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Weltraumgesetz - Deutschland greift nicht nach den Sternen

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Der Bund der Industrie (BDI) fordert ein deutsches Weltraumgesetz. Experte Stephan Hobe hält davon wenig, fordert aber, Deutschland solle mehr nach den Sternen greifen.

Archiv: Asteroidengürtel umkreist die Sonne eines fremden Sonnensystems (Illustration).
Ein Asteroidengürtel umkreist die Sonne eines fremden Sonnensystems (Illustration). Quelle: NASA/jpl-caltech

heute.de: Was gibt es im Weltall zu holen?

Stephan Hobe: Ganz genau wissen wir das nicht. Aber viele versprechen sich den Abbau von verschiedenen Mineralstoffen. Seit Jahren wird zum Beispiel vom Regolith-Abbau gesprochen. Es ist völlig unklar, wie realisierbar das ist. Die Amerikaner sind da am nächsten dran, aber selbst die sprechen von einem Zeitraum von mindestens 50 bis 80 Jahren.

heute.de: USA und Russland haben bereits entsprechende Gesetze. Nun soll Deutschland nachziehen, fordert der BDI.

Hobe: Das sehe ich überhaupt nicht so. Hier werden zwei Dinge miteinander vermengt. Ich stimme zu bei der Forderung: Deutschland braucht ein Weltraumgesetz, damit auch private Aktivitäten im Weltraum von deutschem Staatsgebiet aus lanciert werden können. Das wird seit zehn Jahren überlegt, liegt aber im Wirtschaftsministerium in der Schublade. Streitfrage ist die Haftungsproblematik. Wer haftet dafür, was im Weltall abgeht? Welche Versicherung deckt das ab? Dafür braucht es Regelungen.

heute.de: Und warum lehnen Sie die BDI-Forderung ab?

Hobe: Der BDI folgt einer ganz schlechten amerikanischen Sitte und fordert ein nationales Gesetz für den Bergbau auf Himmelskörpern, was mit nationalen Regelungen aber gar nichts zu tun hat. Deutschland hat gar keine Jurisdiktion dafür. Laut Weltraumvertrag sind die Himmelskörper der Menschheit zugewiesen, nicht einem einzelnen Staat. Wenn USA und Luxemburg dann trotzdem nationale Gesetze erlassen haben, dann ist das vielleicht Symbolpolitik - aber entsprechende Regelungen haben keine Wirksamkeit.

heute.de: Weil das niemand kontrollieren kann?

Hobe: Da fängt es schon an. Wir bräuchten einen Kontrolleur im Weltraum, der wie der Zoll auf Baustellen prüft: Wo ist eure Genehmigung? Und weil es die nicht gibt, müssten USA und Luxemburg sanktioniert werden.

heute.de: Sie beklagen ein Desinteresse seitens der Bundesregierung. Warum tut sich da nichts?

Hobe: Das mag mit den Erfahrungen der deutschen Geschichte zusammenhängen, insbesondere mit der schon damals militärischen Nutzung des Weltraums. Wir tun uns auch schwer, neue Welten zu erobern. Entgegen deutscher Attitüde darf der Weltraum aber kein Tabu-Thema sein. Die Weltraum-Politik sollte kein Liebhaberthema sein, sondern ein Schlüsselthema der Auswärtigen Politik und der Wirtschaftspolitik. Von Kanzlerin Merkel als Physikerin erhoffe ich mir da mehr Engagement. Wir haben Spitzenforschung im Bereich des Weltraums und zahlen in Europa oft mehr als die Franzosen, lassen uns von denen aber häufig die Butter vom Brot nehmen.

heute.de: Sie spielen auf einen Machtkampf in der Europäischen Weltraumorganisation ESA an.

Hobe: Noch ist ein Deutscher der Generaldirektor der ESA, zum zweiten Mal überhaupt in der ESA-Geschichte, sonst waren das sehr häufig Franzosen. Die Bundesregierung sollte alles dafür tun, dass der nächste Direktor ein Deutscher bleibt.

Hintergrund: Bergbau im All

heute.de: Ist die Zurückhaltung nicht dem Umstand geschuldet: Weltraumaktivitäten kosten viel, haben aber keinen konkreten Nutzwert?

Hobe: Da ist was dran. Der konkrete Nutzwert liegt für viele sehr fern. Es ist der Bevölkerung schwer zu vermitteln: Der Nutzen ist ungewiss und liegt in der Zukunft, aber trotzdem müssen wir bereits heute viel Geld in die Hand nehmen. Den Mumm haben nur ganz wenige in Deutschland. Die Chinesen machen das anders. Die haben der Weltraumpolitik oberste Priorität eingeräumt und sie langfristig angelegt.

heute.de: Gibt es denn gar keinen kurzfristigen Nutzen?

Hobe: Doch, wenn Sie zum Beispiel an die Nutzung von Satelliten denken. Da gibt es zum einen die kommerziell ertragreichen Telekommunikations-Dienstleistungen. Zudem können Satelliten in vielfältiger Weise entwicklungspolitische Ziele unterstützen. Und: wir sprechen alle über Flucht und Migration, könnten aber schon längst gezielte Beobachtungssatelliten einsetzen. Wie verlaufen Migrationsströme? Wo drohen Katastrophen? All das kann man vom Weltall aus gut verfolgen. Das könnte uns helfen, die Wurzeln der Katastrophen in Afrika zu bekämpfen.

heute.de: Das wäre aber eher für Staaten interessant. Gibt es keinen Nutzwert für die Privatwirtschaft?

Hobe: Weltraumtransport ist kein Hirngespinst mehr, sondern wird kommen. Die Idee ist: Ich fliege nicht stundenlang von Frankfurt nach Los Angeles, sondern packe meinen Koffer, steige in eine Rakete und bin zwei Stunden später in Kalifornien. Zeit ist Geld, das gilt für viele Bereiche. Da sollten Waren oder Personen innerhalb von einer Stunde um die Welt reisen können. Bislang sind die Grenzkosten für die Raketen und den Transport zu hoch. Aber: Immer mehr Material kann wiederverwertet werden. Wenn das Material billiger wird, dann klappt das bald mit dem Weltraumtransport.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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