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Vor Westbalkan-Konferenz - Nicht nur Bosnien ein Pulverfass

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Bei der Westbalkan-Konferenz in Triest geht es vor allem um eines: Die Länder irgendwie vertrösten, weil der EU-Beitritt in weite Ferne gerückt ist. Doch angesichts der Spannungen vor Ort ist eine Zusammenarbeit schwer vorstellbar. Besonders Bosnien entwickelt sich zum Pulverfass.

Die zerstrittenen Balkanländer sollen enger zusammenarbeiten, heißt es aus Brüssel. Der heutige Westbalkan-Gipfel der EU im italienischen Triest soll dazu beitragen. Denn die Gräben, die im Jugoslawien-Krieg ausgehoben wurden, reichen bis heute in …

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Ein Meer von Grabsteinen ist geblieben - an dem Ort, der traurige Berühmtheit erlangt hat: Im bosnischen Srebrenica erinnert eine Gedenkstätte an die über 8.000 jungen und alten Männer, die bei dem Massaker ihr Leben verloren haben. Grausam ermordet von fanatischen serbischen Milizen. 22 Jahre sind vergangen seit dem Ende des Bosnienkrieges, aber von einer Aussöhnung der Ethnien ist keine Spur. Im Gegenteil.

Trennung der Ethnien beginnt in der Kindheit

Eva Schiller
Eva Schiller, Studio Wien Quelle: ZDF

In der Gedenkstätte werden von serbischen Soldaten gedrehte Videos einiger Hinrichtungen gezeigt. Angsterfüllte Bosniaken müssen ihre bereits ermordeten Bekannten und Verwandten auf einem Haufen entsorgen, bevor sie dann selbst erschossen werden. Man könnte meinen, dass das allein Beweis genug sei für den furchtbaren Völkermord. Aber trotzdem bestreiten viele bosnische Serben, dass der Genozid überhaupt stattgefunden habe. Die Gedenkstätte wurde bislang von keiner einzigen Schulklasse aus der Republika Serbska, dem serbischen Landesteil, besucht.

Im Jahr 2017 leben die Ethnien getrennt nebeneinander her. Schuld daran ist auch der mühsam errungene Friedensvertrag von Dayton, der Bosnien-Herzegowina aufgeteilt hat: in einen serbischen, kroatischen und einen bosniakischen Teil - mit jeweils eigener Verwaltung. Die Trennung der Ethnien beginnt schon in der Kindheit: Serben, Kroaten und Bosniaken besuchen getrennte Schulen, mit unterschiedlichen Lehrern und verschiedenen Schulbüchern, die die Geschichte je nach ethnischer Zugehörigkeit auslegen. Der Nationalismus blüht, in jedem Landesteil. Und statt sich auszusöhnen, wächst der Hass wieder.

Putin, Erdogan und die Golfstaaten treiben Spaltung voran

Vor allem eines hat die Bosnier in den letzten Jahrzehnten geeint: das Streben in die EU. Und wo diese Hoffnung immer mehr schwindet, wo es angesichts diverser EU-Krisen immer unwahrscheinlicher wird, dass Bosnien in naher Zukunft der EU beitritt, füllen andere das entstandene Vakuum, nutzen den Frust der Menschen aus. Während Russlands Präsident Wladimir Putin das große Idol vieler bosnischer Serben ist, wird der türkische Präsident Recip Tayyip Erdogan von den muslimischen Bosniaken gefeiert. Russland unterstützt den serbischen Landesteil, die Türkei finanziert Moscheen und Straßen im bosniakischen Gebiet und fungiert in verarmten Landstrichen als Großinvestor. Dazu kommt der Einfluss der Golfstaaten, die Häuser und Ferienanlagen aufkaufen und gleichzeitig bei den traditionell toleranten bosnischen Muslimen des Landes für eine strengere Auslegung des Islam werben.

Wie groß der politische Einfluss von Russland, der Türkei und den Golfstaaten wirklich ist, lässt sich schwer einschätzen. Fest steht: Sie treiben die ethnische Spaltung weiter voran. Nicht nur in Bosnien, sondern im gesamten Westbalkanraum. Das instabile Bosnien ist quasi das Pulverfass, das am ehesten zu explodieren droht, aber auch im Kosovo, Serbien, Mazedonien und Albanien kehrt die nationalistische Rhetorik der Vergangenheit zurück.

Resignation statt Aufbruchstimmung

Im Kosovo wurde gerade Ramush Haradinaj zum Regierungschef gewählt, ein ehemaliger UCK-Kommandeur. Vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wurde er vor allem deshalb freigesprochen, weil Zeugen plötzlich absprangen oder verstarben. Ins Nachbarland Serbien kann er nicht reisen, weil dort ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Von Annäherung ist ohnehin kaum noch die Rede, in Serbien und im Kosovo. Im Gegenteil: Viele Kosovaren träumen von Großalbanien, von einer Vereinigung mit Albanien und Teilen Mazedoniens, was mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Flächenbrand in der Region sorgen würde.

An die 33 Milliarden Euro investierte die Weltgemeinschaft allein im Kosovo. Und größter Geldgeber ist fast überall auf dem Balkan die EU. Doch viel zu oft versickern die Gelder bei den notorisch korrupten, regierenden Eliten. Die Bevölkerung spürt wenig Veränderung und so ist Aufbruchstimmung am Westbalkan längst tiefer Resignation gewichen.

Mit Geld allein scheint sich der Westbalkan nicht befrieden zu lassen, das zeigt das Anschwellen des Nationalismus, die Hinwendung zur Religion. Die Menschen brauchen eine Zukunftsvision, ernst gemeintes Interesse. Und wo die EU ihre Strahlkraft verliert, entsteht eine gefährliche Lücke: Der Balkan entwickelt sich wieder zu einem Pulverfass, das jederzeit explodieren kann.

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