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Bundestagswahl - Zeit, Geld, Nerven: Der teure Wahlkampf

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Flyer, Kulis, Beutel - einige winken ab, anderen greifen zu: Kevin Hönicke macht Straßenwahlkampf. Er will für die SPD in den Bundestag und das in einer Linken-Hochburg in Berlin. Kandidaturen sind zeitintensiv - und manchmal teuer.

In der letzten Sitzung des Parlaments vor der Bundestagswahl haben sowohl SPD als auch Union die politischen Erfolge der großen Koalition für sich reklamiert. Heftige Breitseiten gegen Schwarz-Rot kamen von der Opposition.

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100 Flyer gehen pro Stunde weg. Die muss Kevin Hönicke natürlich nicht selbst bezahlen, das finanziert die Partei. Etwa 2.000 Euro hat der 33-Jährige aus eigener Tasche in den Wahlkampf gesteckt. Das ist eher wenig, andere Direktkandidaten geben mehr aus. Extrakosten für Brottüten oder Kaffeebecher, die Hönicke morgens auf den Straßen Lichtenbergs zusammen mit seinem Flyer verteilt hat. Das war seine Idee, deswegen hat er es auch selbst bezahlt. Sollte er am 24. September in den Bundestag einziehen, würde er eine Diät, also ein Monatsgehalt, an die SPD als Dank für die Wahlkampfunterstützung im Laufe der Legislaturperiode spenden. Das ist so Usus bei den Genossen, keine Pflicht.

Doch dass es zu dieser Spende kommt, ist derzeit nicht sehr wahrscheinlich. Der Wahlkreis Berlin-Lichtenberg geht seit der Wiedervereinigung an die PDS und die Linke. Sein Platz auf der Landesliste ist zu weit hinten, um darüber ein Mandat zu bekommen. Hönicke ist trotzdem motiviert.

Manchmal weit weg, "das nervt"

"Ich habe richtig Bock auf Bundestag", sagt der 33-Jährige. Alles, was er bis jetzt während des Wahlkampfes erlebt hat, bestärkt ihn: die vielen Gespräche mit den Menschen, der Haustür-Wahlkampf, die Unternehmensbesuche. "Die Menschen brauchen wieder Vertrauen in die Politik", sagt Hönicke. Dafür könne er sorgen, findet Hönicke. Er, der Ost-Berliner, der als erster in seiner Familie Abitur machte und studierte, wo Politiker immer nur "die da oben" waren. "Politik ist manchmal so weit weg von den Menschen, das nervt mich." Man müsste mehr über die Mieten reden, mehr über die Rente. Was Hönicke viel mehr als Geld in den Wahlkampf investiert, ist Zeit.

Pro Tag sind es mindestens drei Termine, oft eher vier oder fünf. Gut 300 werden es bis zum Wahltag sein. Seine Termine macht er selbst, er beantwortet jede Mail, jeder Post auf Twitter oder Facebook ist von ihm. Etwa zwölf Ehrenamtliche unterstützen ihn, die Partei schickt in den letzten Wochen vor der Wahl zwei Mitarbeiter mit jeweils 20 Arbeitsstunden.

Hönicke hat zwar nicht die besten Chance, aber viel Glück: Seine Frau ist leidensfähig und unterstützt ihn, die Freunde und Familie haben Verständnis, dass er eigentlich seit Monaten nie da ist, das erst wenige Monate alte Kind schläft gerne und gut. Und er ist Lehrer an einem Gymnasium, bis zum Wahltag ist er freigestellt. Sollte die Kandidatur schief gehen, fällt er finanziell weich in einen Beruf zurück, den er mag. Schon während der Sommerferien konnte er sich auf den Wahlkampf konzentrieren. "Noch wichtiger als finanzielle sind zeitliche Ressourcen", sagt Marion Reiser, Professorin an der Universität Lüneburg.

"Chancengleichheit gilt nicht uneingeschränkt"

Reiser ist Politikwissenschaftlerin und hat untersucht, wer für den Bundestag kandidiert. Langjähriges Engagement in der Partei, die so genannte Ochsentour, ist das wichtigste Kriterium, ob jemand als Kandidat aufgestellt wird, sagt sie. Dann muss man für den eigentlichen Wahlkampf noch gut drei Monate investieren, für Straßenwahlkampf, Diskussionsforen und so weiter, und sich am besten vom Arbeitgeber freistellen lassen. "Beamte, Angestellte im öffentlichen Dienst und im politischen Bereich haben da klare Vorteile. Für bestimmte Berufsgruppen ist es schwierig zu kandidieren", sagt Reiser. "Chancengleichheit gilt also nicht uneingeschränkt." Das zweite Kriterium: der finanzielle Eigenanteil.

Nach Reisers Befragung haben etwa 90 Prozent der Direktkandidaten Geld aus eigener Tasche zu ihrem Wahlkampf hinzugegeben. Die meisten viel mehr als Hönicke. Sie schossen 10.000 bis 20.000 Euro hinzu, was etwa ein Drittel bis ein Viertel der Gesamtkosten ausmacht. Bei den Linken waren es weniger, bei der CSU manchmal bis zu 70.000 Euro. Dabei ist entscheidend, so Reiser, ob der Wahlkreis umkämpft ist.

Von einem SPD-Direktkandidaten in Bayern etwa wird weniger finanzieller oder zeitlicher Einsatz erwartet als bei einem Direktkandidaten in einer Region, wo es knapp werden könnte. Um mit noch mehr Give-aways oder noch mehr Präsenz in der Fußgängerzone die entscheidenden zwei Prozent zu gewinnen. Dabei scheint den Parteien Engagement wichtiger als Geld zu sein: "Ich kenne keinen einzigen Fall, wo die Kandidatur am Eigenanteil gescheitert wäre", sagt Reiser.

Parteien erwarten eher Zeit als Geld

Fragt man die Parteien nach der Finanzierung des Wahlkampfs ihrer Direktkandidaten, antworten sie entweder gar nicht oder spärlich. "Es gibt keine finanzielle Unterstützung durch die Bundespartei", heißt es aus der CDU-Zentrale. Höchstens ein "umfangreiches Serviceangebot", wie Ansprechpartner für Foto-Shooting, Beratung und Schulung für den Haustürwahlkampf. Auskunftsfreudiger sind, bis auf die AfD, die kleineren Parteien, für die der Kampf um die Zweitstimme wichtiger als der um die Erststimme ist: Dass sie einen Wahlkreis direkt gewinnen, ist die Ausnahme. Die Grünen rechnen mit einem, die Linken vielleicht mit fünf Direktmandaten.

"Die Linke führt vor allem einen Zweitstimmenwahlkampf", sagt Linken-Sprecher Hendrik Thalheim. Umgerechnet sind etwa 20.000 Euro pro Wahlkreis eingeplant, gut 6,5 Millionen Euro insgesamt. Natürlich bringe der ein oder andere Kandidat, der ein oder andere Kreis- oder Landesverband manchmal auch zusätzliches Geld ein. Aber: "Wir erwarten von keinem Kandidaten, keiner Kandidatin, dass er oder sie Eigenmittel in den Wahlkampf einbringt, außer Zeit und Engagement."

Grüne setzen auf Crowdfunding

Das ist bei den Grünen ähnlich. "Die Finanzierung gründet in keinster Weise auf der Eigenbeteiligung", sagt Bundesschatzmeister Benedikt Mayer. 5,5 Millionen Euro wird dieser Wahlkampf auf Bundesebene kosten. Etwa die gleiche Summe bringen noch einmal die Untergliederungen, also Orts-, Kreis- und Landesverbände auf. Zwei Millionen Euro gehen als größter Posten in TV- und Kino-Werbung, Plakate und den Internetwahlkampf. 40 Leute wurden für den Wahlkampf zusätzlich eingestellt.

Auf Großspenden können die Grünen allerdings nicht setzen. "Das ist die absolute Ausnahme", sagt Mayer. Auf parteiinternes Crowdfunding schon eher: Die Parteimitglieder werden angerufen und um eine Spende für den Wahlkampf gebeten. "Wir sind damit sehr erfolgreich", sagt Mayer. Diesmal werden es deutlich mehr als die 150.000 Euro aus der Telefonaktion 2013, das sei jetzt schon klar. Dabei handele es sich nicht um große Summen. "Fünf bis 500 Euro" je Spender, sagt Mayer, nur wenige Ausreißer nach oben.

"Ein gewisses Risiko muss man eingehen"

Crowdfunding, damit hat auch Konstantin Kuhle Erfolg. Der Bundesvorsitzende der Julis, der Jugendorganisation der FDP, kandidiert in Göttingen - mit kräftiger Konkurrenz: SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, der den Wahlkreis schon dreimal gewonnen hat, oder Grünen-Urgestein Jürgen Trittin. 10.000 bis 20.000 Euro kalkuliert Kuhle für seinen Wahlkampf. Gut 10.000 Euro kommen von der Partei, den Rest sammelt er per Spenden zusammen. Und was nicht reinkommt, bleibt am Ende an seinem Geldbeutel hängen.

"Ein gewisses Risiko muss man eingehen", sagt Kuhle. Auf seine "hohe Kante" kann er sich dabei nicht verlassen: Kuhles zweite Staatsexamen war erst im April, er konzentriert sich derzeit auf den Wahlkampf und arbeitet nur einen Tag die Woche als Rechtsanwalt. "Das geht gerade eben so", sagt er. Die Crowdfunding-Idee hatte ein Ehrenamtlicher aus seinem Team. Bild von Kuhle, Grafik mit Bankverbindung, geteilt quer durch die sozialen Netzwerke: Mehr als 5.000 Euro hat ihm das eingebracht, mehr als "beim klassischen Fundraising", sagt Kuhle.

Trotzdem wird es für ihn schwer, in den Bundestag einzuziehen. Auf der FDP-Landesliste hat er den sechsten Platz. Drin, nicht drin, drin, nicht drin - je nach Umfrage geht das derzeit hin und her. Niedergeschlagen ist er deswegen nicht. "Ich habe bei der FDP erst die schlimmen Zeiten erlebt und dann am Neuanfang der Partei mitgearbeitet", sagt Kuhle. Jetzt wolle er auch beweisen, dass seine Partei die besseren politischen Ideen habe. "Das gibt mir Motivation." Im Wahlkampf , sagt Kuhle, "muss man alles geben".

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