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Politologin zur 28-Stunden-Woche - "Weniger Erwerbsarbeit kann uns allen helfen"

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Kommt die 28-Stunden-Woche? Die IG Metall kämpft dafür. Und mehr als 60 Vertreter aus Wissenschaft und Gesellschaft unterstützen sie. Mit welchen Argumenten?

Arbeitszeiterfassungsanlage
Für viele reizvoll: die Arbeitswoche schon nach 28 Stunden zu beenden.
Quelle: imago/epd

heute.de: Frau Gottschlich, wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Daniela Gottschlich: Zur Zeit bin ich als freie Politik- und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin vor allem ehrenamtlich tätig. Da sind es tatsächlich weniger als 40 Stunden. Wenn ich aber an das letzte Semester als Vertretungsprofessorin zurückdenke - da habe ich deutlich mehr als 40 Stunden gearbeitet.

heute.de: Sind Sie aktuell zufriedener?

Gottschlich: Als Hochschullehrerin habe ich das Privileg, mich intensiv mit dem, was mich interessiert und was ich für gesellschaftlich relevant erachte, zu beschäftigen und in der Lehre an junge Menschen weiterzugeben. Das ist wunderbar. Gleichzeitig kommen andere, wichtige Bereiche zu kurz, wenn die Erwerbsarbeit so stark das eigene Leben bestimmt und durchtaktet. Eine Verkürzung von Erwerbsarbeitszeit, sei es phasenweise oder dauerhaft, bringt daher - nicht nur für mich - viele Vorteile mit sich.

heute.de: Welche Vorteile sind das?

Gottschlich: Soziale, ökologische und ökonomische. Ich kann zum Beispiel für andere sorgen. Ich kann mich stärker politisch und ökologisch engagieren. Ich habe mehr Zeit für Muße und Regeneration. Es ist doch so: Je mehr Erwerbsarbeit ich leiste, desto mehr leidet mein politisches Engagement zur Gestaltung von Gesellschaft, fehlt mir die Zeit für meine Familie und Freundschaften. Weil all das in den Hintergrund tritt, wenn Menschen den Großteil ihrer wachen Zeit für ihre Arbeitgeber verbringen.

Zur Person:

heute.de: Sie sind Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und sagen: Wenn wir alle kürzer arbeiten, ist das nachhaltig. Das müssen Sie erklären.

Gottschlich: Zunächst einmal: Nachhaltigkeit ist für mich ein Gerechtigkeitskonzept. Es geht darum, den heute lebenden Menschen ein ebenso gutes Leben wie zukünftigen Generationen zu ermöglichen. Es geht darum, nicht auf Kosten und zu Lasten anderer zu leben. Wenn ich mir dann aber anschaue, wie momentan Zeit, Geld und Einfluss verteilt sind, wer welche Arbeit macht, wie sie bezahlt wird, dann komme ich zu dem Schluss, dass wir für eine ernst gemeinte, nachhaltige Demokratie einiges ändern müssen. Da müssen wir Menschen die Möglichkeit geben, für sich selbst und für andere zu sorgen, für ihre Kinder und Familienangehörigen, für Freunde und für die Gemeinschaft da zu sein. Und das ist nicht möglich, ohne dass ich die Erwerbsarbeitszeit verkürze. Denn genau für gerade genannten Care-/Sorge-Bereiche, für dieses zentrale Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, brauche ich Zeit, um es beständig zu erneuern. Weniger Erwerbsarbeit kann da uns allen helfen.

Übrigens gibt es auch noch einen Umweltaspekt. Wenn ich jetzt einmal groß denke, ist eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auch ein dynamisches Steuerungsmittel, um die wirtschaftliche Produktion in bestimmten Industriezweigen einzuschränken. Wenn ich ganz bewusst sage, dass in bestimmten Bereichen weniger produziert wird, haben wir vielleicht sogar die Möglichkeit, den Wachstumsimperativ unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Muss es wirklich immer mehr sein? Oder ist es nicht sinnvoller, in Kreisläufe zu investieren? Mehr Arbeitszeit in Reparaturen zu stecken? Da ist vieles möglich, wenn ich nicht das ganze Leben auf eine Steigerung von Erwerbsarbeit und Profit abstelle.

heute.de: Haben Sie sich deshalb den mehr als 60 Unterzeichnern aus Wissenschaft und Gesellschaft angeschlossen, die in einem Aufruf die IG Metall bei ihrer Forderung nach einer 28-Stunden-Woche unterstützen?

Gottschlich: Ohne eine Arbeitszeitverkürzung bekommen wir keine nachhaltige Ökonomie hin, in der bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter verteilt sind. Das ist tatsächlich der Kern. Aber auch das Rundum-Paket ist wichtig. Und deswegen habe ich mich unheimlich gefreut, dass die IG Metall diesen kleinen, aber so wichtigen Schritt in die richtige Richtung geht. Dass sie ganz bewusst sagt: Menschen brauchen Zeit für Pflege und Erziehung, sie brauchen Zeit, um sich anders in die Gestaltung von Gesellschaft einzubringen, um sich auch selbst zu erholen.

Wenn wir uns die Zunahme bei den psychischen Erkrankungen anschauen, sehen wir oft, dass die Betroffenen die Arbeitszeitverdichtung beklagen, den Arbeitsdruck, die Durchtaktung ihres Arbeitsalltags. Auch die ständige Erreichbarkeit: Das ist eine Flexibilisierung, die sich in erster Linie an die Bedürfnisse der Unternehmen anpasst, nicht aber an die Bedürfnisse der Arbeitnehmer udn Arbeitnehmerinnen. Da spüre ich eine sehr deutliche Sehnsucht, dem aktuellen, nicht nachhaltigen Modell zu entkommen.

Aufruf für die 28-Stunden-Woche

heute.de: In dem Aufruf gehen Sie sogar noch einen Schritt weiter als die IG Metall. Die Gewerkschaft fordert im Grunde genommen ein Rückkehrrecht auf Vollzeit nach bis zu zwei Jahren in Teilzeit. Sie fordern zudem einen Personalausgleich für jede Arbeitszeitverkürzung und dabei vollen Lohnausgleich. Was die meisten Arbeitgeber dazu sagen, ist nicht schwer auszumalen: zu teuer.

Gottschlich: Ich persönlich finde sogar, dass wir noch viel größer denken müssten. Die Frage ist doch: Was wären eigentlich neue "normale" Arbeitsverhältnisse für das 21. Jahrhundert? Da würde ich von den 28 Stunden noch mindestens acht weitere abziehen.

Und den Arbeitgebern halten wir auch in unserem Aufruf entgegen: Die Gewinne, die sie in den letzten Jahren erwirtschaftet haben, sind zu einem Großteil in Spekulationen im Finanzsektor gewandert. Da finde ich es wirtschaftspolitisch sogar reizvoll, wenn wir sagen, mit der Verkürzung der Arbeitszeit auch den Finanzsektor beschränken zu können. Wir dürfen ja nicht vergessen: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft. Die Beschränkung des Profits wäre in diesem Sinne nachhaltig für die Gesamtgesellschaft.

Das Interview führte Kevin Schubert. Folgen Sie dem Autoren auf Twitter.

Arbeitszeit: Die Forderungen im Überblick

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