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Wie in einer Sackgasse

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Syrische Schicksale - Wie in einer Sackgasse

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Der Krieg hält viele Syrer im eigenen Land gefangen. Einige Flüchtlinge hatten Glück auf der Flucht, doch Tausende harren in Lagern aus, ohne Aussicht auf eine lebenswerte Zukunft.

Menschen schauen Schäden auf einem Markt an, aufgenommen am 15.05.2019 in Dschisr Asch-Schughur  (Syrien)
Markt in der Provinz Idlib nach Bombardements (Archivfoto)
Quelle: dpa

"Es sind die Kampfjets, die uns schwer zu schaffen machen." Der Mann, der das sagt, versorgt die Opfer von Luftangriffen auf die umkämpfte syrische Großstadt Idlib Tag für Tag. Bilal ist Nothelfer, rast nach Bombardements mit einem Ambulanzwagen zu Orten des Grauens. Der Syrer ist ein kräftiger Mann, er wirkt unerschütterlich. Seine tiefe Stimme aber bricht immer wieder ab, und er wischt sich die Augen, als er von den Kriegsopfern spricht, denen er oft nicht mehr helfen kann.

"Idlib ist die Hölle, aber auf offenem Feld ist es nicht besser"

"Es gibt an schrecklichen Sachen nichts, was ich noch nicht gesehen habe in den letzten Jahren", sagt Bilal. In den vergangenen Wochen vergehe kein Tag ohne Schwerverletzte und Tote. Das Assad-Regime will mithilfe der russischen Luftwaffe den letzten Widerstand der syrischen Opposition in Idlib brechen. Doch der Widerstand radikal-islamistischer Kräfte in Idlib ist noch immer nicht gebrochen. Einwohnern Idlibs zufolge setze die türkische Armee, die eigentlich für den Schutz der Bevölkerung sorgen soll, den Luftangriffen nichts entgegen, versorge die oppositionellen Kämpfer jedoch weiter mit Waffen.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Quelle: ZDF

Mehr als 270.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen allein im Mai vor den Luftangriffen auf Idlib geflohen. Schutz etwa in der Türkei bleibt diesen Menschen verwehrt. Die Grenzen bleiben verschlossen. "Idlib ist die Hölle, aber da draußen auf offenem Feld ist es nicht besser", sagt Bilal. Idlib ist in seinen Augen "das größte Gefangenenlager der Welt". Das Schlimmste daran sei das Gefühl, nahezu schutzlos zu sein.

Flüchtling Abdulkader führt ein Schattenleben in der Türkei

Abdulkader hat es noch rechtzeitig über die syrisch-türkische Grenze geschafft - in einer Zeit, als seine Heimatstadt Rakka noch fest in der Hand der Terrormiliz "Islamischer Staat" war. In zahlreichen Gesprächen mit heute.de berichtete Abdulkader, der damals mit Freunden ein Internetcafé in Rakka betrieb, wie er sein Hauptgeschäft mit ausländischen IS-Kämpfern gemacht habe, die bei ihm Onlinegames wie "Candy Crush" spielen wollten. Dann aber sei sein Café von einem Tag auf den anderen dichtgemacht worden.

Möglicherweise wurden zivile Koordinaten wie Schulen und Krankenhäuser in Syrien gezielt für Angriffe benutzt, so ein Bericht der UNO. Besonders betroffen ist die Region um Idlib.

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"Ein IS-Kommandant hat uns offen damit gedroht, uns einen Kopf kürzer zu machen, da sind wir abgehauen." Abdulkader hat Zuflucht in der türkischen Hauptstadt Ankara gefunden. Er sagt, er führe ein Schattendasein. "Ich lasse mich selten auf der Straße blicken – der Wind in der Türkei hat sich spürbar gedreht, ich fühle mich als Syrer alles andere als willkommen."

Für Rifaie wurde Australien zum Glücksfall

Mein einziges Ziel ist, irgendwie aus diesem Alptraum rauszukommen.
Abdulkader, Flüchtling

Der junge Syrer, der einst in Aleppo Englisch studierte und selbst in Rakka unter der IS-Herrschaft lange selbstbewusst und unerschrocken wirkte, erscheint heute verschlossen. "Mein einziges Ziel ist, irgendwie aus diesem Alptraum rauszukommen." Aber was machen? Abdulkader seufzt. Er weiß es nicht. Ein Zurück nach Rakka oder Aleppo könne er sich nicht vorstellen. "Ich habe keine Lust, in irgendeinem dunklen Loch zu verschwinden."

Rifaie kennt die Ängste von Landsleuten wie Bilal und Abdulkader. Der Student hat Familienmitglieder im Krieg verloren, wurde selbst mit dem Tod bedroht, weil er ausländischen Medien Interviews gab, und floh in die Türkei. Sein Glück im Unglück war der Zeitpunkt der Flucht: Die Grenzen waren noch offen, die Türkei hieß syrische Flüchtlinge willkommen. Rifaie bekam ein Obdach, einen Job. Er holte Mutter und Schwester nach und bewarb sich später um ein Stipendium in Australien.

Flüchtlinge im Libanon fürchten sich vor Rückkehr

Inzwischen hat Rifaie einen sicheren Job gefunden, geheiratet und die australische Staatsbürgerschaft beantragt. Er hofft, dass auch Mutter und Schwester einreisen dürfen. "Ich bin wohl einer der wenigen glücklichen syrischen Flüchtlinge", sagt er. "Wenn ich sehe, wie schlecht es so vielen meiner Landsleute geht, könnte ich schreien vor Wut und Schmerz, aber das hilft ihnen auch nicht." Über eine mögliche Rückkehr nach Syrien denkt Rifaie nicht mehr, sagt er. "Es gibt für mich und meine Familie kein Zurück mehr in dieses Land, solange dort Assad an der Macht ist."

Syrische Flüchtlinge im Libanon
Tausende syrische Flüchtlinge harren in provisorischen Zeltlagern im Libanon aus.
Quelle: dpa

Ähnlich wie er betrachten es derzeit auch Tausende syrische Flüchtlinge, die in der Bekaa-Ebene unter teils extremen Bedingungen in provisorischen Zeltlagern ausharren. Ziad El-Sayegh, der für eine libanesische Hilfsorganisation viele Familien betreut, berichtet von einem Gefühl großer Unsicherheit unter den Geflüchteten. "Die wenigsten denken derzeit über eine Rückkehr nach - viele haben Angst, in Syrien als Vaterlandsverräter betrachtet zu werden." Die Menschen steckten in einer Sackgasse, in der es für sie kein Vor und kein Zurück gebe.

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