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Weltkongress der Psychiatrie - Wie normal sind psychische Erkrankungen?

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Vor dem Weltkongress der Psychiatrie in Berlin in diesen Tagen zeigen aktuelle Krankenkassen-Studien eine dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen in Deutschland. Der Psychiater und Neurologe Arno Deister erklärt im heute.de-Interview, warum die Statistiken nur die halbe Wahrheit sagen.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und können früh erkannt gut behandelt werden.

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heute.de: Laut AOK sind die beruflichen Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen in den letzten zehn Jahren um 79 Prozent gestiegen. Nehmen psychische Erkrankungen also zu?

Arno Deister: Es gab in Deutschland in den letzten Jahren eine sehr große Erfassung der Häufigkeiten von Erkrankungen. Bei Vergleichen mit früheren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass psychische Erkrankungen, wenn man genau hinschaut, nicht relevant zunehmen. Was sich aber dramatisch verändert, ist die Frage, wie wir mit diesen Erkrankungen umgehen.

heute.de: Was genau hat sich verändert?

Deister: Die AOK beschreibt Diagnosestellungen, die bei den Krankenkassen auftauchen. Was wir heute im Medizinsystem sehen, nähert sich der tatsächlichen Häufigkeit der psychischen Erkrankungen an. Das bedeutet, über sehr lange Zeit sind psychische Krankheiten entweder gar nicht oder als etwas anderes diagnostiziert worden. Früher hat man vielleicht Rückenprobleme oder Probleme in anderen Organen diagnostiziert, die aber eigentlich eine psychische Ursache wie zum Beispiel eine Depression hatten.

heute.de: Worauf führen Sie diese Veränderung zurück?

Deister: Es gab früher mehr Berührungsängste, die Menschen hatten größere Sorge vor negativen Folgen, wenn eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde. Das galt auch für die Ärzte. Heute kann man gesellschaftlich deutlich besser darüber reden, man traut sich eher, eine eigene psychische Störung anzusprechen. Da wir noch längst nicht alle psychischen Erkrankungen erfassen, wird sich dieser Effekt noch fortsetzen. Aber sehr viele psychische Erkrankungen sind schon heute absolute Volkskrankheiten, zum Beispiel Depressionen, Angsterkrankungen, natürlich auch Demenzen.

heute.de: Das heißt, diese Krankheiten waren im Grunde schon immer da, aber aufgrund eines veränderten gesellschaftlichen Umgangs erkennen wir sie heute besser?

Deister: Das ist absolut richtig, allerdings verschieben sich die Themen. Eine Angststörung kann heute anders aussehen als vor zwanzig Jahren, sie kann andere Auslöser haben. Das trägt vielleicht dazu bei, dass man den Eindruck bekommt, es sei etwas Neues. Aber die Bereitschaft, eine Angststörung zu entwickeln, ist sozusagen im Menschen angelegt.

heute.de: Angststörungen stellen mit zwölf Millionen Betroffenen die häufigste seelische Erkrankung dar …

Deister: Angststörungen und Depressionen sind sehr eng miteinander verbunden. Wenn man beides zusammen betrachtet, sind das weltweit vielleicht die Erkrankungen mit der größten Krankheitslast, also Beeinträchtigung der Menschen durch diese Erkrankung.

heute.de: Wie definiert man heute eine psychische Erkrankung?

Deister: Depressiv verstimmt sein ist ja keine Krankheit. Angst haben ist keine Krankheit. Wenn etwas Schreckliches passiert und man ist darüber deprimiert, dann ist das gesund. Wenn ich auf der Straße einem großen Hund begegne und vor ihm Angst habe, dann schützt mich das. Wenn ich mich aber nicht mehr auf die Straße traue, weil draußen ein Hund sein könnte, dann wird meine Lebensqualität extrem eingeschränkt, ich kann nicht mehr so leben wie ich will und verliere die Kontrolle. Wir definieren heute Krankheit also funktional: Wie sehr leide ich darunter, wie sehr beeinträchtigt es mich im Alltag und wie weit löst es sich von normalen Phänomenen ab.

heute.de: In der bereits angesprochenen AOK-Studie sind 37 Prozent der Betroffenen unter 30 Jahre alt. Sind heute zunehmend junge Menschen von seelischen Erkrankungen betroffen?

Deister: Nein, viele psychische Erkrankungen erfassen die gesamte Lebensspanne, auch junge Menschen. Das unterscheidet psychische von vielen körperlichen Erkrankungen. Eine Depression kann im gesamten Leben auftreten, mit unterschiedlichen Ausprägungen. Gerade Angststörungen treten häufig bei jüngeren Menschen auf.

heute.de: Ein zu enger Krankheitsbegriff kann Menschen von Hilfe und finanziellen Leistungen ausschließen. Ein zu weit gefasster Begriff wiederum macht Menschen, die in einer normalen Lebenskrise stecken, womöglich zu psychisch Gestörten. Ein Dilemma?

Deister: Das ist ein Thema und ein Dilemma. Der Fokus der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) ist deshalb eine bedürfnisorientierte Psychiatrie und Psychotherapie. Dafür müssen wir die Bedürfnisse von Menschen mit diesen Erkrankungen kennenlernen, die sehr unterschiedlich sein können: In einer bestimmten Situation möchte ein Mensch gar nicht, dass eine Diagnose gestellt wird. In einer anderen Situation braucht er es aber. Wir müssen das, was der Mensch selber sieht, in den Vordergrund stellen, und nicht irgendwelche ökonomischen Aspekte.


Das Interview führte André Madaus.

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