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"Stottern ist wie ein Eisberg"

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Welttag des Stotterns - "Stottern ist wie ein Eisberg"

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In Deutschland stottern über 800.000 Menschen, trotzdem ist wenig über die Sprechstörung bekannt. Betroffene wünschen sich Aufklärung und von der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit.

Vier Prozent der Kinder im Alter von etwa vier Jahren stottern. Unter den Erwachsenen ist es noch ein Prozent. Stotterer-Selbsthilfegruppen leisten Hilfestellung für Betroffene.

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"Stottern ist wie ein Eisberg, den größten Teil kann man nicht sehen." Udo erinnert sich an früher. In der Grundschule durfte er selbst seine eigenen Aufsätze nie vorlesen, nach ein paar Versuchen nahmen genervte Lehrer ihm sein Blatt weg und lasen selber. Oder noch schlimmer: Sie gaben es einem Mitschüler zum Vorlesen. Dabei konnte Udo lesen, ihm kamen die Worte nur nicht über die Lippen. Denn Udo stottert.

Stottern ist keine psychische Störung

Nach mehreren Therapien und viel Selbstüberwindung schaffte er es, freier zu sprechen, seltener zu stottern und vor allem zu sich selbst mit seiner Einschränkung zu stehen. Heute ist er Mitte 50. Ein großer Teil seines Lebens sei ein Versteckspiel gewesen: Verstecken vor unangenehmen Situationen, Vorstellungsrunden, Referaten. Selbst bei Telefonaten mit seiner Oma war er oftmals so nervös, dass er seinen eigenen Namen nicht hervorbrachte. Wenn er einkaufen sollte und stotterte, hörte er oft: "Komm wieder, wenn du weißt, was du willst!" Das war hart.

Fälschlicherweise denken viele Menschen, dass Stottern psychisch bedingt ist. Das stimmt nicht: Die Sprechstörung wird durch ein fehlerhaftes Zusammenspiel der Sprechorgane Kehlkopf und Zunge verursacht und kann auch genetisch vererbt werden. Diese oft verbreitete Unwissenheit führt zu einem teils wenig verständnisvollen Umgang mit Stotternden.

Der tägliche Kampf mit Silben und Worten

Um sich auszutauschen, treffen sich in einer Bremer Selbsthilfegruppe einmal im Monat stotternde Menschen wie Udo. Manche von ihnen haben die Sprechstörung überwunden, andere kämpfen tagtäglich mit Silben, Worten und Situationen. Das Ziel der Gruppe ist es, einen "safe space", einen sicheren Ort zu schaffen. Einen Ort voller Verständnis und offener Ohren, die genau wissen, wie es sich anfühlt, einen sogenannten "Block", also eine Sprechblockade zu haben, der in manchen Situationen sogar zu Angst oder Panik führen kann.

Logopädin Martina, Udo, Matthias und Martin
Stotter-Selbsthilfegruppe: Logopädin Martina, Udo, Matthias und Martin (v.l.n.r.)
Quelle: ZDF

Auch wenn den meisten das Sprechen jetzt leichter fällt als früher ist die Angst davor nach wie vor präsent. An einem runden Tisch reden die Teilnehmer der Gruppe in ungezwungener Atmosphäre über eigene Erlebnisse und tauschen sich über Tricks aus, mit schwierigen Situationen umzugehen. Manchmal werden auch kleine Übungen gemacht - wie etwa ein simuliertes Vorstellungsgespräch.

Das Stottern betrifft alle Lebensbereiche

Auch Martina nimmt an den Runden teil. Bis ins junge Erwachsenenalter stotterte sie selbst und schränkte sich deshalb in der Freizeit ein, um wenig sprechen zu müssen. Sie sagt, sie hätte sich gerne politisch engagiert, doch zu groß war die Angst, vor den anderen sprechen zu müssen und dann zu stottern. Inzwischen hat sie ihre Sprechstörung überwunden. Heute ist sie Lehrlogopädin und betreut und therapiert stotternde Menschen. Mit ihrer eigenen Erfahrung und ihrem Verständnis kann sie weiterhelfen. Trotzdem empfindet sie das Stottern in ihrem Umfeld nach wie vor als Tabu.

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe erinnern sich an unterschiedliche Reaktionen auf das eigene Stottern. Der Pfleger Matthias berichtet, ihm sagten manche Leute, sie fänden sein Stottern süß. Das ärgert ihn, denn Stottern ist für ihn nicht etwas süß, sondern ein echtes Problem, das ihn im Alltag oft behindert. Problematisch sei auch, wenn Stotternde als Personen nicht ernst genommen werden - so wie er damals von Udos Grundschullehrer. Stottern behindert zwar, macht aber auch nicht handlungsunfähig.

Wunsch nach mehr Aufklärung

Einige Reaktionen machen es den Stotternden schwer, sich als solche zu outen und selbstbewusst zu bleiben. Die Gruppe wünscht sich mehr Aufklärung über die Ursachen und Verschiedenheiten von Stotternden.

Udo ist glücklich, dass er heute den Blickkontakt mit seinem Gegenüber halten kann und das Versteckspiel vorbei ist. Auch wenn er manchmal stottert, bleibt er dabei gelassen und selbstbewusst.

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