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Angst auf den Lofoten - Kabeljau-Kinderstube im Visier der Öljäger

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Mit Erdöl und Erdgas ist Norwegen reich geworden. Damit das Geld weiter sprudelt, könnte eine neue Regierung neue Vorkommen erkunden lassen - in der bisherigen Sperrzone rund um die Lofoten. Fischer und Naturschützer fürchten um den Fisch-Reichtum der Inseln am Polarkreis.

Bei der Parlamentswahl in Norwegen ist das konservative Regierungsbündnis von Ministerpräsidentin Erna Solberg mit knapper Mehrheit bestätigt worden. Ihr Herausforderer Jonas Gahr Støre räumte seine Niederlage ein.

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Es ist eine Szene, die selbst den hartgesottenen Wellenreitern aus aller Welt und einheimischen Zuschauern der Surfmeisterschaften in der Lofoten-Bucht von Unstad den Schreck in die Glieder treibt: Während vier Surfer um die beste Welle ringen, tauchen plötzlich drei Orcas, Schwert- oder Killerwale zwischen den Sportlern auf: Ein Surfer im roten Trikot reißt vor Schreck die Arme hoch, verpatzt seinen Ritt auf den kleinen Wellen - keine fünf Meter vom Strand sind Orcas auf den Lofoten selten.

Doch die Tiere, denen hier oben lange der Ruf der "Fisketarier“ anhaftete, sind nicht in Rauflaune. Ruhig bugsieren die beiden Größeren ein Jungtier zwischen Wellen und Surfern hindurch und sind nach einer Minute wieder verschwunden. "Die Killerwale galten hier bei uns anders als auf der Südhalbkugel nicht als Fleischfresser", erklärt Marion Frantzen, die die wohl nördlichste Surfbasis der Welt betreibt, den Begriff der "Fisketarier", also Fischfresser.

Lofoten: Kabeljau-Laichgebiet

Henner Hebestreit
ZDF-Korrespondent Henner Hebestreit

Allerdings sind in diesem Sommer Videoaufnahmen aufgetaucht, auf denen mehrere Orcas Robben jagen und verspeisen. Seitdem sind sie sich hier oben nicht mehr so ganz sicher, ob die schwarzweißen Raubfische tatsächlich immer nur auf der Suche nach Fischen sind.

Ganz gleich, ob sie nur Fisch oder auch Fleisch fressen: Für die Orcas sind die Gewässer um die Lofoten ein Paradies - und auch für Norwegens Fischer. Im Frühjahr, wenn noch der eiskalte Wind aus der Arktis die Inseln am Polarkreis in ein Kühlhaus verwandelt, kommt der Kabeljau in riesigen Schwärmen hierher. Der gerade mal drei Kilometer breite relativ flache Festlandsockel im Meer vor den Lofoten ist das Laichgebiet der Fische. Von hier stammt der Kabeljau-Nachwuchs aus dem Nordatlantik und der Barentssee.

"Als koche das Meer"

"Wenn der Kabeljau zwischen Januar und April hierher kommt, um zu laichen, sieht es aus, als koche das Meer," beschreibt Wenche Cumming von der Bürgerinitiative zum Schutz der Lofoten das Szenario, das sie und viele Fischer der Region bedroht sehen. Ausgerechnet die Kinderstube des Kabeljau ist ins Fadenkreuz der Öljäger geraten.

Bislang war das Meer um die Lofoten für die Ölindustrie Sperrzone. Doch nach der Parlamentswahl Mitte September ist dieses Ölembargo zur Verhandlungsmasse möglicher Koalitionspartner geworden. Neben den beiden großen Parteien - der Arbeiterpartei und den Bürgerlichen von Ministerpräsidentin Erna Solberg - wollen auch die Rechtspopulisten vor den Lofoten nach Öl suchen lassen. Dagegen stemmen sich noch die Abgeordneten der Grünen und der Christen, die als Regierungspartner umworben werden. Noch im Oktober könnte also eine Entscheidung fallen, ob demnächst Erkundungsmannschaften anrücken und den Meeresboden nach Öl- und Gasvorkommen durchkämmen.

Angst, dass der Fisch "über Nacht verschwindet"

"Dazu werden Druckwellen in den Meeresboden geschossen. Auf einer sehr großen Fläche werden über knapp drei Wochen hinweg alle zehn Sekunden kleine Explosionen durch den Boden gejagt. Der Lärm verschreckt Fische und Wale und viele Fischer befürchten, dass der Fisch über Nacht verschwindet", erklärt Wenche Cummings. Auch Frode Vikebø vom Meeresforschungsinstitut in Bergen warnt vor der Suche nach Öl in dieser Gegend: "Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass seismische Sprengungen Auswirkungen auf die Fangrate haben. Seismische Wellen können außerdem zu Abweichungen beim Laichverhalten der Fische führen."

Mit dem Fund von Erdöl im Jahr 1969 wurde das einstmals arme Land im Norden Europas zu einem der reichsten des Kontinents. Norwegen selbst erzeugt seinen Strom fast ausschließlich aus Wasserkraft, so können die Norweger Öl und Gas in großer Menge ins Ausland verkaufen: 90 Prozent des Gases an die EU, 30 Prozent allein an Deutschland, das auch sieben Prozent des norwegischen Erdöls kauft.

Über eine Billion US-Dollar im Pensionsfonds

Die Erlöse daraus werden sorgsam in einem Pensionsfonds verwahrt, der bis jetzt ein Kapitalvolumen von einer Billion US-Dollar angehäuft hat. Auf jeden der rund fünf Millionen Norweger kommen umgerechnet mehr als 130.000 Euro Guthaben (zum Vergleich: Deutschland ist hoch verschuldet, auf jeden Bundesbürger kommen knapp 28.000 Euro an Staatsschulden).

Nun hat Norwegens Wirtschaft mit dem Preissturz des Erdöls einen kleinen Vorgeschmack auf das bekommen, was dem Land eines Tages blüht, wenn die Tage des "Schwarzen Goldes" gezählt sind. Die Fischindustrie ist die zweitgrößte Stütze der Wirtschaft Norwegens geworden, auch der Tourismus trägt seinen Anteil zur Volkswirtschaft bei. Das Land investiert viel in "saubere" Energie, man sieht sich - über das Anlagevermögen des Pensionsfonds - selbst als Finanzier der Energiewende auch in Deutschland.

Heißer Winter auf den Lofoten droht

"Das alles geht aber nur, wenn wir unsere ganze Finanzkraft ausspielen - und dazu zählt eben auch die Exploration aller unserer Erdöl- und Erdgasvorkommen auch vor den Lofoten“, erklärt Kjell Giæver, Direktor von Petro Arctic, einer Lobbyorganisation der Ölbranche in Bodø. Er schlägt stolz den Bogen von den einstigen Silber- und Kupfervorräten, die Norwegen im Mittelalter reich gemacht hatten zum Öl und versichert, dass eine Erforschung des Meeresbodens vor den Lofoten nicht automatisch auch die Ausbeutung etwaiger Öl- und Gasvorkommen bedeuten würde. Allerdings gilt eine Exploration von Öl in arktischen Gewässern bereits ab einem Preis von 35 Euro pro Barrel als lukrativ, aktuell kostet das Barrel um die 50 Euro.

Am Strand von Unstad ist das Auftauchen der Wale inmitten der Surfer das große Thema dieser Tage. Zeitungen und Fernsehen haben darüber berichtet und den Walbesuch als ungewöhnliches Naturschauspiel bezeichnet. "Und dann will man diese Natur in Gefahr bringen, und hier nach Öl suchen?", fragt Marion Frantzen. Auch die großen Fischereiverbände haben schon ihren Widerstand angekündigt. Den Lofoten droht ein heißer Winter.

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