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Weltflüchtlingstag - Wenn die Existenzgrundlage "verbrennt"

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In Teilen Afrikas sorgt der Klimawandel für Extremhitze und Wassermangel. "Den Menschen ist  die Existenzgrundlage unter den Füßen verbrannt", sagt Dokumentarfotograf Gerth zu Kenias Provinz Turkana. Bewaffnete Konflikte um Land, Wasser und Nahrung treiben Verzweifelte zur Flucht.

Die Zahl, die das Hilfswerk der Vereinten Nationen zum Weltflüchtlingstag veröffentlicht hat, ist erschreckend: 65,6 Millionen Menschen waren vergangenes Jahr auf der Flucht. Der größte Anteil bleibt im Heimatland oder flieht in Nachbarländer.

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Einem verhungernden Menschen ins Auge zu blicken, ist etwas ganz anderes als in den Nachrichten zu hören, dass 20 Millionen unter extremem Hunger leiden. Der Dokumentarfotograf Mario Gerth hat das während seiner jüngsten Reise durch die kenianische Provinz Turkana erfahren. Dieser staubtrockene Landstrich an der Grenze zu Äthiopien und dem Südsudan gehört zu den am härtesten vom Klimawandel betroffenen Regionen in Ostafrika. Extremhitze und Wassermangel haben das Weideland der dort lebenden Viehnomaden völlig ausgedörrt.

Wo der Klimawandel Lebensgrundlagen vernichtet

"Den Menschen ist sprichwörtlich die Existenzgrundlage unter den Füßen verbrannt", sagt Mario Gerth. Denn wo kein Grün mehr wächst, bleiben die Mägen der Ziegen, Esel und Kamele leer. Erst verenden die Tiere, dann gehen die Menschen zugrunde, die hauptsächlich vom Fleisch und von der Milch ihres Viehs leben. "Es ist erschütternd, Menschen in so einer extremen Not zu begegnen", sagt Gerth, der Kenia und Äthiopien regelmäßig bereist. "So verheerend habe ich es noch nie gesehen."

Etwa eine halbe Millionen Menschen, meist Viehnomaden, sind allein im Norden Kenias vom Hungertod bedroht. Ihr Schicksal hängt vom Regen ab - und der fällt in der Region wegen des Klimawandels immer spärlicher. Einer Langzeitstudie zufolge haben sich die Niederschläge in der Region Turkana in den vergangenen Jahrzehnten um ein Viertel verringert. Dagegen sind die durchschnittlichen Jahrestemperaturen angestiegen.

Blutige Kämpfe um knappe Ressourcen treiben Menschen in die Flucht

In der Folge kommt es immer häufiger zu langanhaltenden Dürren - und mit ihnen wachsen die Konflikte um Weideland, Nahrung und Wasser unter den Nachbarvölkern. Aus besonders umkämpften Gebieten der Region sind etwa 170.000 Menschen nach Kakuma geflohen, einem der größten Flüchtlingscamps in Ostafrika.

Die Chancen auf eine Rückkehr in ihre Heimat sinken. Denn für die kommenden Jahrzehnte prognostiziert der Klimarat der Vereinten Nationen für diese und andere Regionen Afrikas noch größeren Wassermangel, Extremhitze und Ernteeinbrüche. In der Folge, so die düstere Aussicht der Experten, dürften Konflikte um knappe Ressourcen weiter zunehmen.

UNO befürchtet humanitäre Katastrophe im Südsudan

Hinzu kommen heute schon verheerende menschengemachte Konflikte wie in Somalia oder im Südsudan. In sehr fragilen Staaten wie dem Südsudan, dem laut Vereinten Nationen derzeit größten Krisenherd von Flucht und Vertreibung, haben Kämpfe schon Millionen Menschen entwurzelt. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) mussten bislang 1,9 Millionen Südsudanesen vor der Gewalt in Nachbarländer flüchten. Hinzu kommen fast zwei Millionen Binnenvertriebene, also Flüchtlinge im eigenen Land. Eine Million Südsudanesen sind aktuell von Hunger bedroht.

Die Südsudan-Krise trifft in erster Linie Kinder: Zwei Drittel der Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. "Alle, die in humanitären Organisationen arbeiten, brauchen dringend engagierte und nachhaltige Unterstützung, um das Leben dieser Kinder zu retten", sagt Valentin Tapsoba, UNHCR-Direktor für Afrika. Doch die Hilfe reicht nicht aus: Wegen fast leerer Konten - nur ein Fünftel des benötigten Geldes ist bislang beim UNHCR anbekommen - droht sich die humanitäre Krise zu einer Katastrophe auszuweiten, heißt es in einer Meldung der UNO-Flüchtlingshilfe.

Hilfsorganisationen prangern "Vergessen" der Krisen in Afrika an

Ob durch politische Krisen oder Klimawandel verursacht: Insgesamt leiden in Ostafrika derzeit mehr als 20 Millionen Menschen an Hunger; Hunderttauschende sind vom Tod bedroht. Um diesen Menschen helfen zu können, werden nach UN-Angaben insgesamt mehr als 3,8 Milliarden Euro für Nahrungsmittel und Medikamente gebraucht. Doch nur etwa ein Drittel sei bislang von der internationalen Staatengemeinschaft gezahlt worden.

"Ohne katastrophale Bilder fehlt offenbar der Wille der humanitären Geber, frühzeitig auf Krisen zu reagieren, die sich schon lange angekündigt haben", kritisieren Caritas international und die Diakonie Katastrophenhilfe in einer gemeinsamen Erklärung. Neben einem entschiedenen diplomatischen Einwirken der Staatengemeinschaft auf die Konfliktparteien im Südsudan und in Somalia fordern die beiden großen kirchlichen Katastrophenhilfswerke "globale Rücklagen", auf die Hilfsorganisationen etwa bei aufkommenden Dürren zurückgreifen könnten, um frühzeitig und wirksam helfen zu können.

UN-Prognose: Bald bis zu 250 Millionen "Klimaflüchtlinge" möglich

Im Norden Kenias trotzen die Hirten derweil weiter einem schier unbesiegbaren Feind - unter brennender Sonne bei 40 Grad Hitze. Schreitet die Erderwärmung in ungebremsten Tempo voran, gibt es für die Turkana aber wohl keine Zukunft mehr, weil ihre Heimat absolut unbewohnbar wird - wie viele andere Regionen der Welt auch. Die düstere Prognose der Vereinten Nationen lautet deshalb: Bis 2050 müssen möglicherweise bis zu 250 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Der Klimawandel macht sie zu Flüchtlingen.

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