens in Sorge

Zwar gibt es in Sachsen offenbar keine konkreten Zahlen über die Gründe für Kundenabsagen oder geplatzte Aufträge. Auch Unternehmen wie Siemens können damit nicht aufwarten. Aber "wir leben von dem Ruf, den wir haben und zwar weltweit“, sagt Elke Fuchs, Siemens-Sprecherin für die Wirtschaftsregion Ost. Die Vorfälle in Chemnitz seien weltweit wahrgenommen worden, Kunden und Mitarbeiter hätten besorgt reagiert. Natürlich seien geschäftliche Auswirkungen zu befürchten, aber auch das Wohl der Mitarbeiter sei gefährdet.

"Wie unsere Kunden und Partner sollen sich auch unsere Mitarbeiter in unserem Haus wohlfühlen", sagt Fuchs. Und so verwundert es nicht, dass sich die Leiter der Siemens-Werke und –Niederlassungen in Sachsen mit einem Brief an die Öffentlichkeit gewendet haben. Darin fordern sie unter anderem, "dass sich die starke Zivilgesellschaft des Freistaates offen und laut zu Toleranz und Mitmenschlichkeit bekennt, sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung zur Wehr setzt. Wirtschaftlicher Erfolg als Basis unseres Wohlstands in Deutschland und Sachsen hängt nicht zuletzt vom Ruf ab, den wir bei unseren Kunden weltweit haben."

Doch "das Beispiel Hoyerswerda zeigt, wie verdammt schwierig es ist, den schlechten Ruf wieder los zu werden, da wieder rauszukommen", sagt Katrin Hoffmann vom Industrieverein Sachsen. Die Mitbegründerin des Bündnisses "Chemnitz ist weder grau noch braun" versucht sich jetzt mit aller Macht an Schadensbegrenzung. "Wir haben uns vor einer Woche mit Vertretern der Industrie und der Kreativwirtschaft zusammengesetzt, um dem Ganzen etwas entgegenzusetzen." Eine Anzeige in überregionalen Zeitungen, ein Banner am Karl-Marx-Kopf waren nur erste Schritte.

Hoffmann: Bilder nicht Chemnitz-typisch

In kürzester Zeit konnte die Initiative Firmen gewinnen, die das Bündnis finanziell unterstützen. Mit dem Geld sollen langfristige Projekte unterstützt werden, der Dialog mit der Landesregierung soll weitergeführt, das Gespräch mit den Chemnitzern gesucht werden. "Das Image von Chemnitz war auch früher nicht so gut. Aber wir haben in den letzten Jahren sehr darum gerungen, dass es sich verbessert, auch in der Innenwahrnehmung der Bürger", erzählt Katrin Hoffmann. "Was jetzt passiert ist, macht mich wütend, völlig fassungslos. Man fühlt sich so ohnmächtig. Wir hatten doch schon viel erreicht." Hoffmann verweist auf Chemnitz'' Hoffnung, Kulturhauptstadt zu werden. "Wir hatten da gute Möglichkeiten." Und jetzt? "Die Bewerbung läuft noch", sagt Hoffmann. "Wir müssen jetzt zeigen, dass diese Bilder nicht Chemnitz-typisch sind. Sie sind auch nicht nur Sachsen, sind nicht nur Ostdeutschland."

Chemnitz - Männer befestigen am Karl-Marx-Denkmal ein Plakat
Banner am Chemnitzer Karl-Marx-Denkmal.
Quelle: dpa

"Das ist nicht Kandel", sagt auch Günther Tielebörger, Bürgermeister der kleinen Stadt. Trotzdem weiß er um den Schaden, der entstanden ist, und er versucht dagegen anzugehen. "Wenn die Leute auswärts sagen, 'Ach, Kandel, dieser braune Fleck in der Südpfalz', dann ist das schlimm." Kandel will "bunte Punkte" dagegen setzen - jetzt am Wochenende ein "Fest der Kulturen", diverse Sportveranstaltungen mit internationalen Teilnehmern sind geplant. "Wir wollen zeigen, dass wir nicht zu tun haben mit Links- oder Rechtsextremismus", sagt Tielebörger.

Wirtschaftlich macht Tielebörger sich wenig Sorgen, ein Baugebiet wird gerade erschlossen, die Bewerbungen stapeln sich. Da bleiben auch die Firmen am Ball. "Die Leute wollen wissen, ob sie hier einkaufen gehen können, ob die Kinder gut versorgt sind." Bislang ist es vor allem der Einzelhandel in Kandel, der den finanziellen Schaden deutlich zu spüren bekommt. "An den Samstagen, an denen die Aufmärsche sind, versammeln sich schon am Morgen Hundertschaften der Polizei in der Fußgängerzone. Da kommt doch keiner zum Einkaufen", erzählt Tielebörger. Kandel, so ist er überzeugt, habe aber auch eine ganz andere Dimension als zum Beispiel Chemnitz: "Wir sind ein kleines, intaktes Städtchen mit stabilen Verhältnissen, Arbeitslosigkeit und Politikunzufriedenheit spielen keine große Rolle." Kandel werde in der Öffentlichkeit eher als Opfer, denn als Akteur wahrgenommen, glaubt Tielebörger.

Teil der Möllner Geschichte

Feuerwehrleute stehen vor einem Haus in Mölln, auf das ein Brandanschlag verübt wurde, 1992
Mölln 1992
Quelle: ap

Sein Möllner Kollege, Bürgermeister Jan Wiegels, ist unterdessen schon mit den Vorbereitungen für die jährliche Gedenkfeier zum Brandanschlag beschäftigt. "Die Anschläge sind Teil unserer Geschichte und dem müssen wir uns stellen", sagt Wiegels. "Die beiden Neonazis kamen damals nicht direkt aus Mölln, sie hätten überall anders einfallen können. Es ist aber hier passiert." Den Imageschaden will er gar nicht wegdiskutieren. "Im besten Fall erwähnt einer, wenn er Mölln hört, den Eulenspiegel, der hier geboren wurde. Aber jeder zweite kratzt sich am Kopf und erinnert sich: 'Da war doch mal was…'"

Einen wirtschaftlichen Schaden hat die Stadt allerdings nicht erlitten. Wiegels sieht aber auch einen großen Unterschied: "Wenn sich ausländische Wissenschaftler zum Beispiel in Dresden nicht mehr auf die Straße trauen, ist das eine andere Situation. Mölln war nie ein Ort von rechten Sympathisanten, im Gegenteil. Nach dem Brandanschlag haben sich große Teile der Bevölkerung mit den Opfern solidarisiert. Aber der schale Beigeschmack, der wird immer bleiben."

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