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Roboter-Journalismus - Wenn Kollege Computer Sportberichte erstellt

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"Roboter-Journalismus": Computer erstellen aus Daten lesbare Texte. Das erleichtert Journalisten und Finanzdienstleistern das Handwerk. Doch die Automation hat Schattenseiten.

Lokaljournalismus - Typical
Lokaljournalismus - Typical
Quelle: dpa

In jedem Beruf fallen zeitaufwendige Arbeiten an, die keiner so recht mag. Wer in immer dünner besetzten Lokalredaktionen Sportmeldungen und Wetterberichte in die Tastatur geklopft hat, wünscht sich eine Maschine, die diese Arbeit für ihn erledigt. Die gibt es nun in Form der "Natural Language Generation".

Natural Language Generation (kurz: NLG) ist eng mit dem Feld der künstlichen Intelligenz verwandt. Dank ausgefeilter Algorithmen malen Computer heute Bilder im Stil von Rembrandt oder komponieren Musik, die man kaum von dem unterscheidet, was im Radio gespielt wird. Warum sollte der Computer nicht also auch Daten in lesbare Texte umwandeln können?

Wie Maschinen komplexe Daten für Menschen aufbereiten

Für einen "Roboter-Journalismus" braucht es drei Zutaten: Programmierer, Datenexperten und Journalisten, die eng zusammenarbeiten. Am Anfang stehen erstmal die Daten, die in Sätze gegossen werden sollen. Um ein Kreisligaspiel zusammenzufassen, besorgt der Datenexperte alle relevanten Daten: die Vereine, das Ergebnis, die Namen der Torschützen, die Minuten, in denen Tore fielen, und die Länge der Partie. Der Journalist formuliert nun generische Sätze vor, die der Computer später beliebig variieren kann. Auch Spezialfälle müssen definiert werden. Schießen beide Mannschaften dieselbe Anzahl Tore, "trennen sich die Mannschaften unentschieden". Zu guter Letzt stellt der Programmierer per Software Regeln auf – und dann beginnt der Computer zu arbeiten.

Die meisten Anbieter können mehrere Tausend Texte in wenigen Sekunden generieren. Das Ergebnis lässt sich kaum von denen eines Menschen unterscheiden. Im Gegenteil: Im Vergleich schneidet der Computer bei den Lesern besser ab, weil er keine Fehler macht. Bei Nutzertests schnitt der Computer "in der Massenproduktion besser ab als die Menschen", sagt der Hamburger Journalistik-Professor Thomas Hestermann in einem Interview mit dem Branchendienst Meedia.

Mehr Einsatzgebiete als gedacht

NLG lässt sich nicht nur im Journalismus einsetzen. Experten bieten Software für verschiedene Branchen an: Finanzreports, Wetterberichte, Marktübersichten, Vergleich technischer Geräte, lokalisierte Nachrichten, annotierte Börsenticker, Klinik-Reportings, Unwetterwarnungen – und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Die sonst eher konservative BBC rechnet damit, dass 80 Prozent aller Nachrichten im Jahr 2022 von Robotern geschrieben werden.

Überall, wo große Mengen von Daten anfallen, kann der Computer diese auswerten und den Lesern besser und schneller verständlich machen als ein Blick in eine schier endlose Excel-Tabelle. Auch Vergleiche mehrerer Datensätze, wie beispielsweise Spezifikationen von Autos oder Handys, lassen sich relativ leicht in einen maschinengeschriebenen Text gießen.

Mittmedia, das größte Medienunternehmen Schwedens, setzt diese Technologie bereits ein. Auch die amerikanische Nachrichtenagentur AP erzeugte bereits Anfang 2017 rund 4.000 standardisierte Sport- und Finanzberichte im Quartal. Um dieselbe Menge ohne Computer zu erzeugen, müsste AP ihre Belegschaft ums Vierfache vergrößern.

Ohne Training und Kontrolle geht's schief

Die Dinge können aber auch schief laufen. Wie beim "Handelsblatt", bei dem es ohne einen erfahrenen Finanzjournalisten nicht aufgefallen wäre, dass die Software die Börsenkurse zur falschen Zeit bezog – und so die Daten verfälschte. Außerdem ist der Einsatz des "Roboter-Journalismus" in der Branche umstritten. Eines der Heilsversprechen der NLG lautet nämlich, dass Journalisten so mehr Zeit für aufwendigere Recherche und bessere Artikel bekämen. Das wird sich aber in den wenigsten Redaktionen durchsetzen lassen. Denn den Verlegern bereitet die finanzielle Sorge des Unternehmens weitaus mehr Kopfzerbrechen als die journalistische Qualität – insgesamt geht's eher um Einsparungs-Potential.

Eine Schwäche hat der Computer noch. Immer dann, wenn man ein menschliches Auge braucht, wo es um Einschätzungen und Beziehungsgeflechte geht, ist er hoffnungslos unterlegen. Und so sind Porträts, Nachrichten, Kommentare (noch) nicht die Stärke des Computers, ganz zu schweigen von literarischen Texten. Bis der "Roboter-Journalismus" also großflächig Einzug erhält, wird es noch dauern.

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