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Bahnsteig-Attacke in Frankfurt - Wenn es mehr um Täter als um Opfer geht

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Nach der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof liegt der Fokus der öffentlichen Debatte auf dem mutmaßlichen Täter. Was macht es mit Opfern, wenn sie kaum beachtet werden?

reisende haben an gleis 7 am hauptbahnhof in frankfurt am main blumen zum gedenken an den jungen abgelegt, der am montag zusammen mit seiner mutter vor einen einfahrenden ice gestossen worden war.
Öffentliche Anteilnahme und Unterstützung nach traumatischen Ereignissen sind wichtig für die Wertschätzung der Opfer, sagen Psychotherapeuten.
Quelle: dpa

Es ist eine Tat, die auch zwei Tage später noch fassungslos macht. Ein Mann schubst eine Mutter und ihr Kind am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE auf die Gleise. Sie überlebt, ihr achtjähriger Sohn aber kommt ums Leben. Kurz danach ist vor allem eins das bestimmende Thema: die Herkunft des mutmaßlichen Täters.

Er ist 40 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Eritrea, lebte aber seit 2006 in der Schweiz. Kurz nach der Tat wird über die psychische Verfassung des Mannes spekuliert, seine Herkunft in Sozialen Medien instrumentalisiert, über Bahnsteigtüren diskutiert und vieles mehr. Was kaum Erwähnung findet: die Opfer dieser Tat. Für sie ist seitdem nichts mehr so, wie es vorher war.

"Das Leid wird zu wenig gewürdigt"

Oft entsteht auf Seiten der Opfer zusätzlich zu dem großen Schmerz, dem Verlust und der Trauer, ein Gefühl der Ungerechtigkeit, wenn Medien und Öffentlichkeit den Blick für die Betroffenen verlieren, sagt die Psychotherapeutin Kathlen Priebe von der Traumaambulanz der Charité im Berliner St. Hedwig-Krankenhaus. "Häufig entsteht das Gefühl, dass das Leid zu wenig gewürdigt wird." In diesem Fall, musste eine Mutter hilflos mit ansehen, wie ihr Sohn auf diese schreckliche Weise verstirbt. Ein unvorstellbares Leid.

Bei Ereignissen, wo Kinder zu Schaden kommen, ist die psychische Belastung für alle Betroffenen besonders hoch. Dazu zählen auch Augenzeugen und natürlich, wie in diesem Fall, der Zugführer. "Menschen neigen dazu, sich Schuldvorwürfe zu machen, dabei wird häufig darüber gegrübelt: Hätte ich etwas anders machen können? Hätte ich früher reagieren müssen?", sagt Kathlen Priebe. Viele, die involviert waren, entwickeln nach dem Unglück akute Belastungssymptome, die zunächst eine normale Reaktion auf so außergewöhnliche Ereignisse sind. Bei einigen kann es aber auch längerfristige Folgen haben, wie eine posttraumatische Belastungsstörung.

Was den Opfern hilft

Hilfe finden Opfer eines solchen Unglücks bei den sogenannten Traumaambulanzen. Sie leisten ganz unbürokratisch schnelle Hilfe, ohne langes Warten auf eine Termin und unterstützen die Betroffenen bei der Bewältigung der Traumafolgen. Nach dem Opferentschädigungsgesetz haben sie ein Anrecht auf Hilfe und Entschädigung für die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen.

Darüber hinaus sei das Ausmaß an wahrgenommener sozialer Unterstützung extrem wichtig. Dazu gehöre neben der professionellen und privaten Hilfe von Familie und Freunden auch die gesellschaftliche Unterstützung. "Die öffentliche Anteilnahme an dem Geschehenen ist sehr wichtig", so Priebe. Das Gefühl von, "wir werden aufgefangen, wir werden gesehen, es interessiert sich jemand für unser Leid", führe dazu, dass Menschen das Erlebte besser verarbeiten können. Dabei sind auch Berichte über die Anteilnahme durch Gedenkveranstaltungen und andere öffentliche Unterstützung hilfreich. Sonst entstünde häufig aus der Enttäuschung über das Nichtbeachten eine Verbitterung, die zusätzlich krank machen kann.

Warum stehen Täter häufiger im Fokus?

Es bleibt die Frage,warum trotzdem häufig nicht die Opfer im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Über den Täter sprechen und möglichst viel erfahren zu wollen, sei ein bekanntes und gängiges Phänomen. "Das kommt aus dem Bedürfnis heraus, so eine Tat besser verstehen zu können, um die eigene Angst etwas zu reduzieren. So wird die Hilflosigkeit, die viele nun spüren, gefühlt geringer", so Priebe. Gleichzeitig ist die starke Thematisierung der Täter-Biografie wie im Fall Frankfurt extrem gefährlich. Vorurteile werden geschürt, Teilaspekte für politische Zwecke besonders hervorgehoben. Zu viel Raum und Platz für Tätergeschichten kann den Effekt haben, dass innerhalb der Bevölkerung ein Gefühl von unverhältnismäßig großer Unsicherheit entsteht und das Risiko für ein solches Ereignis überschätzt wird, sagt Priebe.

Auf dem Bahnhofsvorplatz am Dienstagabend während eines Trauergedenkens war kein Platz für Tätergeschichten. Im Mittelpunkt die Anteilnahme für alle Betroffenen. Ob der Täter Zuwanderer sei oder nicht, spiele keine Rolle, betonte Carsten Baumann, Leiter der ökumenisch geführten Frankfurter Bahnhofsmission. Es bleibe einfach eine "sinnlose Katastrophe".

Der Autorin auf Twitter folgen: @Alica_Jung

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