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UNESCO-Welterbekomitee tagt - Ein langwieriger Prozess und hitzige Debatten

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Wenn das Welterbekomitee über die Welterbeliste entscheidet, sind es oft hitzige Debatten. Die deutsche UNESCO-Präsidentin Böhmer hofft, dass die deutschen Bewerber es schaffen.

Naumburger Dom
Der Naumburger Dom ist für die Aufnahme auf die Liste der UNESCO-Welterben nominiert.
Quelle: dpa

heute.de: Das UNESCO-Welterbekomitee entscheidet in den kommenden Tagen auch über die Einschreibung von zwei Kultur- und Naturstätten aus Deutschland in die Welterbeliste. Wie stehen die Chancen für die deutschen Nominierungen?

Maria Böhmer: Ich bin überzeugt, dass beide Stätten in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben werden. Der Naumburger Dom geht ohnehin bereits zum dritten Mal ins Rennen. Zwar hat sich auch dieses Mal das zuständige beratende Gremium nicht für eine Einschreibung ausgesprochen. Aber das Welterbekomitee hat bei seiner Tagung im letzten Jahr in Krakau dem Naumburger Dom das entscheidende Kriterium zugesprochen: den außergewöhnlichen universellen Wert. Deshalb gehe ich fest davon aus, dass man zwar sicherlich nochmals kämpfen muss, aber am Ende die positiven Argumente überwiegen. Denn letztendlich entscheidet nicht das beratende Gremium, sondern das Welterbekomitee.

heute.de: Wie läuft diese Entscheidungsfindung ab? Wird einfach die Hand gehoben, um für oder gegen die Aufnahme zu stimmen?

Böhmer: Nein, zwar werden manche Anträge nach kurzer Vorstellung und Diskussion in nur 15 Minuten eingeschrieben. Aber meist sind es mitunter sehr hitzige Debatten. Alleine um bis dorthin zu kommen, ist es ein ziemlich langwieriger Prozess. Es geht schließlich um sehr viel. Denn die Kultur- oder Naturstätte wird damit zum Erbe der gesamten Menschheit. Die Nominierung muss von der jeweiligen Regierung des Landes mindestens zwei Jahre im Voraus bei der UNESCO zur Prüfung eingereicht werden. Wenn dort kein Überarbeitungsbedarf mehr gesehen wird, werden sämtliche Unterlagen dem Welterbekomitee vorgelegt. Doch bevor dieses im Rahmen seiner jährlichen Tagung entscheidet, geben zunächst die jeweils zuständigen beratenden Gremien eine Empfehlung ab. Diese sind dann Grundlage der Entscheidung.

heute.de: Das Welterbekomitee befasst sich in Bahrain auch mit dem Schutz gefährdeter Welterbestätten. Was gilt als Gefährdungsfaktor?

Böhmer: Es gibt eine ganze Reihe solcher Faktoren. Dazu zählen die Auswirkungen des Klimawandels oder bewaffneter Konflikte und kriegerischer Auseinandersetzungen. Ich erinnere beispielsweise an die Zerstörung der antiken Oasenstadt Palmyra durch die Terrormiliz "Islamischer Staat". Aber auch die große Anziehungskraft von Welterbestätten selbst ist ein Problem. Der Massentourismus bedroht etwa Venedig zunehmend. Darüber hinaus werden gerade bei dieser Welterbekomiteesitzung Stadtentwicklungsprojekte und Infrastrukturmaßnahmen eine große Rolle spielen. Wir haben dazu auch in Deutschland schon Erfahrungen gesammelt: Der Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden hat dazu geführt, dass die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal von der Welterbeliste genommen wurde.

heute.de: Diesmal steht Usbekistan im Mittelpunkt der Kritik. Das Komitee wird über die Streichung der usbekischen Stätte "Historisches Zentrum von Shahrisabz" von der UNESCO-Welterbeliste diskutieren.

Böhmer: Der Fall dort scheint mir tatsächlich sehr gravierend zu sein und ich habe den Eindruck, dass die Austragung droht. Dort haben solch umfassende Baumaßnahmen stattgefunden, dass der außergewöhnliche universelle Wert offensichtlich verloren gegangen ist. Das ist sehr bedauerlich, denn diese Stätte gibt Auskunft über 2.000 Jahre Geschichte. Man muss vorausschicken, dass wirklich viel passieren muss, wenn das Welterbekomitee eine solche Überlegung anstellt. Denn die Streichung ist stets das letzte Mittel. Zunächst landet man immer erst auf einer roten Liste des gefährdeten Welterbes, verbunden mit Empfehlungen, wie man das Ruder noch einmal herumreißen kann. Seit es die Welterbekonvention gibt, wurden überhaupt erst zwei Streichungen vollzogen. 2009 in Dresden und 2007 im Oman. Dort wurde das Wildschutzgebiet der Arabischen Oryx gestrichen. Allerdings geschah das auf Bestreben der Regierung, denn diese wollte dort befindliche Erdölvorräte nutzen.

Deutsche Welterbestätten

heute.de: Welche Schritte muss das UNESCO-Welterbeprogramm Ihrer Ansicht nach gehen, um auch in Zukunft auf tragfähigen Säulen zu stehen?

Böhmer: Ganz wichtig wird sein, dass sich der Blick in Zukunft nicht nur auf Neuaufnahmen in die Welterbeliste konzentriert, sondern sehr viel stärker auf den Schutz und Erhalt von bereits eingeschriebenen Welterbestätten. Das ist die eigentliche Arbeit und der große Auftrag, der mit der Einschreibung verbunden ist. Denn der Welterbetitel ist mit der Verpflichtung verbunden, Schutz und Erhaltung in Bestand und Wertigkeit der Stätte sowie ihrer Weitergabe an künftige Generationen sicherzustellen.

Der Welterbefonds, der der UNESCO zur Verfügung steht, wird derzeit zu 75 Prozent für Nominierungen aufgebraucht. Natürlich ist in erster Linie jedes Land selbst für den Schutz und Erhalt seiner Welterbestätte verantwortlich. Es gibt aber sehr wohl Situationen, die mehr Unterstützung seitens der UNESCO erfordern als die bislang eingesetzten finanziellen Mittel. Welterbestätten sollten darüber hinaus zu modernen Lernorten und Begegnungsorten weiterentwickelt werden, an denen Besucher den Blick in die Geschichte richten können und daraus für die Zukunft lernen können.

Das Interview führte Michael Kniess.

Welterbekomitee-Tagung in Bahrain

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