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Textilindustrie - Hauptsache billig?

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Vor fünf Jahren stürzte in Bangladesch die Textilfabrik "Rana Plaza" ein. Mehr als 1.100 Menschen starben, ungefähr 2.400 wurden verletzt. Was hat sich durch das Unglück verändert?

Früher war Kleidung etwas Besonderes - einen Mantel beispielsweise trug man mehrere Jahre. Heute ist Kleidung ein billiges Konsumgut, das kaum länger als eine Saison getragen wird. Dieser Veränderung im Verhalten trägt die Textilindustrie Rechnung, indem sie immer günstiger und immer schneller neue Ware produzieren lässt. In Textilfabriken in Billig-Lohn-Ländern fertigen Arbeiter Discount- und Markenware am Fließband. "Eine Jeans - egal ob für einen Edelhersteller oder einen Billiganbieter - stammt häufig aus derselben Fabrik", erklärt Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

Das Unglück von "Rana Plaza" 2013 hat den Fokus auf die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie gelenkt. "Es ist ein Aufschrei um die Welt gegangen", erinnert sich Gisela Burckhardt, geschäftsführender Vorstand der NGO femnet, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern der Textilindustrie einsetzt und Mitglied des 2014 gegründeten Textilbündnisses ist. Dennoch hat sich laut Christine Schnurra, Koordinatorin der Kampagne für saubere Kleidung, strukturell nicht viel geändert.

Der Accord

Rund 200 europäische Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen haben sich zum Bangladesch Accord zusammengeschlossen. Die Initiative ist gerade bis 2021 verlängert worden und setzt sich für den Brandschutz, die elektrische Sicherheit sowie die Gebäudesicherheit ein. Rund 1.600 Firmen wurden von Ingenieuren überprüft und haben Handlungs-Empfehlungen erhalten. Wer weiter für europäische Auftraggeber arbeiten möchte, muss diese Empfehlungen umsetzen. Bis heute sind 80 Prozent umgesetzt worden. Der Gewerkschafter Lemb sieht den Accord als einen Meilenstein an. Gisela Burckhardt lobt die damit verbundene Transparenz. Alle Fabriken, die kontrolliert wurden, sind online aufgelistet und somit für jeden einsehbar. Zudem sind immer mehr Unternehmen wie C&A, Tchibo, Hugo Boss oder Esprit bereit, ihre Lieferketten offenzulegen.

KiK beispielsweise führt pro Jahr rund 750 Überprüfungen der Fabriken auf Statik, Brandschutz, Einhaltung der Umweltvorschriften und Sozialstandards durch. Dokumentierte Mängel müssen dann innerhalb einer bestimmten Frist behoben werden, erklärt eine Sprecherin von KiK.

Subunternehmertum bleibt Problem

Natürlich gibt es hier auch Schlupflöcher. Die Fabrikbesitzer lehnen nie einen Auftrag ab. Entweder sie lassen Überstunden arbeiten oder sie beauftragen einen Subunternehmer, der kein Mitglied des Accord ist und sich nicht an die Sicherheitsauflagen halten muss. "Das Subunternehmertum stellt ein großes Problem dar", erklärt Nico Kemmler, Head of Corporate Responsibility der Firma Seidensticker, die auch Mitglied im Textilbündnis ist. Seiner Meinung nach kann nur der erfolgreich gegen Subunternehmer vorgehen, der seine Partner kennt und gute Kenntnisse des eigenen Fertigungsnetzwerks hat: "So weiß man, wie viel der Partner vor Ort tatsächlich leisten kann und wo seine Kapazitäten enden."

Sandra Coy, Sprecherin Nachhaltigkeit bei Tchibo, erklärt, dass Lieferanten und Produzenten vertraglich zur Informierung über die Nutzung von Subunternehmen verpflichtet sind. Die Einhaltung werde regelmäßig durch eigene Mitarbeiter im Land überprüft.

Noch viel zu tun

In Bangladesch wird zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch die Textilindustrie erwirtschaftet. 80 Prozent aller Exporte sind Textilien. Die Löhne in Bangladesch gehören zu den niedrigsten weltweit. Die Besitzer der Textilfirmen haben Angst vor Abwanderung der Auftraggeber in noch billigere Produktionsländer wie Myanmar oder Äthiopien.

Gisela Burckhardt findet, dass das "race to the bottom" ein Ende haben muss: "Ich glaube, der Verbraucher ist bereit, 50 Cent mehr zu bezahlen, wenn er weiß, dass der Arbeiter in Bangladesch dafür einen gerechten Lohn erhält." Christine Schnurra von der Kampagne für saubere Kleidung findet, dass die Auftraggeber bereit sein müssten, ethisch zu wirtschaften: "Die Unternehmen engagieren sich im Textilbündnis, aber sobald es an ihre Margen geht, werden die schmallippig."

Lohn-Defizit

Löhne sind das zentrale Thema: Der Mindestlohn in Bangladesch beträgt derzeit 52 Euro pro Monat. "Davon kann man auch in Bangladesch nicht überleben, auch wenn die Lebenshaltungskosten niedrig sind", prangert Burckhardt an. Teilweise werden massiv Überstunden geleistet, damit der Lohn bis zum Monatsende reicht. Oder die Frauen sind gezwungen Klein-Kredite aufzunehmen, um über die Runden zu kommen.

Hinzu kommt, dass die Reallöhne um fast acht Prozent gesunken sind. Die letzte Lohnerhöhung liegt fünf Jahre zurück. Auch Nico Kemmler von Seidensticker sieht im Bereich der Löhne den größten Handlungsbedarf: "Es wird viel über Fluchtursachen gesprochen. Mit einem Anheben der Löhne über die kommenden fünf bis sechs Jahre kann den Menschen vor Ort eine Perspektive im eigenen Land geboten werden."

Das bringt der Transition Accord

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