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Präsident des DWD - "Wir können jetzt den Klimawandel live erleben"

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13 aufeinanderfolgende Monate zu warm, dazu viel zu wenig Regen: Deutschland hat einen Extremsommer hinter und womöglich den nächsten vor sich - Folgen des Klimawandels.

Kühe auf vertrockneter Weide in bei Schönebeck in Sachsen-Anhalt (Archivbild vom 23.07.2018)
Bilder, die man eher mit dem Mittelmeerraum verbindet: Kühe suchen Futter im Sommer 2018 auf einer vertrockneten Weide bei Schönebeck in Sachsen-Anhalt.
Quelle: dpa

"Wir können jetzt den Klimawandel live erleben. Der April 2019 ist hierzulande der 13. zu warme Monat in Folge. Das hat es in Deutschland seit 1881 noch nie gegeben", sagt Prof. Dr. Gerhard Adrian, Präsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Aber nicht nur die Wärme, sondern auch die Dürre war außergewöhnlich.

Der DWD veröffentlichte vergangene Woche sogar einen Bericht über eine mögliche noch schlimmere Dürre. Bisher ist das Regendefizit nicht ausgeglichen, und sollte es erneut zu einer längeren trockenen Periode im Sommer kommen, so könnte die Dürre laut DWD noch stärker ausfallen. Kein Wunder, um das Defizit von 2018 ausgleichen zu können, müsste es über Monate im Schnitt nasser sein. Das war bisher nicht der Fall.

Könnte es zu einer Wiederholung des Sommers 2018 kommen?

Maßgeblich für die Dürre im Sommer 2018 war der Jetstream. Er ist das Starkwindband, das normalerweise ringförmig um die Arktis herum liegt und dabei von West nach Ost weht. Die Wind-Geschwindigkeiten sind hoch und erreichen durchaus über 500 km/h. Dabei wird der Jetstream nach Norden und Süden ausgelenkt. Diese Wellenform nennt man Rossby-Wellen. Mit den Wellen wandern die Tiefs, die uns den Regen bringen. Sie wechseln sich dabei im Normalfall mit Hochs ab.

2018 verhielt sich der Jetstream allerdings anders als sonst, und es kam vermehrt zu Blockade-Situationen. Hochs setzten sich fest, verstärkten sich und blockierten den Weg der Tiefs. Schon im Frühling 2018 verhielt sich der Jetstream auffällig. Er mäanderte stark, das bedeutet die Ausschläge der Wellen waren weit südlich und nördlich. Das setzte sich so weit fort, dass die gesamte Strömung im Sommer stockte: nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa sondern auf der gesamten Nordhemisphäre.

Das Wetter änderte sich kaum noch. Die Trockenheit setzte sich gewissermaßen fest. Ab Februar 2018 fiel zu wenig Regen, ab April dominierte hoher Luftdruck. Die Temperatur war viel zu hoch. So wurden der April und in Folge der Mai für sich gesehen die wärmsten Monate seit 1881.

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Und dabei blieb es nicht: Zahlreiche Rekorde purzelten in den Sommermonaten auf der Nordhemisphäre. So war früh und mit der Zeit immer häufiger das seltsame Verhalten des Jetstreams ein Thema. Der Bezug zur Klimakrise wurde hergestellt. Der Dürresommer war im vollen Gange.

Schnell kamen Aussagen wie: "Aber 2003 war doch noch heißer und schlimmer" und "Sowas hatten wir doch schon mal". In gewisser Weise stimmt das: 2003 starben europaweit Zehntausende Menschen an den Folgen der Hitze. Dennoch war das ganze Jahr 2018 wärmer als 2003 und sogar das wärmste Jahr in Deutschland seit 1881 - das Rekordjahr bisher.

Blockade der Rossby-Wellen verschärft Wetterextreme

Eine wissenschaftliche Studie zieht nun eine Parallele zwischen 2003 und 2018. In beiden Jahren verhielt sich der Jetstream ähnlich, wie Kai Kornhuber, Klimawissenschaftler an der Universität Oxford und Leitautor der Studie, gegenüber dem ZDF erklärt. Im Prinzip hingen die Wellen des Jetstreams in den gleichen Gegenden fest. Der Sommer 2018 stellte also eine Art Wiederholung des Sommers 2003 dar. Kornhuber führt weiter aus, dass bestimmte Regionen weltweit besonders betroffen sind: Westeuropa, Kaukasus, aber auch die westlichen und zentralen USA. Dort kommt zu der Erwärmung, die durch den Klimawandel getrieben wird, eine zusätzliche Erwärmung durch das Festhängen der Rossby-Wellen dazu. Dadurch können Wetterextreme noch größere Dimensionen erreichen.

Das Ungewöhnliche ist die lange Dauer dieser Wellen-Blockierungen auf der Nordhemisphäre. Aber auch die Häufigkeit der Blockierungen an sich nimmt zu. Ko-Autor Dim Coumou von der Vrije Universiteit Amsterdam schreibt dazu in der Pressmitteilung des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK): "In den zwei Jahrzehnten vor 1999 gab es keine Sommer, in denen wir dieses Muster der stockenden Wellen über eine Dauer von zwei Wochen oder noch länger hatten, aber seitdem haben wir bereits sieben solcher Sommer erlebt."

Erwärmung der Arktis schwächt Jetstream ab

Die Ursache für das Verhalten des Jetstreams ist das zurückgehende Eis in der Arktis. Das wirkt sich besonders im Sommer aus, wenn die Arktis sich naturgemäß erwärmt. Die Temperaturen in den mittleren Breiten und der Arktis nähern sich an. Dadurch sinkt die Windgeschwindigkeit und der Jetstream schlingert bzw. mäandert. Dieser bekannte Effekt wird durch die rasante Erwärmung der Arktis verschärft. Mittlerweile lässt sich allerdings auch in den Wintermonaten starkes Schlingern beobachten. Das hat zur Folge, dass Tiefs in die Arktis ziehen, Feuchtigkeit, Wärme und starken Wind mitbringen und auf unterschiedlichste Weise zu einer weiteren Erwärmung und Verringerung der Eismassen führen. Das sind nur einige von zahlreichen Rückkopplungseffekten, die den Klimawandel verstärken.

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Die UN haben jüngst in einem Bericht gewarnt, dass selbst beim Einhalten des Pariser Abkommens die Arktis sich weiter stark aufheizen wird. Die Auswirkungen auf den Jetstream könnten also noch weitreichender werden und  der Klimawandel früher verheerende Ausmaße annehmen. Bisher ist jedoch das Pariser Abkommen nicht klimawirksam umgesetzt worden. Der Ausstoß der Treibhausgase hat im Jahr 2018 weltweit noch weiter zugenommen.

Ob nun der Sommer 2019 wieder ein Dürrejahr wird, kann man noch nicht beantworten. Aber die Blockierungen und das starke Schlingern des Jetstreams setzen sich weiter fort. Auf weitere Wetterextreme werden wir uns wohl einstellen müssen: Tendenz steigend.

Özden Terli ist Meteorologe in der ZDF-Wetterredaktion. Folgen Sie dem Autoren auf Twitter.

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