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Klima, Artenvielfalt, Ressourcen - Von heute an leben wir auf Pump

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Überfischung, Abholzung, Versiegelung - die Menschheit überzieht das ökologische Konto. Der Planet ist erschöpft. Heute beginnen wir, eine weitere Erde zu verbrauchen.

Verdörrter Mais
Die Menschen haben die Recourcen der Erde heute verbraucht, ab jetzt leben wir auf Pump.
Quelle: dpa

Er rückt immer weiter nach vorne: der Erdüberlastungstag. International wird er Earth Overshoot Day genannt. Der Tag markiert den Zeitpunkt, ab dem die  Menschheit aus ökologischer Sicht über ihren Verhältnissen lebt. In diesem Jahr haben die 7,7 Milliarden Erdbewohner vom 1. Januar bis zum 29. Juli 2019 so viel natürliche Ressourcen verbraucht, wie die Ökosysteme Wald, Boden, Ozeane im gesamten Jahr erneuern können. Laut den Berechnungen der Denkfabrik  Global Footprint Network liegt der Erdüberlastungstag erneut am 29. Juli. Vor 20 Jahren lag er noch im Oktober. Und am ersten Erdüberlastungstag 1970 war es gar noch der 29. Dezember. Angemerkt werden muss, dass sich die Vorgehensweise der Berechnungen über die mehr als vier Jahrzehnte hinweg geändert haben.  

Überzogenes Ökokonto

Zur Berechnung des Erdüberlastungstag eines Jahres wird analysiert, wie viel Fläche benötigt wird, um alle Ressourcenbedürfnisse inklusive der Energieversorgung zu stillen. Zivilgesellschaftliche Organisationen sehen die ungebremste Ressourcenplünderung mit Sorge: "Wir konsumieren und wirtschaften als gäbe es kein Morgen. Die Zeche dafür zahlen unsere Kinder und Enkelkinder. Wir müssen diesen Raubbau beenden", meint Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand vom WWF Deutschland.

Beispiel Fischfang: Laut dem Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum Zustand der Weltfischbestände und Aquakultur 2018 ernähren sich weltweit circa 2,6 Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch. Derzeit gelten etwa 30 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt, 60 Prozent sind maximal befischt und nur zehn Prozent sind noch nicht an der Belastungsgrenze befischt. So gerät die Ernährungssicherheit großer Bevölkerungsteile Afrikas und Asiens zusehends in Gefahr.

Beispiel Boden: Der Flächenbedarf für Siedlungs- und Straßenbau sowie Landwirtschaft ist in Deutschland groß. Laut Umweltbundesamt liegt der deutsche Flächenneuverbrauch derzeit bei 58 Hektar. Mit der Versiegelung steigt der CO2-Ausstoß - Stichwort zunehmender Kraftfahrzeugverkehr. Zudem laugt die Intensivlandwirtschaft die Böden aus. Und da die Erträge der Ackerflächen längst nicht mehr ausreichen, um den Bedarf für Ernährung, Biosprit sowie Tierfutter zu decken, werden Ackerflächen im Ausland - wie etwa Brasilien oder Indonesien - in Anspruch genommen. "Wenn Urwälder für Soja- oder Palmölplantagen zerstört werden, damit wir hier billige Futtermittel oder Treibstoff für unsere Autos haben, dann zerstören wir unseren gemeinsamen Planeten, dann rauben wir aber gleichzeitig anderen Menschen ihre Lebensgrundlagen", sagt die Hilfsorganisation MISERIOR.    

Deutschland braucht drei Erden

Die momentane Wirtschaftsweise - so die Berechnung des Global Footprint Network - belegt: Hätte die gesamte Weltbevölkerung denselben Jahresverbrauch wie Deutschland, wären dafür die Ressourcen von drei Erden notwendig. "Statt ökologisch gegen die Wand zu fahren, wäre es für Deutschland von Vorteil, wenn sich seine Regierung für eine wesentlich ambitioniertere Energie-, Verkehrs- und Agrarpolitik stark machen und sich von der ressourcenintensiven und wachstumsbesessenen Wirtschaftsweise befreien würde", sagt Mathis Wackernagel vom Global Footprint Network.

Die Grenzen des Wachstums festlegen, dafür ist eine Umstellung der Finanz- und Wirtschaftssysteme notwendig. Werkzeuge dafür sind etwa eine CO2-Bepreisung, die Wende der Energie- sowie Verkehrspolitik sowie grüne Finanzströme. Nur so kann das Datum des Erdüberlastungstags im Jahreskalender nach hinten gerückt werden. "Wesentliche Schritte in diese Richtung wären neben einem wirkungsvollen Klimaschutzgesetz eine am CO2-Ausstoß orientierte und sozial ausgestaltete Steuerreform", meint Stefan Küper von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Und Lena Michelsen von der Entwicklungsorganisation INKOTA fordert anlässlich des Earth Overshoot Day: "Digitale Technologien sollten für kooperative, gemeinwohlorientierte Wirtschaftsformen genutzt werden".

Die Situation ist dramatisch. Ein rasches und konsequentes Handeln ist gefordert - nicht nur von den Konsumenten sondern auch von der Politik. Einige Ansätze solidarischer Wirtschaftsweisen gibt es bereits. Doch es braucht weitaus mehr Projekte auf gesetzlicher Ebene, damit das ökologische Guthaben des Planeten für 365 Tage ausreicht.        

 

Christine Elsner ist Redakteurin der ZDF-Umweltredaktion.

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