Sie sind hier:

Weltwasserwoche in Stockholm - Keine Perspektive ohne sauberes Wasser

Datum:

Noch immer haben zwölf Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser. Auch das ist ab heute Thema auf der Weltwasserwoche in Stockholm. Eigentlich gibt es weltweit genug Wasser für alle, es hapert aber oft an der Infrastruktur - vor allem in Afrika.

In der Provinz Henan häufen sich seit Jahren Krankheits- und Todesfälle durch verseuchtes Trinkwasser. Nach langem Kampf erkennt die chinesische Regierung das Problem zwar an, stellt aber nicht genügend finanzielle Mittel für Reinigungsanlagen bereit. …

Beitragslänge:
3 min
Datum:

100 Meter sind ein langer Weg, wenn man literweise Wasser schleppen muss. Ally Kurwa legt ihn trotzdem mehrmals am Tag zurück. Die Witwe wohnt in einem der vielen Slums von Daressalam, der Boomtown von Tansania - mit neun Kindern auf zwölf Quadratmetern. "Das Wasser eimerweise holen zu müssen, macht jeden Tag für mich zu einer Herausforderung", sagt sie. "Es ist anstrengend. Ich muss das Kochen und Waschen genau planen."

Ein Loch im Boden

Ally Kurwa teilt sich die Wasserstelle mit mehreren Dutzend anderen Familien. Und auch die sanitären Einrichtungen, mit denen sie leben muss, sind eine Katastrophe. Die Latrine neben dem Haus ist kaum mehr als ein Loch im Boden und wird von drei Familien genutzt. Eine Kanalisation gibt es nicht, das "Reinigen" übernimmt der Regen. "In der Regenzeit fluten alle ihre Latrinen, um sie zu entleeren. Dann fließen die Fäkalien meiner Nachbarn rund um mein Haus, und die Kinder müssen da durch", erzählt sie.

So wie Ally Kurwa geht es in Daressalam mehr als drei Millionen Menschen. Etwa 70 Prozent der Stadt sind "ungeplant". Das heißt, es gibt keine nennenswerte Infrastruktur. Offene Gräben ersetzen die Kanalisation. Jeder leitet seine Abwässer hier ungeklärt ein. Es stinkt erbärmlich und Krankheiten wie Cholera und Typhus breiten sich nahezu ungebremst aus. Etwa 24.000 Tansanier sterben jährlich an solchen Krankheiten, davon 16.500 Kinder.

Suche nach Lösungen

Weltweit sind es 3,5 Millionen Menschen - nach Zahlen, die der Weltwasserrat vorgelegt hat. Dem Gremium mit Sitz in Marseille gehören mehr als 300 Mitglieder an, darunter Regierungen, nichtstaatliche Organisationen, Wirtschaftsverbände und Forschungsinstitute. Es ist einer der Haupt-Akteure, die ab heute bis zum 1. September in Stockholm nach Lösungen für die Probleme suchen wollen. Letztes Jahr waren an der Konferenz mehr als 3.000 Menschen aus über 120 Ländern beteiligt.

Und die machen es sich nicht leicht. Denn einfach nur Geld an betroffene Länder zu verteilen, würde nicht viel bringen. Private Initiativen sind gefragt, neue Geschäftsmodelle, kleine Lösungen vor Ort. Das weiß auch Jutta Camargo von der Bremer Hilfsorganisation BORDA. In Afrika Großanlagen für die Wasserversorgung zu bauen, wäre meist zu teuer und zu kompliziert, sagt sie. "Es geht ja nicht nur um den Bau und die Investition, es geht ja auch um den Betrieb." Die Kosten würden die armen Leute überfordern.

Sauberes Wasser und Biogas

BORDA hat deshalb unter anderem die Initiative "Entsorgung auf Rädern" ins Leben gerufen. Gegen eine geringe Gebühr fahren Kleintraktoren mit Tanks in die engen Gassen der Slums und befreien rund 14.000 Haushalte von Fäkalien und Abwässern. Die kommen dann in eine kleine Kläranlage, in der sie biologisch gereinigt werden. Das saubere Wasser wird anschließend auf einer Bananenplantage verwendet. Zusätzlich entsteht Biogas, mit dem unter anderem billig gekocht werden kann.

Das System ist so für viele ein Gewinn, nicht zuletzt weil es dabei hilft, die allgegenwärtigen Krankheiten zu besiegen. Denn wer ständig krank ist, habe keine Perspektive auf ein besseres Leben. "Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen können, können sie keine Bildung bekommen", sagt Jutta Camargo. Und dann sei es schwer, jemals aus der Armut herauszukommen. "All das hängt mit dem Problem zusammen, keine geregelte Abwasserentsorgung zu haben."

Handeln und investieren

Ideen wie die "Entsorgung auf Rädern" sind Modelle, die helfen. Weil vor allem in Afrika die Bevölkerung rasant wächst und in die Städte drängt, ist das Problem damit aber noch nicht gelöst - auch nicht in Südamerika und Asien, wo es seit 1990 bei der Versorgung mit sauberem Wasser immerhin große Fortschritte gegeben hat. Der Weltwasserrat fordert deshalb die Regierungen weltweit dazu auf, zu handeln und weiter zu investieren. Gefragt sei "Engagement auf höchster Ebene".

Projekte und Hilfe vor Ort sind dabei eine Sache. Aber: "Wasserknappheit betrifft nicht nur Entwicklungsländer", warnt WWF-Experte Johannes Schmiester, sondern auch die Verbraucher in Deutschland. Und damit meint er nicht das Wasser, das bei uns aus der Leitung kommt. Davon gibt es genug. Die deutschen Wasserversorger klagen sogar, der sinkende Konsum führe dazu, dass nicht ausgelastete Leitungen extra gespült oder ersetzt werden müssen.

Illegale Bewässerung

Der WWF weist dagegen auf den Konsum von Lebensmitteln hin, die aus Regionen kommen, in denen das Wasser knapp ist. Gemüse aus Spanien zum Beispiel oder Bananen aus Lateinamerika. Der WWF rechnet vor, dass jeder im deutschen Lebensmitteleinzelhandel umgesetzte Euro einen Wasserfußabdruck von durchschnittlich 46,6 Litern hinterlässt. Plantagen würden in Herkunftsländern oft massiv bewässert, manchmal auch illegal. Wasser, das anderswo fehlt. Das verschärfe die Krise, könne zur Austrocknung ganzer Feuchtgebiete führen. Schmiester warnt deshalb vor einer "gefährlichen Zuspitzung der globalen Wasserkrise".

Es drohten ökologische, ökonomische und soziale Katastrophen, von denen in einer globalen Welt am Ende auch Deutschland betroffen wäre. Der Appell des WWF: Vor allem der Handel müsse "Wasserrisiken" beachten und Standards einfordern. "In den Strategien der Unternehmen finden sich kaum substantielle, konkrete Ziele. Dabei ist Wasser längst zu einem ökonomischen Risiko geworden", so Schmiester. Auch ein Thema, über das in Stockholm geredet werden soll.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.