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"Welcome to hell" eskaliert - 50 Minuten bis zur Gewalt

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Wer hat angefangen? Wenn am Ende Wasserwerfer zum Einsatz kommen, Steine fliegen, gibt es meistens zwei Wahrheiten. Die Polizei sagt, sie musste wegen des Vermummungsverbots einschreiten. Die Demonstranten sagen: unverhältnismäßig. Die Wahrheit liegt in der Mitte.

Was wollen die Teilnehmer des G20 erreichen, wird es überhaupt zu einem Konsens kommen können? Und was dagegen ist das Ziel der NGOs, der Nicht-Regierungsorganisationen, die die Proteste gegen die Delegationen aus den Industrienationen teilweise mit …

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"Welcome to hell": Die Demo, vor der alle Angst hatten, beginnt erst einmal harmlos. Zunächst Hunderte, später Tausende Demonstranten zieht es auf das Gelände am Fischmarkt. Vorne, auf der Bühne, gibt es ein buntes Programm. Internationale Aktivisten, unter anderem aus Russland und Mexiko, prangern die Zustände in ihren Ländern an. Dazwischen spielen Bands wie "Die Goldenen Zitronen", ihres Zeichens Hamburger Punk-Größe. "Die Gemütlichkeit mancher ist die Hölle anderer", singen die von der Bühne - die Motivation der meisten, die friedlich mitsingen und demonstrieren.

"Bin ich kriminell, nur weil ich protestiere?"

Das spätere Gewaltpotenzial ist zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zu erahnen. Viele Protestler haben sich auf der Westseite des Fischmarkts in den Schatten geflüchtet, um sitzend auf den Protestzug zu warten. Eine kleine Gruppe aus Thüringen und Sachsen spielt dort Karten. Dass bereits jetzt in den Nebenstraßen Wasserwerfer und Mannschaftswagen stehen, schreckt sie nicht ab. "Man hat den Eindruck, man möchte auch, dass es knallt", sagt Karl. Er sei schon am Morgen in Thüringen im Zug kontrolliert worden. "Bin ich kriminell, nur weil ich protestiere?" Karl will lieber über Inhalte als Gewalt diskutieren - und ist damit nicht allein.

Die, die es nicht in den Schatten zieht, verfolgen das Programm auf der Bühne. Mathias etwa, der auf seinem Protestschild die "G20-Mafia" anprangert. Dass er hier steht, sei sein "persönlicher Widerstand gegen die Teilnehmer der Konferenz", sagt er. "Ich denke nicht, dass man in Deutschland Autokraten wie Trump, Erdogan und Putin eine öffentliche Bühne bieten sollte." Dass dafür auch noch Steuergelder ausgegeben würden, mache ihn zwar wütend. Von Aggressivität ist bei ihm und den anderen aber nichts zu spüren.

Selbst das Erreichen des Schwarzen Blocks ändert daran zunächst nichts. Die Stimmung bleibt auch friedlich, als sich ab 18 Uhr die ersten schwarz Gekleideten unter die Menge mischen. Die Menge zieht es nun langsam an die Ecke Große Elbstraße/St. Pauli Fischmarkt, eine große Straße, die parallel zum Hamburger Hafen verläuft.

Spirale der gewaltsamen Eskalation

Dort formiert sich um 19 Uhr der Protestzug. Einige Demonstranten schreiben sich noch rasch mit einem Filzstift die Notfallnummern auf Arm oder Bein. Andere wechseln ihr Outfit. Aus bunten T-Shirts werden schwarze Jacken. Einzelne Demonstranten vermummen sich auch. Angeführt von einem Wagen mit Lautsprechern bricht der Schwarze Block in Richtung Landungsbrücken auf, von wo es weiter nach St. Pauli gehen soll.

Bis dahin kommt der Protestzug allerdings nicht. Noch bevor er sich komplett aufstellen kann, stoppt die Polizei den Marsch. Zahlreiche Einsatzkräfte und drei Wasserwerfer stellen sich in den Weg. Die Polizisten fordern die Vermummten auf, Gesicht zu zeigen. "Dann kann es weitergehen", twittert die Hamburger Polizei.

Im Nachhinein ist klar: Bereits an diesem Punkt hat eine Spirale der gewaltsamen Eskalation eingesetzt, die nicht mehr aufzuhalten ist. Was der tatsächliche Auslöser dafür ist - kaum festzumachen. Fakt ist: Die Polizei meldet feindliche Parolen und die ersten Flaschenwürfe auf Beamte. 19:11 Uhr ist es da. Vier Minuten später folgt bereits die Aufforderung: "Wir bitten alle friedlichen Demonstranten, sich von den vermummten Personen auch räumlich zu distanzieren." Übertrieben und unverhältnismäßig, finden viele Protestler, die sagen, ihre Vermummung diene dem Schutz.

Polizei kesselt Demonstranten ein

Zwar bleiben viele Demonstranten zu diesem Zeitpunkt noch gelassen. Vor allem weiter hinten, wo der bunte Rest auf den Start des Protestzuges wartet, ist die Stimmung noch gut. Doch kurz darauf macht unter den Demonstranten die Nachricht die Runde, dass die Polizei auch an der letzten offenen Ecke Wasserwerfer in Stellung bringt. Damit ist der Protest endgültig eingekesselt. "Das sieht nicht nach Deeskalation aus“, dröhnt es aus den Lautsprechern des Schwarzen Blocks. Dort, wo noch viele bunt gekleidete Demonstranten stehen, berichten Augenzeugen, dass die Polizei Unbeteiligte per Lautsprecher dazu aufruft, sich umgehend zu entfernen.

Jetzt eskaliert die Situation. Es ist 19:45 Uhr, als die Polizei in der Mitte des Protestzugs einen Keil in die Teilnehmer treibt. Sie seien mit Latten und Flaschen angegriffen worden, twittern die Einsatzkräfte. "Es kommt leider zu ersten Ausschreitungen. Wir setzen entsprechende Zwangsmittel ein." Und: "Wenn der Schwarze Block separiert wurde, kann der Aufzug friedlich weitergehen."

Kein Weg zurück

Das allerdings ist utopisch - und das muss auch der Hamburger Polizei klar sein. Der Schwarze Block ist fast auf der gesamten Länge des Protestzugs vertreten. Ihn zu diesem Zeitpunkt zu isolieren, ist unmöglich. Zumal die Reaktionen der Vermummten das auch nicht zulassen: Auf das Eingreifen der Polizei reagieren sie umgehend mit Flaschenwürfen. Hunderte Gegenstände regnen auf die Beamten herab, Feuerwerkskörper fliegen durch die Luft.

Die Beamten räumen das Gebiet umgehend. Während der Schwarze Block Flaschen und Feuerwerkskörper wirft, setzen die Beamten Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer ein. Binnen weniger Minuten sind die Demonstranten in die Nebenstraßen zurückgedrängt. Die Demonstration ist damit faktisch beendet - um 19.50 Uhr, nur 50 Minuten nach Beginn dessen, was ein Protestzug hätte werden sollen. Das Gebiet um den Fischmarkt ist leer, die Demonstranten ziehen Richtung Sternschanze und St. Pauli. Hamburg steht eine heiße Nacht bevor.

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