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Gewalt gegen Retter - Angegriffen, angepöbelt, angespuckt

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Sie kommen, um zu helfen. Doch statt Dankbarkeit schlägt Rettern und Polizisten Hass entgegen. Der Staat hat die Strafen verschärft, doch vollstreckt er sie auch?

Immer öfter Opfer statt Helfer: Die Angriffe auf Rettungskräfte sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. In Merseburg gibt es nun einen Selbstverteidigungskurs – speziell für Sanitäter im Einsatz.

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"Was ist los ihr Arschlöcher, warum braucht ihr so lange?" Derart respektlos werden Retter häufig an ihrem Einsatzort empfangen. 92 Prozent der Rettungskräfte in Nordrhein-Westfalen haben Erfahrungen mit Übergriffen. Valentino Tagliafierro, Feuerwehrmann in Duisburg, erlebt die Gewalt bei einem nächtlichen Einsatz. Seine Kollegen und er ignorieren die Beleidigungen bei ihrer Ankunft, schließlich wollen sie einer hilflosen Frau helfen.

Nachdem er und seine Kollegen in ihre Wohnung gegangen waren, finden sie die Frau auf dem Boden vor. Sie machen sich an die Arbeit, behandeln die Patientin. Doch währenddessen werden sie immer wieder von deren Mann behindert: "Warum dauert das so lange? Jetzt bringt die doch endlich weg hier", erzählt Tagliafierro.

Infografik: Sanktion bei Behinderung von Rettungskräften
Quelle: ZDF/istock.com

Plötzlich eskaliert die Situation: Der Feuerwehrmann bekommt einen Fausthieb in den Nacken und an den Kopf – weil es dem Mann der Frau nicht schnell genug geht. Tagliafierro alarmiert die Polizei, nur so lässt sich die Situation beruhigen.

Molotow-Cocktails gegen die Feuerwehr

Auch deren Beamte sind regelmäßiges Ziel von Angriffen. Katja Sorgen, Polizistin aus Rheinland-Pfalz berichtet von Steinwürfen, Feuerwerkskörpern und regelrechten Straßenschlachten, wie beim G20-Gipfel in Hamburg. Nur durch Glück sei sie dadurch noch nicht verletzt worden.

  • Janina Dressler

    Anti-Gewaltbeauftragte der Berliner Feuerwehr

  • Valentino Tagliafierro

    Feuerwehrmann

  • Katja Sorgen

    Mitglied Deutsche Polizeigewerkschaft

"Es geht von der Beleidigung los, bis zum Angriff mit der Waffe – ob das jetzt ein Messer ist oder zum Beispiel mit den Molotow-Cocktails, wie wir zu Sylvester erlebt haben", schildert Janina Dressler. Sie ist die bundesweit erste Anti-Gewaltbeauftragte im Dienste der Feuerwehr in Berlin - Eine Reaktion auf die zunehmende Gewalt. 2012 registrierte das Bundeskriminalamt 1.485 Straftaten gegen Rettungskräfte, 2016 waren es bereits 2.275 solcher Vorfälle. Diese Statistik habe zwar ihre Tücken, trotzdem glaube Dressler ihren Kollegen, dass sich die Situation in den letzten 15 Jahren verschärft habe.

Haftstrafen bis zu fünf Jahre

Ein weiteres Problem, mit dem vor allem die Rettungsdienste zu kämpfen haben: Gaffer. Statt zu helfen, zücke jeder gleich das Handy, "ohne nachzudenken, was er da eigentlich tut. Das macht keinen Sinn, aber damit versperren die Leute den Weg", erklärt Sorgen. Dabei drohen Gaffern hohe Strafen, etwa wenn Sie Rettungsgassen blockieren: Bis zu ein Jahr Haft ist möglich. Dazu kommen Bußgelder, Punkte und Fahrverbot. Gaffer können aber auch ohne direkte Behinderung  von Rettern in Haft genommen werden, denn unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat. Wer keine Hilfe leistet, obwohl es zumutbar ist, kann mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden.

Noch drastischer sind die Strafen bei Übergriffen auf Rettungskräfte. Hier sind drei Monate bis fünf Jahre Haft möglich. Als Straftatbestand gilt hier laut Gesetz übrigens schon die Androhung von Gewalt. Trotzdem fühlen sich viele Uniformträger als Blitzableiter für aggressive Menschen: "Vielleicht ist es ein bisschen die Wut auf den Staat, die Wut auf die Behörden", vermutet ein Feuerwehrmann aus Hamburg.

Anzeigen werden nicht verfolgt

Die Täter sind meistens männlich, zwischen 20 und 39 Jahren alt, oftmals unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Es gäbe auch Angriffe mit politischer Motivation, etwa am 1. Mai, erklärt Dressler. An einer bestimmten Nationalität lasse sich die Gewalt gegenüber Rettungskräften nicht festmachen. Die Statistiken seien hier noch nicht ausreichend belastbar. Dass Menschen mit Migrationshintergrund ein Teil des Problems seien, lasse sich aber auch nicht "weg- oder kleinreden", so Dressler.

Problematisch sei darüber hinaus, dass Anzeigen von Rettungskräften nicht verfolgt würden. "Da wünsche ich mir einfach, dass die Justiz diese Sachen nicht fallen lässt, sondern daraus ein öffentliches Interesse macht, dass die Leute bestraft werden und dass die Bestrafungen öffentlich gemacht werden." Andernfalls meldeten viele seiner Kollegen die Angriffe gar nicht erst, so Tagliafierro. Nach Schätzungen zeigen 80 Prozent der Rettungskräfte Übergriffe nicht an.

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