Sie sind hier:

Nach dem TV-Duell - Wer bei welchem Thema gepunktet hat

Datum:

Zwei Kandidaten, vier Moderatoren, 95 Minuten Zeit: Im TV-Duell attackiert Martin Schulz Angela Merkels Flüchtlingspolitik. Und fordert ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Fazit: Er ist besser, als viele gedacht hätten. Aber reicht das? Eine Analyse.

Wer hat sich im TV-Duell besser geschlagen: Merkel oder Schulz? Das ZDF-Politbarometer hat eine Blitzumfrage durchgeführt. Amtsinhaberin Angela Merkel kam dabei auf 32 Prozent Zustimmung, Martin Schulz auf 29 Prozent.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Los geht's, die Eingangsstatements

Er darf beginnen, das wurde vorher ausgelost. Und es geht erst einmal weniger um Inhalt. Eher um Persönliches. Martin Schulz muss sich gleich dem Absturz der SPD in den Umfrage stellen. Schulz gesteht: "Das war bitter." Um dann den Blick nach vorne zu richten: drei Wochen noch. Und Angela Merkel? Wo steht sie im Augenblick? Auto-Kanzlerin oder Klima-Kanzlerin, Willkommenskultur-Kanzlerin oder Abschiebe-Kanzlerin? "Jeder Mensch verändert sich", sagt Merkel. Es gebe immer wieder neue Herausforderungen. Da ist das Begrüßungslächeln schnell weg, beide Kandidaten sind jetzt ernst.

Dann geht es um den Wahlkampf. Ist er nun langweilig oder nicht? Schadet Merkel damit dem Land, indem sie Kontroversen ausweicht? Ein "Anschlag auf die Demokratie", wie Schulz es ihr vorgeworfen hat? "Na ja", sagt er. Irgendwie schon. Aber: Anschlag, "das war zugespitzt. Ich würde es in dieser Schärfe nicht noch mal sagen“, sagt Schulz. Auftakt mit Zurücknahme eines Vorwurfes.

Fazit: Punkt für Merkel.

Thema: Flüchtlinge und Integration

Ein kontroverses Thema. Es hat die Union gespalten und die AfD stark gemacht. Wie findet man eine Einigung auf europäischer Ebene? Und was würde Schulz anders machen?

Nein, das Flüchtlingsthema wird nicht ausgeblendet, es spielt gleich zu Beginn die Hauptrolle des TV-Duells, etwa eine halbe Stunde lang. Schulz greift Merkel an: "Es war falsch, die europäischen Partner vor vollendete Tatsachen zu stellen", sagt er in Bezug auf Merkels Grenzöffnung vor zwei Jahren. Merkel verteidigt ihre Entscheidung von damals: "Ich halte es nach wie vor für absolut richtig." Es gebe Situationen, da müsse man seinen Grundprinzipien folgen. Schulz attackiert Merkel und stellt die Frage, ob CSU-Chef Horst Seehofer in der Flüchtlingspolitik wirklich an Merkels Seite stehe. Merkels wunder Punkt. Bei Twitter sprechen Nutzer von einem "Seehofer-Punch" durch Schulz.

Fazit: Punkt für Schulz.

Thema: Türkei und weitere Außenpolitik

Unruhige Zeiten. Flüchtlinge sterben auf dem Mittelmeer. Kann man die EU-Außengrenzen schließen? Wie geht man mit Libyen um, mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan, mit dem twitternden US-Präsident Donald Trump?

So weit liegen die beiden nicht auseinander. Der Unterschied: Schulz kann mehr fordern, umsetzen muss er es ja erst einmal nicht. Merkel weiß, was am Verhandlungstisch geht - und was eben nicht. Beispiel Türkei. Wenn Schulz Bundeskanzler wäre, will er die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen. Das will Merkel irgendwie auch, denn sie war ja noch nie dafür, aber, so einfach, darauf verweist sie spitz, ist das nun auch wieder nicht: "Dafür braucht man in Europa eine Mehrheit." "Dann", sagt Schulz, würde er dafür auch kämpfen. "Klare Kante", fordert Schulz von Merkel gegenüber Erdogan. "Leisetreterei" nützt nichts, sagt auch Merkel. "Aber Vorsicht", sagt sie: 14 Deutsche sitzen in der Türkei aus politischen Gründen in Haft. "Wir müssen uns nicht übertreffen, wer nun härter im Wahlkampf ist", sagt Merkel. Und da sagt Schulz dann auch nichts mehr. Kann sich aber freuen, dass sie, als es schon längst um etwas anderes geht, noch hinterherschiebt: "Ich werde mit meinen Kollegen noch einmal reden, ob wir zu einer gemeinsamen Position kommen und diese Beitrittsverhandlungen beenden können."

Auch in Fragen Libyen, Einwanderungsgesetz, Familiennachzug für Bürgerkriegsflüchtlingen, Nordkorea trennen die beiden nur Nuancen. Schulz haut noch ein bisschen auf Donald Trump ein, Merkel verweist darauf, dass es ohne ihn nicht geht und macht Namedropping, mit wem sie alles verhandelt und telefoniert: dem französischen Staatspräsidenten, dem chinesischen und so weiter. "Wir brauchen eine europäische Antwort", sagt Merkel. Das findet Schulz auch richtig.

Fazit: Unentschieden.

Thema: Soziale Gerechtigkeit

Vielleicht die zentrale Frage dieses Wahlkampfs überhaupt. Geht es in Deutschland gerecht zu? Die CDU findet ja, die SPD findet nein.

Nein, schlechtreden will Martin Schulz Deutschland nicht. "Deutschland ist ein wohlhabendes Land", sagt er. Aber das gelte dann eben auch nicht für alle. "Wir haben noch zwei Millionen Arbeitslose", kritisiert er. Und in Ballungsräumen könnten sich selbst Doppelverdiener nicht immer Wohnungen leisten. Merkel rühmt sich guter Arbeitsmarktzahlen. Und kündigt an, dafür kämpfen zu wollen, dass es auch in zehn Jahren noch genügend Jobs gebe. Einigkeit beim Thema Renteneintrittsalter: Arbeiten auch noch mit 70? Ein klares Nein von Merkel. "Mit mir nicht", sagt sie. Schulz applaudiert ironisch. "À la bonheur, Frau Merkel", sagt er. Und erinnert daran, dass Merkel vor vier Jahren auch gegen eine Pkw-Maut war, die dann doch kam. Die Pkw-Maut ist Merkels wunder Punkt.

Fazit: Punkt für Schulz. 

Thema: Steuern

Bund, Länder und Kommunen haben jede Menge Geld, auch die Kassen der Sozialversicherungen sind voll. Steuerentlastungen versprechen beide Parteien. Frage der Moderatoren: Mit wie viel Entlastung kann eine Familie mit zwei Kindern und einem Einkommen von 3.500 Euro brutto rechnen?

Schulz fängt an zu rechnen. Spricht von der Befreiung von Kitabeiträgen, irgendwas von Krankenkassenbeiträgen, also Moment, kurz noch einmal gerechnet: "200 bis 250 Euro."

Merkel rechtfertigt sich erst einmal, warum es bei ihren Regierungen 2009 und 2013 keine Steuerentlastung gab. Entlastung für Familie Mustermann? "So genau kann ich das jetzt nicht sagen", plus Kindergelderhöhung kommen auch bei ihr etwa 200 Euro aus. Schulz führt noch aus, dass eine Senkung der Mehrwertsteuer nichts bringen würde. Damit vertritt er die Meinung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Beide sind gleich unsouverän.

Fazit: Unentschieden.

Thema<em>:</em> Innere Sicherheit

Wie schützen wir uns vor Anschlägen? Was wiegt mehr: die individuelle Freiheit oder die Sicherheit aller? Es gab Zeiten, das war dies das wichtigste innenpolitische Thema. In diesem TV-Duell kommt es nur am Rande vor.

Merkel ist beim Thema innere Sicherheit in einer komfortablen Situation: Sie kann immer auf die Zuständigkeit der Länder verweisen. Beispiel: Der Fall des Attentäters Anis Amri, der in Berlin kurz vor Weihnachten voriges Jahr zwölf Menschen tötete. Ständig wechselten die Zuständigkeiten zwischen den Behörden, er nutzte mehrere Identitäten - abgeschoben wurde er nicht. “Es sind Fehler passiert“, sagt Merkel. "Wir haben aus dem Fall gelernt."

Die Garantie von Schulz, die die Moderatoren von ihm verlangen, dass unter seiner Kanzlerschaft so etwas nicht passieren könnte, kann Schulz natürlich nicht geben. Wie auch? Konkreter die Fragen an beide, woher die vielen Polizisten kommen sollen, die beide Parteien ab September einstellen wollen. Ganze 15.000. "Besser bezahlen, weniger Bürokratie“, sagt Schulz. Merkel spricht von einem Musterpolizeigesetz, um in allen Bundesländern gleiche Bedingungen für Polizisten zu schaffen, die "in Bayern besser sind als in rot-grünen Bundesländern". Da wird Schulz ungeduldig, schon wieder das Länderargument. Aber so sei es doch, wirft Merkel ein, "ich mach das doch nicht zum Spaß." Doch irgendwie ist das Thema dann schon wieder vorbei, die Zeit fast um. Dafür und für die schrägen Fragen der Moderatoren können die Kandidaten nun wirklich nichts.

Fazit: Unentschieden.

Und sonst?

Beide waren heute nicht in der Kirche. Schulz nicht, Merkel nicht. Dafür hat Schulz eine Kapelle auf einem Friedhof besucht. Und er hat ein Zitat vorbereitet. "Jenseits von richtig oder falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns." Für drei Sekunden ist es still. Was will er damit sagen? Egal. Schulz gibt sich oft angriffslustig. Versucht, die Debatte zu führen, Fragen an Merkel zu stellen. Schulz schlägt sich wacker, kann ein ums andere Mal punkten. Wirklich schaden kann er Merkel aber nicht. Prognose: Das wird nicht reichen, um die Stimmung im Wahlkampf grundlegend zu drehen.


Den Autoren auf Twitter folgen: @Kristina_Hof und @dominikrzepka

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.