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Welt-Down-Syndrom-Tag - Die herzlichen Meister der Entschleunigung

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Früher hat man sie oft als "Sorgenkinder" versteckt und ihnen wenig zugetraut - heute zeigen viele mit Stolz, was sie können. Menschen mit Down-Syndrom wollen teilhaben am Leben.

Archiv: Mädchen mit Down-Syndrom
Menschen mit Down-Syndrom wollen vor allem eins: Zur Gesellschaft dazu gehören.
Quelle: colourbox.de

Egal wie Du bist: "Leave no one behind"- Lasst niemanden zurück. So lautet das Motto der diesjährigen Kampagne zum Welt-Down-Syndrom-Tag. Down-Syndrom - sind das nicht diese "Sonnenscheine" mit "den schmalen Augen"? Die immer so fröhlich sind? Und irgendwie ein bisschen anders? Ja, Menschen mit Down-Syndrom sind anders - wie jeder Mensch. Aber was genau anders ist, das darf man auch benennen, um es greifbar zu machen. Das hilft ihnen und ihren Mitmenschen. Benennen bedeutet aber nicht, es zu bewerten oder gar abzuwerten.

Denn beim Thema Gefühle macht ihnen niemand etwas vor. Menschen mit Down-Syndrom sind sehr empathisch, sie erspüren Stimmungen. Ihre emotionale Intelligenz ist meist höher als bei anderen Menschen - im Unterschied zu ihrer kognitiven. Sie sind herzlich, können sich unbändig und ehrlich freuen und das auch zeigen. Aber sie können auch zutiefst traurig oder verletzt sein, wenn sie sich abgelehnt fühlen. Oder wenn man abfällig über sie spricht und sie ausgrenzt.

Experten für Entschleunigung

Dabei müssten sie in unserer heutigen Welt eigentlich sehr gefragt sein. Denn Down-Syndrom-Menschen sind Experten für Down-Shifting, für Entschleunigung. Sie zeigen auf, dass es mehr gibt als Hektik, Stress und Zeitmanagement. Eile ist für sie ein Unwort. Das ist eine Folge der Trisomie 21, der Tatsache, dass in ihrer DNA das 21. Chromosom dreifach vorkommt.

Dies bedingt einen anderen Stoffwechsel und eine verzögerte Vernetzung im Gehirn. Sie wirkt sich auf die Steuerung der Muskeln im gesamten Körper aus und so geht vieles einfach langsamer. Ihre Energie stecken sie achtsam in das, was sie wirklich interessiert. Aber es ist keine Krankheit, an der die Menschen leiden. Das fand schon der britische Arzt John Langdon Down heraus, nach dem die genetische Besonderheit benannt ist.

Mit Lob und Förderung gelingt viel

Archiv: Junge mit Down-Syndrom
Kinder mit Down-Syndrom besuchen heute oft eine Regelschule.
Quelle: dpa

Früher hat man die "Sorgenkinder" meist zu Hause versteckt, sie wenig gefördert oder oft mit Essen beschäftigt. Durch ihren verlangsamten Stoffwechsel brauchen sie allerdings weniger Kalorien als andere Menschen, haben aber zugleich kaum Sättigungsgefühl. Deshalb setzen sie schnell Pfunde an - das hat das Bild vom kleinen, dicken, schwerfälligen "Downie" geprägt. Da ihre Muskeln schwächer sind, müssen sich Menschen mit Trisomie 21 bei jeder Form von Leistung mehr anstrengen als ihre Mitmenschen mit 46 Chromosomen. Deshalb verweigern sie auch manchmal die Mitarbeit, sind langsamer oder früher erschöpft.

Aber wenn man sie motiviert, wenn man sie ernst nimmt, und wenn man sie fördert, dann können sie ihr Potenzial zeigen und auch Erstaunliches leisten. Wie jeder Mensch brauchen sie dazu Wertschätzung, Liebe und Anerkennung. Down-Syndrom-Menschen haben Wünsche und Ziele - und verfolgen sie in ihrem Tempo. Und mit ihren Fähigkeiten. Die können sehr unterschiedlich sein, denn ihre genetische Veranlagung macht die Spannbreite noch weiter als bei anderen Menschen.

Models, Musiker oder Moderatorinnen

Archiv: Die Autoren des Magazins "Ohrenkuss"
Autoren des Magazins "Ohrenkuss".
Quelle: dpa

Während einige Menschen mit Down-Syndrom nicht sprechen können, können viele lesen und schreiben. Manche halten Vorträge wie Andrea Halder oder verfassen Bücher wie Jonas Zachmann. Andere arbeiten als Künstler. Während zahlreiche einen - heutzutage operablen - Herzfehler haben oder Begleiterkrankungen, sind andere nur entwicklungsverzögert. Es gibt Down-Syndrom-Menschen, die tauchen, Skifahren, Klarinette spielen oder Englisch lernen. Manche arbeiten in der Pflege oder in der Gastronomie, andere in Werkstätten. In Großbritannien gibt es Models, in Frankreich Wettermoderatorinnen, in Irland und Spanien dürfen sie die Universität besuchen, allen voran Pablo Pineda. In Deutschland gestalten Autoren mit Down-Syndrom die Zeitschrift "Ohrenkuss".

Archiv: Carina Kühne
Schauspielerin Carina Kühne
Quelle: dpa

Zudem präsentieren sich Schauspieler am Theater oder in Film- und Fernsehrollen wie etwa Carina Kühne. Und in den USA dürfen sie sogar mancherorts einen Auto-Führerschein machen - ein großes Ziel für viele. Man muss es ihnen nur zutrauen und die notwendige Begleitung zur Seite stellen. Dann geht ganz viel. Aber manches geht eben auch nicht, bleibt für immer unerreicht. Wie bei anderen Menschen auch. Auch dann sollte man sich und andere nicht unter Druck setzen.

Teilhabe ernst nehmen

Damit sie in unserer Gesellschaft leben und teilhaben können, brauchen sie Menschen, die ihnen etwas zutrauen. Die sich trauen, sie kennenzulernen oder überhaupt zu bekommen. Denn ein Bluttest, der relativ sicher in der Schwangerschaft feststellen kann, dass das Baby im Bauch Trisomie 21 hat, vermindert ihre Überlebenschancen. Umso mehr, wenn Ärzte oft nicht oder nur defizit-orientiert über die Auswirkungen des Syndroms aufklären. Oder sozialer Druck auf Schwangere ausgeübt wird, Kinder mit dieser Diagnose abzutreiben.

Es braucht eine Politik, die Inklusion nicht nur als Ziel benennt, sondern auch die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen für deren Umsetzung bereitstellt, damit sie auch gelingen kann. Von der Schule bis zum Arbeitsplatz. Damit wirklich jeder Mensch seinen Platz findet. Andere europäische Länder sind uns dabei weit voraus. Und es bedarf einer Zivilgesellschaft, die sich mutig konservativ-rechten Kräften mit Sorgen um das Fortbestehen des deutschen Volks entgegenstellt und die aufhorchen sollte, wenn die AfD bei der Bundesregierung die Zahlen von Behinderten im Land erfragt.  

All diese Entwicklungen machen es Frauen sicher nicht leichter, eine Entscheidung zu treffen, die ihr Leben beeinflusst - so oder so. Aber vielleicht machen die vielen fröhlichen, empathischen und kreativen Menschen Mut. Sie lehren uns die Entdeckung der Langsamkeit, sie haben einen wunderbaren Humor und das Herz am rechten Fleck. Wer einmal beim Deutschen Down-Sportlerfestival mit seinen rund 600 Teilnehmern dabei war, der weiß, was Emotionen sind. Diese Menschen wollen nicht zurückgelassen werden. Sondern sie wollen dasselbe wie alle Menschen: leben und glücklich sein. So wie sie sind. Und das ist gut so.

  

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