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45 Jahre GSG 9 - Der Mythos von der "Operation Feuerzauber"

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Im September 1972 überfallen palästinensische Terroristen das Olympische Dorf in München. Der Polizeieinsatz gerät zum Desaster. Als Konsequenz wird am 26. September 1972 die Grenzschutz-Spezialeinheit GSG 9 gegründet. Im heute.de-Interview erzählt Gründungsmitglied Dieter Fox von seinen Erlebnissen.

Vor 45 Jahren wurde die Elite-Einheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes, heute angesiedelt bei der Bundespolizei, gegründet. Ihr Ziel: der Kampf gegen den Terror. Im Interview erzählt Dieter Fox, Gründungsmitglied der GSG 9, unter anderem von der Befreiung …

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5 min
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heute.de: Wie sind Sie zur GSG 9 gekommen?

Dieter Fox: Ich war zum damaligen Zeitpunkt in Bonn beim Bundesgrenzschutz. Die Ausschreibung, die vom Bundesinnenministerium lief, sagte aus, dass Freiwillige für eine sogenannte "Anti-Terroreinheit" gesucht werden. Ich hatte damals viele Sportlehrgänge absolviert und fühlte mich fit. Ich wusste, was ich wollte, nämlich: genau dahin. Nach dem Auswahlgespräch begann für mich der erste Schritt hin zu einer Spezialeinheit, von der wir gar nicht wussten, wie sie funktioniert und was sie ist. Das war schon sehr abenteuerlich.

heute.de: Wer wurde nicht aufgenommen?

Fox: Rausgefallen wären Spinner, "Rambos" und Abenteurer, die sich in dieser Form auch dargestellt hätten. Wir haben da einige gehabt, die haben das gemacht und haben sich so benommen. Wir brauchten aber ruhige, abgeklärte Leute, die loyal zu der Sache sind und sich mit der GSG 9 identifizieren konnten.

heute.de: Was machte für Sie die GSG 9 aus?

Fox: Das war wie in einer Fußballmannschaft: Nur das Team ist stark. Der Einzelne in der GSG 9, der ist zwar gut für sich selbst, bewirkt im Team alleine aber überhaupt nichts. Nur das Team kann gewinnen.

heute.de: Der erste große und wohl spektakulärste Einsatz war die Erstürmung der "Landshut" in Mogadischu. Was haben Sie gedacht, als der Einsatzbefehl kam?

Fox: Ich kann ohne Arroganz sagen, dass die GSG 9 zum damaligen Zeitpunkt mit Abstand die beste Einheit europaweit, wenn nicht sogar weltweit war, die mit Flugzeugentführungen umgehen konnte. Wir hatten das fünf Jahre lang trainiert, Tag und Nacht. Wir wussten also, dass wir das Ding aufgrund unserer Ausbildung locker packen konnten. Nur: Hier ging es jetzt um Leben und Tod.

heute.de: Gab es einen Punkt, an dem sie Zweifel hatten, dass der Einsatz gut geht? Hatten Sie eventuell sogar Angst?

Fox: Von Angst möchte ich bewusst nicht reden. Aber ich spürte eine große Anspannung. Es gab ja auch Probleme im Laufe des Einsatzes. Zum Beispiel sind die Funkgeräte ausgefallen. Und als wir in der Annäherung an die Maschine waren, hab ich wahrgenommen, dass auf einmal aus einem Gebüsch ein Schwarm Enten herausgeflogen kam. Die hatten einen höllischen Lärm gemacht, ein solches Spektakel, dass wir dachten: Das müssen jetzt auch die Entführer hören, unser Einsatz ist aufgeflogen. Das war zum Glück nicht so.

heute.de: Das Codewort für den Zugriff war "Feuerzauber". Wer hatte sich das ausgedacht?

Fox: Das war der damalige Kommandant Ulrich Wegener. Das ist ihm wohl eingefallen, um uns psychisch zu unterstützen. Es sollte uns auch zeigen, dass jetzt der erste große Einsatz ansteht. "Feuerzauber" klingt ja wohl auch motivierender als "Steinpilz" oder "Blaubeere". Dass sich der Ausdruck "Operation Feuerzauber" zu einem Mythos entwickelt, daran hatten wir natürlich alle damals nicht geglaubt.

heute.de: Was war genau ihre Rolle bei der Erstürmung der "Landshut"?

Fox: Ich war an zweiter Position, ich habe die Tür hinten rechts geöffnet. Ich musste dann abtauchen, damit die Tür aufschwingen konnte. Ich bin als Zweiter rein und konnte dann über alle Köpfe wegsehen. Einige Geiseln saßen zusammengesunken, die ganze Maschine hat bestialisch nach Fäkalien und Jauche gestunken. Kein Film kann wiedergeben, wie schlecht es den Geiseln wirklich ging. Das erste, was ich gemacht habe, war den Satz zu rufen: "Köpfe runter! Wo sind die Schweine?" Die Geiseln sollten hören, dass jetzt Deutsche Spezialkräfte in der Maschine sind. Der klassische Feuerkampf hat dann vielleicht 45 Sekunden, maximal eine Minute gedauert.

heute.de: Wie bewerten Sie den Einsatz in Mogadischu heute?

Fox: Wir waren uns schon darüber im Klaren, dass es auf unserer Seite vielleicht ein, zwei oder drei Tote geben könnte. Und dass auch einige Passagiere vielleicht sterben werden. Meine Einschätzung heute ist, wir haben 50 Prozent Glück gehabt und 50 Prozent Können gezeigt.

heute.de: Fühlen Sie sich als Held?

Fox: Ich nehme das Wort "Held" ungern in den Mund. Was wir gemacht haben, das hört sich zwar nach Heldentum an, ist aber lange trainierte Arbeit, damit dieser Erfolg entstehen konnte.

heute.de: Wie sehen Sie die GSG 9 heute und welchen Anteil haben Sie daran?

Fox: Wir haben damals etwas aufgebaut und entwickelt. Aber das befindet sich heute in einem ganz anderen Stadium. Wenn die Amerikaner heute die GSG 9 anrufen und fragen, könnt ihr das und das machen, dann ist die GSG 9 in der Lage, das zu tun. Daran sieht man, welchen Stellenwert sie heute hat.

heute.de: Sie waren 14 Jahre Mitglied der GSG 9. Ihr Fazit?

Fox: Die 14 Jahre bei der GSG 9 waren die schönsten Jahre meines Lebens.

Das Interview führte Torge Bode.

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