ZDFheute

Wenn die Umwelt zum Kriegsopfer wird

Sie sind hier:

Öko-Schäden in Konflikten - Wenn die Umwelt zum Kriegsopfer wird

Datum:

Umweltschutz im Krieg. Angesichts von Tod und Leid klingt das nach einer Nebensache. Trotzdem hat die UNO dem Thema einen eigenen "Welttag" gewidmet - aus guten Gründen.

Schwarzer Rauch steigt aus einer der Raffinerien auf.
Schwarzer Rauch steigt auf nach den Drohnenangriffen auf saudische Ölraffinerien im September.
Quelle: Uncredited/Planet Labs Inc/AP/dpa
Wenn Umweltstandards vernachlässigt werden, dann geht der Krieg weiter.
Manfred Mohr, Völkerrechtler

Menschen sterben, werden verstümmelt, in die Flucht getrieben. Im Krieg gelten andere Regeln. Wenn schon Menschenleben wenig Bedeutung haben, warum sollten Kriegsparteien dann auf die Natur Rücksicht nehmen? Weil solche Schäden auf lange Zeit nachwirken können, antwortet Völkerrechtler Manfred Mohr: "Wenn Umweltstandards vernachlässigt werden, dann geht der Krieg weiter – über Jahrzehnte."

Gift und "Agent Orange"

Beispiele gibt es genug: Schon in der Antike wurden Trinkwasserquellen vergiftet, Atombomben haben in Japan und auch bei Tests ganze Landstriche über Jahrzehnte unbewohnbar gemacht. Der Einsatz des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels "Agent Orange" im Vietnam-Krieg hat der Vegetation und der Gesundheit der Menschen dauerhaft geschadet. Irakische Truppen haben in Kuwait 1990 und 1991 absichtlich Hunderte Ölquellen angezündet und mehrere Millionen Barrel Rohöl in den Persischen Golf geleitet.

Auch Attacken auf Kraftwerke, Chemieanlagen oder Raffinerien können fatale Folgen haben. Erst im September wurden mehrere Anlagen in Saudi-Arabien beschossen. Oft hat vor allem die Zivilbevölkerung noch Jahrzehnte nach Kriegsende unter den Folgen zu leiden - manchmal auch in Nachbarländern, die in den Krieg gar nicht verwickelt waren.

Regeln im Völkerrecht

Die UNO erinnert deshalb jährlich am 6. November daran mit dem "Internationalen Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten". Und auch im Völkerrecht ist der Umweltschutz im Krieg längst verankert - etwa in einem Zusatzprotokoll der Genfer Konvention und im ENMOD-Abkommen, das Mittel der Kriegsführung verbietet, die "lang anhaltende und schwere Schäden der natürlichen Umwelt verursachen". Regeln gibt es also. Aber werden sie auch befolgt?

Kahle Flächen im Zentralhochland Vietnams, aufgenommen am 20.06.2004
Im Vietnamkrieg wurden Entlaubungsmittel eingesetzt - das wirkt noch lange nach (Archivfoto)
Quelle: imago images / Günter Schneider
Ich denke schon, dass die völkerrechtlichen Bestimmungen Wirkung haben.
Michael Brzoska, Universität Hamburg

"Ich denke schon, dass die völkerrechtlichen Bestimmungen Wirkung haben", glaubt Michael Brzoska vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). "Es sind zum Beispiel solche Fälle wie der gezielte großflächige Gebrauch von Agent Orange nicht wieder vorgekommen." Bei den meisten Streitkräften dürften diese Regeln "eine Rolle bei Planungen und Aktionen spielen". Weniger allerdings bei "nicht-staatlichen Akteuren" wie Rebellengruppen und Terrororganisationen. In Syrien und im Irak wurden zuletzt mehrfach Wasserquellen vergiftet.

Recht wird "ignoriert"

In einem Fall wurde ein Land "in vorbildlicher Weise zur Verantwortung gezogen", sagt Völkerrechtler Manfred Mohr. Der Irak musste nach dem Zweiten Golfkrieg auf Betreiben der UNO Kompensationen an Kuwait zahlen. Eine Ausnahme allerdings, beklagt Mohr. Denn es fehle an internationalen Kontrollinstanzen und an Gremien, die Sanktionen durchsetzen könnten. Und: Bestimmungen wie die im I. Zusatzprotokoll zu den Genfer Konventionen hätten "eine hohe Anwendungsschwelle". Selbst wenn man diese Umweltstandards im Krieg niedrig ansetzt, würden diese "weitgehend ignoriert" werden. Neue schärfere Regeln seien "im Moment nicht realistisch", sagt Mohr.

Das gelte auch für ein Verbot bzw. die Ächtung von Uranmunition. Mohr ist Sprecher der Internationalen Koalition zur Ächtung von Uranwaffen (ICBUW). Sie kämpft gegen panzerdurchdringende Geschosse, die im Kern aus sehr hartem abgereicherten Uran bestehen. Mehrere Staaten stellen sie her, die USA und Großbritannien haben sie im Irak und auf dem Balkan bereits eingesetzt. Wenn diese Geschosse beim Aufprall explodieren, setzen sie eine Staubwolke frei. Die Radioaktivität ist zwar gering, aber "die Verbindung mit einer hohen chemischen Giftigkeit ist es, was diese Wolken so gefährlich macht", sagt Mohr. Der Staub sei auch viele Jahre nach Kriegsende etwa in Serbien noch in Boden, Wasser und Pflanzen zu finden und schädige die Gesundheit der Menschen.

Gefahr durch Munition

"Abgereichertes Uran ist ein Schwermetall, das sowohl zu Vergiftungen als auch zu Krebs führen kann", sagt auch Brzoska. Ein internationales Verbot war bisher dennoch nicht durchsetzbar. Deutschland hat sich bei Abstimmungen der UNO zu Uranwaffen zuletzt enthalten - mit Verweis darauf, dass durch die Strahlung wohl keine Gefahr bestehe. Allerdings verzichtet die Bundeswehr selbst auf Uranmunition und ruft ihre Soldaten zu Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit den Geschossresten der Verbündeten auf. Für Mohr unverständlich: "Wenn es doch die Vermutung gibt, dass etwas mit einem Risiko verbunden ist, sollte man es sein lassen - so verlangt es der Vorsorgeansatz."

Immerhin: Offenbar habe der öffentliche Druck dafür gesorgt, dass Uranwaffen nicht mehr weiter entwickelt werden. Auch das US-Verteidigungsministerium setzt bei seinen Ausschreibungen inzwischen auf Alternativen. Für Mohr ein Erfolg. Allerdings müsse nun auch den Menschen in den betroffenen Gebieten geholfen werden, sagt er. "Das ist viel wichtiger, als über große Konventionen zu diskutieren."

Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.