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Immer mehr Klagen - Notfalls per Anwalt in die Wunsch-Schule

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Eigentlich ist die Einschulung ein Grund zur Freude, doch mit dem Kampf um die Plätze in den besten Schulen ist er inzwischen ein Thema für Anwälte.

Grundschüler laufen ins Schulgebäude (Archivbild)
Quelle: colourbox

Amelie ist so stolz, nächstes Jahr mit ihren Freundinnen in die Schule zu gehen. Doch in der Familie kommt keine echte Vorfreude auf. Die Eltern sind besorgt, zu Hause gibt es kaum ein anderes Thema. Das Schulamt ordnet Amelie einer Grundschule zu, die in der Nähe liegt, aber keinen guten Ruf hat. Nur wenig weiter entfernt liegt eine "gute Schule", in die Amelies Freunde gehen werden. Die Familie sucht jetzt Rat bei einem Anwalt, wie Amelie doch noch einen Platz in der gewünschten Grundschule ergattern kann.

Ob Frankfurt, Hamburg oder Berlin: Die Wahl der Grundschule treibt viele Eltern zur Verzweiflung. Die Hamburger Anwältin Nannette Meyer-Sand hat Verständnis für die Eltern, die in ihre Kanzlei am Jungfernstieg kommen. Meist seien die Gründe ganz praktischer Natur, sagt sie. Große Entfernungen, die Eltern sind beide berufstätig und kennen andere, die das Kind mitnehmen würden. Der Ruf der Grundschule spielt ebenfalls eine Rolle, etwa weil sie personell gut ausgestattet ist oder Fremdsprachen anbietet.

Eltern werden erfinderisch

Chancen auf Erfolg haben die Eltern durchaus. Doch eine Klage bringt auch Unsicherheit. Es kann bis zum ersten Schultag unklar sein, in welche Schule das Kind gehen wird. "Für eine Klage muss man Mut und Kraft haben", sagt Meyer-Sand. Um ohne Klage den Wunschplatz zu bekommen, werden einige Eltern erfinderisch. Da ist der Arzt, der seine Praxis als Wohnsitz anmeldet, weil in dieser Lage die Grundschule als gut gilt. Andere bemühen sich persönlich um ihre Wunschgrundschule, sprechen vor, bleiben in Kontakt mit der Leitung.

Wer es sich leisten kann, weicht auf eine Privatschule aus. Doch auch dort ist der Ansturm groß. Die Schulen suchen sich die Kinder aus. "Nachdem wir bei der Schulleitung vorgesprochen haben, soll Moritz jetzt ein paar Tage mitlaufen", erzählt eine Mutter, Mitte dreißig. "Das ist so etwas wie eine Probezeit. Moritz darf dann vormalen", sagt sie mit leiser Ironie in der Stimme. Sie und ihr Mann sind beide berufstätig, verdienen gut. Aber sie wohnen in der falschen Straße, um an der "richtigen" Schule einen Platz zu bekommen. Manchmal hängt es nur an der Hausnummer. "Wenn wir auf der Seite gegenüber wohnen würden, hätten wir kein Problem", bedauert eine andere Mutter aus Frankfurt.

Bürgerliche Klientel schneller beim Anwalt

Das Problem, einen Platz in der Wunschschule zu bekommen, ist nicht neu, aber es gewinnt an Bedeutung. Es ist Teil der Spirale zum Wohle des Kindes. Wie kaum eine Generation zuvor bemühen sich die Eltern von Heute um ein volles Programm für das Kind. Angefangen beim Pekipkurs, Babymassage bis hin zu Yoga für Kids. Ernst wird es mit dem Kindergarten. Um überhaupt einen Platz zu bekommen, schreiben die meist beide berufstätigen Eltern stapelweise Bewerbungen.

Mit der Grundschule setzt sich der Ansturm auf gefragte Einrichtungen fort. "Die gesellschaftliche Entwicklung geht dahin, das Leben des Kindes schon von der Geburt an durchzustylen. Das ist nicht nur bei der Grundschulentscheidung so", sagt Fabian Peter, Referent beim Schulamt im Berliner Stadtteil Lichtenberg. "Früher war das nicht so extrem." Bei der bürgerlichen Klientel ist die Klagebereitschaft höher. "Andere gesellschaftliche Gruppen wüssten gar nicht, wie sie das anstellen sollen", sagt Peter.

"Ideal ist eine moderate Vielfalt"

Was hinter dem Wunsch nach einer anderen Grundschule steckt, sagen die Eltern nicht immer frei heraus, sondern sprechen lieber im kleinen Kreis über ihre wahren Sorgen. "Unser Eindruck ist, dass die öffentlich genannten Argumente nicht immer mit den wirklichen Argumenten übereinstimmen", sagt Peter. Er erzählt von einem bürgerlichen Viertel, das an Plattenbauten angrenzt, und wegen einer Änderung des Einzugsbereichs geteilt wurde. "Diese Eltern würden niemals sagen, wir wollen nicht, dass unser Kind mit den Kindern aus dem Plattenbau zur Schule geht", so Peter. Vielmehr argumentierten sie, die Kinder würden aus ihrem Freundeskreis herausgerissen. Häufig fallen auch die Argumente, eine Schule sei besonders musisch oder künstlerisch. "Aber in Wirklichkeit möchte die bürgerliche Klientel unter sich bleiben", sagt Peter. "Das ist unsere Wahrnehmung."


Ob sich der Kampf um die Grundschule lohnt, hängt auch vom Kind ab. Nehmen die Schwierigkeiten überhand oder wächst es an der Herausforderung? Der Unternehmer Jan Schmidt kann das nur bestätigen. Er war auf einer Schule, an der es ziemlich rau zuging. "Das war eine Vorbereitung auf das Leben", sagt er heute, nicht ohne Stolz.

"Grundsätzlich sollten in einer Schule bestimmte Gruppen nicht überproportional vertreten sein. Ideal ist eine moderate Vielfalt", sagt Peter. In der Realität sieht das manchmal anders aus. Dann ist Begleitung wichtig. "Hier sind die Eltern und Lehrer gefragt", erklärt Peter. "Aber auch die Politik."

Grundschule: Chancen von Klagen

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