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Weltstottertag - "Der Alltag ist gesät mit heimtückischen Fallen"

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Wer stottert, der steht unter Stress. Allerdings gäbe es für diese Störung des Redeflusses "keine einzige maßgebliche Ursache", so Logopäde Claus Welsch im Interview mit heute.de. Fest steht jedoch für die Betroffenen: "Der Alltag ist gesät mit heimtückischen Fallen."

Schon die kleinsten Alltagssituationen können für Stotterer sehr belastend sein. Viele Stotterer ziehen sich aus Scham immer mehr zurück. Joschua, der schon drei Therapien hinter sich hat, wünscht sich von der Gesellschaft mehr Geduld.

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2 min
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heute.de: Was genau ist Stottern eigentlich?

Claus Welsch: Stottern ist eine Störung des Redeflusses, die normalerweise nur bei mitteilendem Sprechen auftritt. Das heißt der Stotternde denkt fließend, ganz normal, wie sie und ich. Er kann Selbstgespräche führen ganz oft, ohne dass er stottert. Er kann zum Beispiel auch singen, oft laut und ohne Stottern. Aber sobald er sich mitteilen möchte, kann es sein, dass er je nachdem, wie er sich durch die Situation stressen lässt - wenn zum Beispiel Gefühle ins Spiel kommen - ins Stottern kommt.

heute.de: Wann tritt sowas das erste Mal auf und wie häufig ist das?

Welsch: Wir sagen ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung soll stotternd sein. Bei Kindern gibt es in der Sprachsprechentwicklung eine Phase, in der sie unflüssig sind. Diese Phase tritt bei circa fünf Prozent der Kinder auf und vier von fünf Kinder verlieren es wieder. Bei einem Prozent bleibt es dann erhalten und kann chronisch werden.

heute.de: Was sind denn die Ursachen?

Welsch: Ich bin jetzt seit über 30 Jahren mit dem Thema involviert, ich bin Pragmatiker und praktischer Therapeut. Bis heute kenne ich keine 100-prozentige Hypothese, die für jeden stotternden Menschen passt. Wir wissen, dass Stress, dass kommunikative Angstfaktoren eine Rolle spielen. Gefühle spielen eine Rolle. Aber jetzt wirklich zu sagen, es ist gibt eine einzige maßgebliche Ursache, das möchte ich mir nicht anmaßen.

heute.de: Es heißt, das Stottern geht entweder bis zu der Pubertät weg oder nie. Warum ist es denn so schwer für Erwachsene, das Stottern wegzubekommen?

Welsch: Die Menschen, die stottern, gewöhnen sich seit ihrer Kindheit daran. Sie wachsen in das Problem hinein. Und machen ihren Kommunikationsentwicklungsprozess als Menschen, die nicht wissen: Kann ich gleich das Wort aussprechen oder kann ich es nicht. Die haben immer ein Damoklesschwert über sich hängen beim Sprechen. Und das verunsichert die Kommunikation und prägt auch den Persönlichkeitstyp. Wir sehen also nicht Stottern als psychologisches Problem, sondern Stottern beeinflusst die Psyche eines Menschen. Und er entwickelt womöglich psychologische Probleme - wegen des Stotterns.

heute.de: Wie schwer ist es im Alltag für Betroffene?

Welsch: Der Alltag ist gesät mit heimtückischen Fallen. Das heißt jeder, der in sich rein hört und seine Klischees mal rauslässt, sagt: Wer stottert, den muss man nicht unbedingt ernstnehmen. Wir haben Mobbingsituationen, gerade in der Schule, wo stotternde Schüler absolute Außenseiter werden. Es gibt Menschen, die sagen, dass sie dem Selbstmord sehr nahe waren in ihrer Jugend. Weil die schulische Entwicklung und auch die Kommunikationsentwicklung komplett abhängig sind von dieser Kompetenz: Kann ich sprechen oder kann ich nicht sprechen?

heute.de: Was gibt es für Therapieansätze? Und was sind denn die Therapieansätze, die sinnvoll sind und die auch ihren Patienten helfen?

Welsch: Es gibt weltweit sprechtechnische Ansätze. Das bedeutet, dass man den Stotterern beibringt, die Rede so zu verändern, dass es erst gar nicht erst zum Stottern kommt. Das sind für mich vollkommen ineffektive Therapiemethoden. Die mögen dem ein oder anderen helfen. Das kann gut sein. Aber da wird kein Gefühl bearbeitet, da geht’s im Prinzip wirklich um: das fließende Sprechen, koste was es wolle. Vor über hundert Jahren wurde zum Beispiel eine Gesangstherapie entwickelt: Damit Stotternde nicht sprechen, sondern singen. Wenn man sich vorstellt, ich muss singend irgendetwas erledigen ... Natürlich sagen die Bewerber dieser Methoden: Am Anfang ist das sehr extrem, weil man das extrem üben muss. Aber mit der Zeit wird man sicherer und kann dann den Gesang reduzieren. Aber Sie können sich vorstellen, wie schwer das für eine Person ist. Auf dem Markt gibt es diese Therapien es zuhauf. "Fluency Shaping‘" ist der Fachbegriff.

heute.de: Mit welchem Ansatz arbeiten sie?

Welsch: Stotternde haben ganz viele Phasen der Redeflüssigkeit. Wenn sie sich trauen zu sprechen, wenn sie selbstbewusst werden, trotz des Stotterns, dann entpuppt sich ganz häufig eine flüssige Rede, die authentisch ist. Denn jeder Mensch hat seine eigene Arbeitsgeschwindigkeit. Wir versuchen, Stottern zu verändern und die Gefühle zu verändern. Die Leute werden animiert, selbstbewusst zu werden. Dann verliert Stottern irgendwo die negative Kraft, die Angst und ich kann es bearbeiten. Die Konfrontationstherapie ist die Therapie, die ich anbiete. Ich bringe den Menschen quasi bei, absichtlich zu stottern, mit Bewusstsein zu stottern, Stottern nicht zu vermeiden, keine Angst zu entwickeln vorm Stottern. Sondern die Angst vorm Stottern zu verlieren.

heute.de: Kann man Stottern heilen?

Welsch: Die Weltmeinung sagt, Stottern ist da und wird bleiben. Das ist eine sehr fatalistische Sichtweise. Ich habe Patienten begleitet, die komplett nicht mehr stottern und das Jahre danach auch noch unter Beweis gestellt haben. Bei uns ist es wichtig, die Therapie zu machen und eine Nachsorge, die länger dauert als ein halbes Jahr. Dann kann man sehen: War das nur ein Effekt oder hat sich wirklich etwas verändert im Sprechablauf. Ich kann ihnen klar sagen: "Stottern ist heilbar" darf ich keinem Patienten als Heilsversprechen anbieten, weil ich nicht weiß, bei wem das funktioniert. Aber ich habe es erlebt und deswegen ist meine Antwort natürlich klipp und klar. Stottern ist in gewissen Fällen sicherlich heilbar.

Das Interview führte Verena Mengel.

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