Sie sind hier:

Immer noch mehr Lohn für Männer - Gesetz mit wenig Wirkung

Datum:

Die ungleiche Bezahlung zwischen Frauen und Männern sollte ein Gesetz verkleinern. Die Hürden im "Entgelttransparenzgesetz" allerdings sind hoch. Verändert hat es wenig.

Gleichberechtigung
Gleicher Job, unterschiedliches Gehalt? Immer noch Alltag in Deutschland. Daran hat auch das Entgelttransparenzgesetz nur wenig geändert.
Quelle: dpa

Wie manch andere Gesetze trägt auch das Gesetz zur Förderung der Gleichbehandlung von Frauen und Männern im Beruf einen sperrigen Namen: "Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen." Es gilt seit Sommer 2017. Und es soll – trotz des sperrigen Namens – in erster Linie für Klarheit, für Transparenz sorgen. "Feststellen zu können, ob man als Frau in einem Unternehmen schlechter behandelt wird, was die Vergütung angeht – das gab es vorher noch nicht in diesem Sinne", sagt Thomas Thees von der Rechtsanwaltsgesellschaft Luther. Das Novum an dem Gesetz ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich grundsätzlich über die Gehälter ihrer Kolleginnen und Kollegen informieren können. "Der Auskunftsanspruch allerdings wird erst unter relativ strengen Voraussetzungen wirksam."

Wenige Frauen haben Transparenz eingefordert

Und die Hürden sind vergleichsweise hoch: Das Unternehmen, in dem eine Frau - die meisten Anfragen kommen von Kolleginnen - ihr Auskunftsrecht durchsetzen will, muss mindestens 200 Mitarbeiter beschäftigen. Zudem muss der oder die Betreffende sechs Kolleginnen oder Kollegen des jeweils anderen Geschlechtes benennen können, die die gleiche Tätigkeit ausüben. Schon das kann schwierig sein, weil viele Tätigkeiten nicht so einfach zu vergleichen sind. Und wenn dann trotzdem die Voraussetzungen erfüllt sind, heißt das nicht, dass sich auch etwas verändert. Kurz: Die Information über das durchschnittliche Gehalt von sechs Kollegen führt nicht automatisch zu gleicher Bezahlung.

"Sie haben danach zwar die Auskunft in der Hand, müssen ihre Rechte aber immer noch per Klage durchsetzen, wenn sich im Betrieb nichts tut", sagt Anja Weusthoff, Abteilungsleiterin der Frauen- und Gleichstellungspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund. "Das heißt, sie stehen alleine vor der Aufgabe – vor allem wenn es keinen Betriebsrat gibt".

Infografik: Durchscnittlicher Stundenlohn nach Beruf
Infografik: Durchscnittlicher Stundenlohn nach Beruf
Quelle: ZDF

Bisher wenig Nachfragen

Bisher haben aber nur sehr wenige Angestellte auch nur Transparenz eingefordert. Das hat unter anderem eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergeben. "Man hat bislang keine wirkliche Übersicht darüber, ob der Auskunftsanspruch wirklich irgendwo zu nachhaltigen Änderungen geführt hat", meint Weusthoff.

Das ließe sich einfach dadurch ändern, indem der Gesetzgeber die Hürden für die geforderte Transparenz senkt. Grundsätzlich möglich ist das, weil das Gesetz überprüft und auch korrigiert werden kann. Allerdings löst das nach Meinung der Frauen- und Arbeitnehmervertreterin Anja Weusthoff nicht das Kernproblem ungleicher Bezahlung von Männern und Frauen in den Betrieben. "Bevor wir am Auskunftsanspruch im Gesetz verstärkt schrauben, sollte man gleich die Unternehmen verpflichten zu schauen: Gibt es ungerechtfertigte Unterschiede zwischen Männern und Frauen?"

Vereinzelt Verbesserungen erreicht

Experten und Beobachter halten die Wirkung des Entgelttransparenzgesetzes in der Tat für begrenzt. In einer Hinsicht aber hat sich womöglich etwas bewegt – in dem Bewusstsein, dass es das Problem ungleicher Bezahlung zwischen Männern und Frauen nach wie vor gibt. "Ich denke, das Gesetz hat viel mehr Problembewusstsein geschaffen, es hat die Diskriminierung bei der Vergütung in den Fokus gerückt", meint Thomas Thees. "Allein dadurch, dass dieses Gesetz diskutiert worden und dann in Kraft getreten ist, haben sich die Personalabteilungen über Monate hinweg darauf eingestellt" – und in diesem Prozess womöglich die ein oder andere Lohnlücke zwischen den Geschlechtern geschlossen.

Überlieferte Zahlen dazu gibt es allerdings nicht. Aber immerhin ein Beispiel. So hat der Softwarekonzern SAP im Herbst vergangenen Jahres angekündigt, mit Hilfe einer externen Beratungsfirma die Gehälter seiner Mitarbeiter systematisch auf die Frage der Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern zu durchleuchten. Bei 1,2 Prozent der Beschäftigten hat das Unternehmen Lücken festgestellt, die bis Jahresende geschlossen wurden. Damit ist in Folge des Entgelttransparenzgesetzes zumindest ein kleiner Beitrag geleistet worden, geschlechtsspezifische Diskriminierung auf den Lohnzetteln zu minimieren. Dass dies notwendig ist, steht außer Frage. Am Welttag der Frauen 2019 beträgt die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern in Deutschland noch immer rund 21 Prozent.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.